Zufällig Spionin

Zufällig Spionin: 99-Jährige wird zum Medienstar

Langenstein - Dass die Hauptdarsteller von Filmen durch die Weltgeschichte reisen, um das Werk zu bewerben, das ist Alltagsgeschäft in der Kino-Branche. Doch bei Marthe Cohn ist alles anders. Mit mittlerweile 99 Jahren ist die kleine, weißhaarige Frau eine wahre Globetrotterin, angetrieben von fast missionarischem ...

Von Uwe Kraus

Dass die Hauptdarsteller von Filmen durch die Weltgeschichte reisen, um das Werk zu bewerben, das ist Alltagsgeschäft in der Kino-Branche. Doch bei Marthe Cohn ist alles anders. Mit mittlerweile 99 Jahren ist die kleine, weißhaarige Frau eine wahre Globetrotterin, angetrieben von fast missionarischem Eifer.

Sechzig Jahre Schweigen, doch dann ging alles ganz schnell. Durch die militärischen Ehrungen wurde Marthe Cohn zum „Medienstar“ und steht jetzt ständig im Rampenlicht. Die vielen Vortragsreisen bedeuten enormen Stress, aber Absagen kommt nicht in Frage. Ihr Mann Major muss mit, und die Gesundheit steht hinten an, denn Marthe weiß: Viel Zeit bleibt ihr nicht mehr.

Dokumentarfilm über Marthe Cohn gedreht

Nicola Alice Hens hat über die Frau mit der kleinen gebeugten Gestalt, die sich nur langsam durch den Raum bewegt, einen Dokumentarfilm gedreht, der in den vergangenen Wochen international für viel Beachtung sorgte.

„Sie hat eine interessante Persönlichkeit, ihre Jugendlichkeit und Neugierde verbinden sich mit Altersweisheit und einer gewissen Besessenheit“, sagt Hens über Cohn, die aus einer orthodoxen jüdischen Familie namens Hoffnung stammt und zur „abgebrühten“ Spionin wuchs.

Die Filmemacherin unterrichtet seit 2015 Film im internationalen Masterprogramm Medienkunst an der Universität Weimar. Sie wird die bisher kaum bekannte Geschichte von Marthe Cohn alias Chichinette in Kooperation mit der Moses Mendelssohn Akademie am 27. Januar ab 16.30 Uhr in der Gedenkstätte Langenstein-Zwieberge mit ihrem 86-minütigen Film „Chichinette - Wie ich zufällig Spionin wurde“ vorstellen. Schnell verstehe das Publikum, warum Marthe damals Chichinette, kleine Nervensäge, genannt wurde.

Als Spionin wird sie zur begnadeten Trickserin

Ihre Vorträge sind unterhaltsam und gespickt mit Pointen, mit Schlagfertigkeit und Charme. „Aus ihren leuchtenden Augen schießt mehr Energie als bei so mancher Zwanzigjährigen“, weiß Nicola Alice Hens, die sie mit der Kamera in Frankreich, Los Angeles, England und Haifa begleitet hat.

Um im Krieg zu überleben - oft nur knapp - bleibt sie möglichst unauffällig, als Spionin schließlich wird sie zur begnadeten Trickserin. Im Land der Feinde, ihrer Peiniger und Verfolger, der Mörder ihrer Schwester und ihres Verlobten, schafft sie es, sich als eine überzeugte Anhängerin des Nazi-Regimes auszugeben.

„Als ich sie mit der Kamera zu Hause in Los Angeles besuche, bemerke ich ihre Rastlosigkeit. Sie ist schon wieder auf dem Sprung, plant die nächsten Reisen. Kaum vorstellbar, dass sie nach dem Krieg ein ganz normales Leben führen wollte und niemandem von ihren Kriegserfahrungen erzählte“, sagt die Filmemacherin. Nicht einmal ihre eigenen Kinder wussten von den Heldentaten der mit höchsten militärischen Ehren ausgezeichneten Mutter.

„Ich hoffe, dass Marthes ungewöhnliche Lebensgeschichte, verbunden mit ihrem sperrigen Charakter, der Lebensbejahung und ihrem unerschütterlichen Humor, viele Menschen berühren wird, so wie sie mich berührt hat“, sagt Nicola Alice Hens, die am 27. Januar in Langenstein beim Filmgespräch dabei sein wird. (mz)