Einzelhandel vor dem Kollaps

Einzelhandel vor dem Kollaps: Droht die Pleite-Welle im Landkreis?

Wittenberg - Viele Inhaber kleiner Läden kämpfen im Landkreis Wittenberg ums Überleben. Die Soforthilfen haben nicht alle erreicht. Die MZ hat sich umgehört.

Von Paul Damm
Hilferuf in den Schaufenstern des Modegeschäfts „Unique“

Sie sind ratlos, fühlen sich durch die Folgen der Coronakrise bedroht und bangen um ihre Existenz. Besonders die Inhaber kleiner Läden und Unternehmen im Landkreis Wittenberg haben es schwer. Der bis Ende Januar verlängerte Lockdown und die rasant ansteigenden Coronainfektionen lassen die Hoffnung auf eine baldige Eröffnung schwinden. Einige Inhaber fürchten dadurch den finanziellen Ruin. Die Corona-Soforthilfen sind bei den von der MZ befragten Ladenbesitzern nur teilweise oder gar nicht ausgezahlt worden.

Franziska Henze, Inhaberin vom Modegeschäft „Unique“

Nicht mehr lange wird die Inhaberin des Wittenberger Modegeschäfts „Unique“ in der Collegienstraße durchhalten können. Zumindest erwecken die Plakate an der Hauswand den Anschein. „Leere Schaufenster sind die Zukunft“, steht darauf mit Druckbuchstaben geschrieben.

Wie viele andere darf Franziska Henze seit Mitte Dezember ihr Bekleidungsgeschäft nicht mehr öffnen. Sie sagt: „Es ist sehr schwer für mich - ein Ende des Lockdowns ist auch nicht absehbar.“

Die Wittenbergerin hat einen Antrag auf Dezemberhilfen gestellt, allerdings erhielt sie nach ihren Aussagen lediglich 278 Euro und zehn Cent. „Das ist in meinen Augen ein Witz. Alleine die Ladenmiete beträgt schon 1.400 Euro“, konstatiert Henze. Ein finanzielles Polster hat die Inhaberin des Modegeschäfts nicht. Erst seit knapp über einem Jahr betreibt sie den Laden in der Collegienstraße. Henze sagt: „Ich bin dennoch nicht untüchtig.“

Trotz des geschlossenen Ladens will sie mit ihrer Mode Geld verdienen. Sie arbeitet momentan an einem Online-Shop, in dem die Besitzerin ihre Kleidung zum Verkauf anbieten möchte.

Angela Jakob, Inhaberin eines Friseursalons

Die Hoffnung auf eine baldige Öffnung der Friseursalons gibt Angela Jakob aus Jeber-Bergfrieden bei Coswig nicht auf. Die Friseurmeisterin würde gerne schon jetzt Kunden empfangen. Leider ist das nicht möglich. „Ich bin hier ganz alleine. Theoretisch wäre es möglich, immer nur eine Person zu frisieren“, betont Jakob. Im vorigen Frühjahr musste sie auch schon ihren Laden vorübergehend dicht machen. „Damals war man auch gezwungen abzuwarten. Ich hoffe, dass es schon bald ein Licht am Ende des Tunnels geben wird.“

Die Corona-Soforthilfen für den Monat Dezember hat Angela Jakob bisher noch nicht beantragt. Sie erklärt: „Bis jetzt komme ich mit meinem Ersparten noch ganz gut über die Runden.“

Kathrin Brückner vom Floristik-Geschäft „Pusteblume“

Eine clevere Lösung, um weiterhin Blumensträuße und Gestecke verkaufen zu können, hat Kathrin Brückner vom Gräfenhainichener Blumengeschäft „Pusteblume“ gefunden. Die Geschäftsführerin erstellt Bilder von ihren Kreationen und postet diese dann auf Social-Media-Seiten. Kunden können sich davon inspirieren lassen und einen Strauß zur Abholung telefonisch bestellen. „So bekommen wir wenigstens etwas in die Kasse“, erklärt Brückner.

Über ein kleines Fenster können die Kunden ihre bestellten Sträuße und Gestecke abholen. Auch einen Lieferservice bietet die Inhaberin an. Obwohl sie damit zumindest ein wenig für Umsatz sorgt, kann sie ihre vier Mitarbeiter nicht bezahlen. Diese sind seit Mitte Dezember in Kurzarbeit.

Die große Sorge der Gräfenhainichenerin besteht darin, dass sich der Lockdown bis Ostern fortsetzt. Sie sagt: „Zu Ostern und am Valentinstag ist immer besonders viel los. Letztes Jahr durften wir in dem Zeitraum nicht öffnen.“

Anika Richter, Inhaberin des Geschäfts „Kunterbunt“

Bei Anika Richter liegen die Nerven blank. Die Inhaberin des Eltern-Kind-Cafés und des Fitnessgeschäfts „Kunterbunt“ hat nun schon seit dem dritten November geschlossen - die wichtigen Einnahmen fehlen der Wittenbergerin.

Um von etwas leben zu können, hatte sie ihr Geschäft als Secondhand-Laden umgestaltet. Einige Eltern brachten Kleidungsstücke, die sie verkaufen sollte. Bei jedem Verkauf erhielt sie eine Provision. „Wir sind von jetzt auf gleich wieder auf null. Hilfe bekommen wir auch keine“, betont Richter. Ihre vier Mitarbeiter sind seit November in Kurzarbeit. Von den beantragten Novemberhilfen sei bislang noch kein Cent angekommen, erklärt die Leiterin des Geschäfts und sagt: „75 Prozent hatte man uns eigentlich als Zuschuss versprochen.“

Bis Ende Januar wäre Richter mit Kindergeburtstagen in ihrem Geschäft Kunterbunt ausgebucht gewesen. Jetzt wartet sie vergeblich auf Einnahmen. Richter vermutet: „Wenn der geplante Lockdown noch länger andauert, wird das mit Sicherheit für viele kleine Geschäfte in der Wittenberger Innenstadt das Ende bedeuten.“ (mz)

Kathrin Büttner fertigt Blumengestecke auf Bestellung.
Abholung nur am Fenster