Feuerwehr Thale

Warum der Stadtwehrleiter sein Amt abgibt

„Wenn ich ihnen eine Charaktereigenschaft von mir mitgeben könnte, dann wäre das Entscheidungskraft“, sagt Rainer Braune.

Von Benjamin Richter
Rainer Braune war zwölf Jahre lang Stadtwehrleiter in Thale. Foto: Matthias Beck

Thale - Entscheidungen treffen kann er. Diese offen und direkt kommunizieren auch. Mit einer Sache tut sich Rainer Braune allerdings noch schwer: „Ich habe mir jetzt eine Auszeit gegönnt, aber es läuft noch nicht so, wie ich es mir wünsche“, gesteht der 57-Jährige, der vor fast genau einem Monat das Kommando der Stadtfeuerwehr Thale in jüngere Hände übergeben hat.

Er trage zurzeit nicht mal einen Pieper - zum ersten Mal seit Jahrzehnten im Einsatzdienst -, aber da er am Rathausplatz wohne, bekomme er es trotzdem mit, wenn die Kameraden unter Blaulicht und Sirenengeheul ausrückten. Zumal seine Frau Cindy sowie der Sohn und die Schwiegertochter weiter für die Wehr aktiv seien, er ihnen manchmal hinterherschaue, wenn sie mit dem Rad zum Gerätehaus aufbrächen.

„Es wird eine Weile dauern, bis ich mich daran gewöhnt habe“, mutmaßt Rainer Braune mit Blick auf seine selbst verordnete Ruhephase. Bis auf die ersten neun Monate, bevor seine Familie 1964 von Wedderstedt ans Bodetal zog, hat Braune sein ganzes Leben in Thale gewohnt.

Zur Feuerwehr, blickt er zurück, sei er durch seinen älteren Bruder gekommen - doch während dieser des Brandschutzes bald überdrüssig geworden sei, sei er selbst geblieben. „Es war immer Trubel, immer Bewegung, immer spannend“, hat Braune diese Anfangsjahre im Einsatzdienst ab 1980 - die Jugendfeuerwehr hatte er quasi übersprungen - in Erinnerung behalten.

Dank eines Angebots von der Werkfeuerwehr des Eisenhüttenwerks gelang es ihm, auch beruflich eine Laufbahn im Brandschutz einzuschlagen. Im Sommer 1991 sei die werkseigene Feuerwehr zwar geschlossen worden - was Rainer Braune aber nicht von seiner Berufsvorstellung abbrachte.

„Es war immer Trubel, immer Bewegung, immer spannend.“

Rainer Braune über seine ersten Jahre bei der EHW-Werksfeuerwehr

Gemeinsam mit seinem inzwischen langjährigen Kameraden und Freund Andreas Koch begann der damals 31-Jährige, der heute für die Brandsicherheit im Quedlinburger Harzklinikum verantwortlich zeichnet, eine Führungsausbildung für Feuerwehrleute. 1998 folgte der Schritt in die handfeste Führungsverantwortung:

Mit einem Mal durften Koch und Braune sich Einsatzführer der Feuerwehrbereitschaft des Landkreises Quedlinburg nennen. Weitere elf Jahre später wählten zunächst der Stadtrat, dann die Ortswehrleiter das Führungsduo an die Spitze der freiwilligen Feuerwehr Thale.

In den ersten fünf Jahren, erinnert Rainer Braune, sei es vor allem darauf angekommen, die Ortswehren auf einen gemeinsamen Stand zu bringen. „Da gab es Wehren, die zogen sich in der Garage um und hatten keine vernünftigen Stiefel und Hosen.“

Der Solidaritätsgedanke - denn Investitionen in rückständige Wehren bedeuteten, dass die übrigen erst mal warten mussten - sei mit der Zeit gewachsen. Basta habe er in seinen fast 23 Führungsjahren nur zweimal gesagt - und Diskussionen beendet, in denen man trotz sinniger Argumente dem Ziel nicht näher kam. Dabei sei es einmal um das Thema Frauen in der Feuerwehr gegangen.

„Jemanden außen vor zu halten, weil er ein Mädchen oder ein Junge ist, das gab es mit mir nicht“, stellt Braune klar und merkt an, dass dafür die Satzung der Wehr, laut deren früherer Fassung Einsatzkräfte 18 Jahre alt und männlich sein mussten, geändert wurde.

Nach mehreren Tausend Einsätzen in beinahe 41 Jahren und angesichts der weiterhin bestehenden beruflichen Verpflichtungen sei nun der richtige Zeitpunkt für den Abschied aus der vordersten Riege der Wehr gewesen, urteilt der 57-Jährige. Zumal: „Wenn die Jungen anfangen, einem in die Hacken zu beißen, dann ist das eine gute Entwicklung.“

Mit Steffen Bornemann, Sven Bauer und Markus Kammerer sei ein junges und dennoch erfahrenes, fachlich hochqualifiziertes Trio nachgerückt. „Ich wünsche ihnen, dass sie die nötige Ausdauer entwickeln, denn Feuerwehrarbeit ist kein Sprint“, betont Rainer Braune. „Wenn ich ihnen eine Charaktereigenschaft von mir mitgeben könnte, dann wäre das Entscheidungskraft“, setzt er noch hinzu. Denn Entscheidungen treffen, das könne er. (mz)