60 Jahre Radarkontrolle

60 Jahre Radarkontrolle: Hilfspolizisten sollen Raser im Kreis Wittenberg überführen

Wittenberg - Verkehrssicherheit bleibt in Wittenberg ein Schwerpunkt. Stadt reagiert auf Forderungen der Bürger. Raser zahlen jährlich Millionen Euro.

Von Michael Hübner

Die Raser müssen sich in Wittenberg auf verstärkte Kontrollen einstellen. Die Technik - es bleibt bei einer stationären und fünf mobilen Mess-Möglichkeiten - wird zwar nicht aufgerüstet, aber das Personal. Das Land bildet im Frühjahr 20 Hilfspolizisten aus.

Ein Quartett soll danach in der Lutherstadt eingesetzt werden. Der Polizeichef freut sich über die Unterstützung. „Das gibt mir die Möglichkeit, Kräfte für andere Aufgaben frei zu lenken“, sagt Marcus Benedix. Nach seinen Angaben werden sich die neuen Kollegen unter anderem um die Begleitung von Schwerlasttransporten und eben um die Geschwindigkeitskontrollen kümmern.

„Das hat bei uns aber präventiven Charakter“, betont der Revierleiter und nennt als Beispiel den Einsatz vor Grundschulen. Dort würden die meisten vernünftig fahren, doch es gelte, die „zwei, drei“ unverbesserlichen Raser zu stoppen.

Blitzer vor Kitas und Seniorenheimen im Kreis Wittenberg

Die gleiche Philosophie verfolgt die Stadt, betont Hagen Pisoke. So komme das mobile Messfahrzeug vor Kindereinrichtungen und Seniorenheimen zum Einsatz. Das sei alles vertraglich mit einer Firma geregelt - auch das Spezialauto ist quasi gemietet. Unter dem Strich seien die Verantwortlichen froh, wenn die erwischten Temposünder für eine schwarze Null sorgen.

„Vor etwa zehn Jahren gab es verstärkt Beschwerden von Einwohnern zu den Rasern“, erinnert sich der Sachgebietsleiter Ordnung und Verkehr. Der Stadtrat habe dann eben den Einsatz der Blitzer beschlossen.

„Die Anschaffung der Technik ist für Kommunen einfach zu teuer“, sagt Maik Strömer, der als Politiker - der Mann ist Ratschef in Oranienbaum - eine solche Investition ablehnen würde. Allerdings an der Notwendigkeit von Tempokontrollen hat er keinen Zweifel.

„Ohne das Risiko, entdeckt zu werden, würde das Geschwindigkeitsniveau auf den Straßen immer mehr steigen“, meint der Mann, der eben auch Sprecher der Polizeidirektion in Dessau und davon überzeugt ist, dass seine Ordnungshüter Toleranz und Kulanz an den Tag legen würden. „Unsere Beamten haben einen gewissen Ermessensspielraum“, betont er.

Nach seinen Angaben werden Verstöße auf Strecken mit besonders hoher Gefährdung für Fußgänger und Radfahrer strenger geahndet als auf Straßen, auf denen es kaum Rad- und Fußgängerverkehr gibt. Das bestätigt auch Christian Lindner. „Die Verkehrssicherheit steht an erster Stelle“, sagt der Pressesprecher des Magdeburger Innenministeriums.

Es gibt aber auch Einnahmen in Millionenhöhe zu verzeichnen. Exakt sind es 15.251.915,04 Euro für alle von der Polizei geahndeten Verstoßarten in Sachsen-Anhalt im vergangenen Jahr. Hinzu kommen noch die Einnahmen der Kommunen. Hier sind es fast ausschließlich die Blitzer, die noch einmal 2016 exakt 1.740.357,29 Euro in die meinst chronisch leeren Kassen spülten.

„Hinsichtlich der Einnahmenverwendung gehe ich davon aus, dass es keine (abgesehen von den Kommunen) zweckgebundene Mittelverwendung der Blitzereinnahmen gibt. Das Geld fließt allgemein dem Landeshaushalt zu“, erklärt Lindner.

Radarkontrolle feiert 60. Geburtstag

Fakt ist, jeder, der erwischt wird, ist verärgert. Möglicherweise wird auch deshalb kaum an ein Jubiläum erinnert: Vor 60 Jahren gab es die erste Radarkontrolle in Deutschland. Der erste Feldversuch zur Verkehrsüberwachung erfolgte durch das nordrhein-westfälische Innenministerium in Düsseldorf.

Die „Gebühreneinzugsmaschine“ - so nannten die Polizisten damals ihre neue Technik - trat ihren Siegeszug an und wurde zunächst in den Zeitungen groß gefeiert. Journalisten sprachen von der neuen „Wunderwaffe der Polizei“. Die Weltneuheit „Made in Germany“ ging 1958 in Serienproduktion. Die fest montierten „Starenkästen“ versetzten danach aber Autofahrer immer wieder in ohnmächtige Wut.

Der schrecklichste Vorfall ereignete sich 2000 auf einer Autobahn in Hessen. Ein ertappter Raser erschoss einen Polizisten und verletzte einen weiteren schwer.

Aber nicht nur zahlreiche Tempoverstöße, sondern auch Seitensprünge und Kapitalverbrechen werden in der inzwischen 60-jährigen Geschichte der Blitzer aufgedeckt. Tatsächlich tappte so mancher Schwerverbrecher in die Tempofalle, bestätigt auch Strömer auf MZ-Anfrage. „Aber bei uns gibt es einen solchen Fall bisher nicht“, so der Dessauer Polizeisprecher am Dienstag. (mz)