„Du jehst jetzt heeme“

Annaburger würgte Nachbarn - Gericht zeigt keine Milde

Ein Annaburger soll im Streit einen Nachbarn gewürgt und nach ihm geschlagen haben. Auf Milde des Gerichts konnte er bei seiner Berufung nicht hoffen.

Von Von Andreas Behling
Der Annaburger wurde zu einer Geldstrafe in Höhe von 2.400 Euro verurteilt.
Der Annaburger wurde zu einer Geldstrafe in Höhe von 2.400 Euro verurteilt. picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild

Dessau/Annaburg/MZ - „Das Amtsgericht hat alles richtig gemacht“, befand Thomas Knief, Vorsitzender Richter der 4. Strafkammer des Landgerichts Dessau-Roßlau. Aus seiner Warte und der der zwei Schöffen gab es am Urteil seiner Wittenberger Kollegin Jeanette Preissner, das am 16. März 2021 ergangen war, nichts zu deuteln. „Es trug sich zu wie beschrieben. Das Rechtsmittel des Angeklagten war unbegründet“, erläuterte Knief in eher knappen Worten, weshalb die Berufung zurückzuweisen war.

Vorwurf: Körperverletzung

Für einen 76-jährigen Annaburger bleibt es somit bei einer Gesamtgeldstrafe in Höhe von 2.400 Euro. Die war ihm von der ersten Instanz wegen einer vorsätzlichen Körperverletzung auferlegt worden. Zugetragen hatte sich die Tat in den Nachmittagsstunden des 17. Juni vergangenen Jahres. Ein Nachbar, der von der Arbeit kam, wollte den Mann damals zur Rede stellen, weshalb er ihn denn zum wiederholten Male angezeigt habe.

Daraufhin habe der Rentner, der auf dem Rad unterwegs war, den 65-Jährigen mit der linken Hand am Hals gepackt und mit der anderen Hand mehrmals den Versuch unternommen, seinem Gegenüber Schläge ins Gesicht zu versetzen. Einer Frau, die beim Kaffeetrinken unterm Carport die Auseinandersetzung vor ihrem Grundstück bemerkte, eilte auf die Straße und versuchte mit ein paar energischen Worten - „Du jehst jetzt heeme. Und Du fährst nach Hause.“ - das Duo zu trennen.

Gleichwohl musste der Angegriffene - von Rechtsanwalt Klaus Peter Wöhlermann in der Nebenklage vertreten - einen Rettungswagen verständigen, weil er unter Atemnot litt. „Ich hatte Schluckbeschwerden und war psychisch total angeschlagen. Wenn es knarrt, denke ich, dass er hinter mir steht“, sagte der Geschädigte, der zudem eine etwa fünf Zentimeter lange Kratzwunde im unteren Halsbereich davontrug. Jene Verletzung und die roten Verfärbungen der Haut, augenscheinlich vom zupackenden Griff stammend, sind fotografisch dokumentiert worden.

Zeugin widerlegt Darstellungen des Angeklagten

„Die Geschichte stimmt nicht“, beharrte derweil der Angeklagte. „Diese Verletzungen hat es nie und nimmer gegeben. Sie sind später zustande gekommen.“ Seine Version: Er sei vom Fahrrad gestoßen worden. Und weil daher sein frisch operiertes Knie fürchterlich weh getan habe, habe er sich zu einem Schlag gegen die rechte Schulter des Nachbarn hinreißen lassen. „Mehr Körperkontakt gab es nicht.“ Doch diese Darstellung wurde von den Zeugen - eben der Nachbarin, die hinzueilte, und einem im Auto sitzenden Paar, das „das Schauspiel“ aus knapp 20 Metern Entfernung verfolgte - nicht bestätigt.

„Wir haben von nicht einem Zeugen gehört, dass der Nebenkläger die Hand erhob und selbst zuschlug“, fasste Staatsanwalt Jörg Blasczyk die Aussagen zusammen. Für ihn war es „ganz schön heavy“, also ein starkes Stück, dass sich dem Plädoyer der Verteidigerin Manja Seehaus-Rahmig entnehmen ließ, alle Zeugen hätten - obschon sie belehrt wurden, die Wahrheit zu sagen - Gefälligkeitsaussagen abgeliefert. Was übersetzt nichts anderes bedeute als: die Leute lügen. „Ui, das geht mir ein bisschen weit“, hielt der Anklagevertreter nicht hinterm Berg.

Streit in der Nachbarschaft

Aus seiner Sicht lag kein entlastender rechtfertigender Notstand vor. Zudem hielt er die Geldstrafe - im Strafbefehlsverfahren waren noch vergleichsweise milde 600 Euro veranschlagt worden - für „nicht zu hoch“. Anwalt Wöhlermann („Die Einsicht hielt nicht Einzug.“) zürnte geradezu, dass die Zeugen als Lügner „abgekanzelt“ worden seien. „Eigentlich ist das schon der nächste Straftatbestand“, meinte der Jurist aus dem sächsischen Torgau. Im Übrigen würde es das normale Maß an Verteidigungsverhalten übersteigen, wenn es Drohungen gegen Zeugen gäbe.

Eine 62-Jährige, die das Verhältnis der Nachbarn zum Angeklagten mit den Worten „Wir wollen alle nichts mit ihm zu tun haben“ beschrieb, hatte der Kammer berichtet, dass der Rentner nach dem Vorfall auf sie zugekommen sei und ihr erklärte, sie würde so viele Anzeigen bekommen, dass sie nicht mehr froh werde. Wenn dies nochmals in dieser oder einer anderen Form der Fall sein sollte, bat sie der Vorsitzende Richter, solle sie ihn persönlich oder die Staatsanwaltschaft kontaktieren.

Knief ging letzten Endes auch nicht davon aus, dass die Zurückweisung der Berufung die Situation vor Ort besser machen wird: „Unsere Entscheidung wird den Angeklagten nicht zufriedenstellen.“ Dem 76-Jährigen steht das Rechtsmittel der Revision zu.