Umfrage trifft den Nerv

Umfrage trifft den Nerv: 96 Prozent wünschen sich einen Nahversorger

Güntersberge - Studentin ermittelt Einkaufsbedarf und -verhalten und was sich die Güntersberger wünschen und schneidet damit ein Thema an, das schon lange bewegt.

Von Susanne Thon

„Das Ergebnis spricht für sich“, sagt Vanessa Borkmann, Professorin für Tourismus mit dem Schwerpunkt Hotelmanagement an der SRH Berlin University of Applied Sciences. Die Güntersberger hätten nicht viel eindeutiger abstimmen können: 96 Prozent der Befragten gaben in einer Umfrage schließlich an, sich einen Nahversorger im Ort zu wünschen. Und auch die „unglaublich hohe Beteiligung“ - 223 Rückläufe gab es - zeige, dass ihre Studentin, Katharina Ostermeier, da „einen Nerv getroffen“ habe, so Borkmann.

Die Umfrage ist Teil von Ostermeiers Bachelorarbeit, die sie bis  Ende dieses Monats abgegeben haben muss. Der Wunsch, sich mit der aktuellen Lage im ländlichen Raum auseinanderzusetzen, kam nicht von ungefähr. Katharina Ostermeier kommt selbst „vom Dorf“ und ist in die Stadt „geflüchtet“, wie sie sagt.

Menschen zieht es wegen Corona wieder aufs Land

Durch Corona aber ziehe es wieder mehr Menschen aus der Stadt aufs Land; „es hat mich interessiert, was sie sich im Hinblick auf die Nahversorgung wünschen, um langfristig dort zu wohnen“, erklärt die Studentin. Und weil sie auch gespannt den technischen Fortschritt verfolgt, verband sie  das Eine mit dem Anderen.

So ermittelt ihre Befragung nicht nur den Einkaufsbedarf - Wann? Wie oft? Wo? - und das Einkaufsverhalten; die Studentin klopft im letzten Teil auch die Bereitschaft der Umfrageteilnehmer ab, digitale Lösungen zu nutzen. Es geht darin auch um autonome Lebensmittelgeschäfte, die ohne Mitarbeiter funktionieren, um autonome Einkaufswagen und Selbstbedienungsterminals.

Seit fast 6 Jahren keine Einkaufsmöglichkeit mehr

In Güntersberge existiert  schon seit fast sechs Jahren keine Einkaufsmöglichkeit mehr. Die letzte, die es gab, wurde durch einen Brand zerstört. Seitdem müssen die Güntersberger  und ihre Gäste fahren, wenn sie etwas brauchen. Da ist es kaum verwunderlich, dass 55 Prozent der Umfrageteilnehmer angeben, mit der aktuellen Einkaufssituation  in der Region unzufrieden zu sein, nur 19 sind demnach zufrieden.

„Es ist  seit Jahren ein Thema“, sagt Ortsbürgermeister Herbert Stelter. Er weiß um den Wunsch der Güntersberger nach einem Nahversorger vor Ort. Begrüßen und unterstützen, wenn es möglich  ist, würde das auch  René Maksimcev, der Inhaber des Harzhotels. Das Hotel habe sich einen „kleinen Vorrat“ angelegt, um aushelfen zu können, wenn ein Gast mal etwas vergessen habe.

„Es ist wahnsinnig schwer, neben den Discountern etwas zu entwickeln“

Harzgerodes Bürgermeister Marcus Weise (CDU) spricht von verschiedenen  Anstrengungen, die die Stadt in der Vergangenheit unternommen habe, um eine Lösung zu finden, die Versorgungslücke zu schließen. Auch externe Hilfe, Fachberater aus Hamburg, hatte man damals hinzugezogen. Ein Projekt wurde ins Leben gerufen - „Güntersberge nahversorgt“.

Ein multifunktionaler Standort mit verschiedenen Angeboten war erklärtes Ziel. Doch das beste Konzept nutzt ohne Investor nichts.  „Es ist wahnsinnig schwer, neben den Discountern etwas zu entwickeln“, sagt Weise.

Güntersberger sorgen für eine Überraschung

Da aber stehe Güntersberge nicht allein, das sei in vielen Orten so, sagt Borkmann, die sich seit Jahren  mit der Hotellerie der Zukunft beschäftigt - und in dem Zusammenhang mit der dafür notwendigen Infrastruktur. Die Umfrage, sagt sie, habe daher auch stark allgemeingültigen Charakter. „Die Spezifika kommen erst durch  die Menschen, die sie ausfüllen.“ Und da sorgten die Güntersberger neben der zahlreichen Teilnahme noch für eine andere Überraschung: 

Die zeigten sich auch den automatisierten Lösungen  gegenüber offen; Borkmann beschreibt sie als positiv abwägend. Dingen, die sie bisher noch nicht ausprobiert hätten, stünden Befragte normalerweise eher ablehnend gegenüber. Das fiel auch Weise auf: Ihn habe überrascht, in welchem Maß auch neue Formen der Einkaufsmärkte akzeptiert würden.

16 Tage dauerte die Umfrage mit Fragebögen

Die Umfrage wurde bereits  im Januar durchgeführt. Sie lief 16 Tage. Fragebögen gingen an alle Haushalte in Güntersberge; darüber hinaus konnten die Fragen auch online beantwortet werden. „Die Teilnahme sollte jedem ermöglicht werden“, so Borkmann, die der Umfrage eine große Bedeutung beimisst: Denn es gehe auch darum, Aufmerksamkeit auf das Thema zu lenken.

„Idealerweise gibt es in zwei Jahren wieder eine Nahversorgung in Güntersberge. Der Ort kann es gebrauchen“, sagt sie. Dass das Realität und die Nahversorgung wieder gewährleistet sei, wünscht sich auch Ortsbürgermeister  Herbert Stelter. „Das wäre gut - für den Ort und für alle.“

Hoffnung nährt jedenfalls ein Punkt auf der Tagesordnung des Haupt- und Finanzausschusses, der an diesem Donnerstag, 11. März,  zu seiner nächsten Sitzung zusammenkommt: Es geht  um einen Dorfgemeinschaftsladen in Güntersberge.

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Was war damals geschehen?

Dicke Qualmwolken zogen über den Ort, der Rauch war am 3. September 2015 kilometerweit zu sehen. Flammen schlugen aus dem an der Klausstraße in Güntersberge gelegenen Gebäude. 70 Feuerwehrleute aus Güntersberge, Siptenfelde, Harzgerode, Straßberg und Friedrichsbrunn,  Allrode, Stiege, Hasselfelde und Gernrode nahmen den Kampf auf. Aber der Brand zerstörte das 1985 errichtete Gebäude komplett.  Der Schaden wurde auf mehrere Hunderttausend Euro beziffert. Beschädigt wurde auch ein Teil eines unmittelbar angrenzenden Gebäudes, das zum Grundstück des Mausefallenmuseums gehörte und in dem sich das Café und auch  seltene Exponate befanden. Wenige Tage später stand die Ursache fest: Die Polizei teilte mit, dass der Brand durch einen elektrotechnischen Defekt in der Zwischendecke des Marktes verursacht  worden sei. Fahrlässiges Handeln oder eine Fremdeinwirkung waren ausgeschlossen.
17 Jahre lang hatte die Inhaberin den Einkaufsmarkt betrieben und so die Versorgung im Ort sichergestellt. Angeboten wurden  Lebensmittel und ein Mischsortiment. Als der Brand ausbrach, waren die Mitarbeiterinnen gerade dabei, die Öffnung vorzubereiten. Im Ort herrschte große Betroffenheit. „Der Verlust der Kaufhalle schmerzt sehr. Es trifft besonders unsere älteren Mitbürger“, erklärte der damalige Ortsbürgermeister Güntersberges,  Günter Wichmann.
(mz)