Tradition in Siptenfelde

Tradition in Siptenfelde: Das große Hexencasting im Dorf

Siptenfelde - In Siptenfelde sind wieder die Hexen los. Warum sie mit Bollerwagen und Megafon sechseinhalb Stunden durch den Ort ziehen.

Von Susanne Thon 24.04.2017, 08:27

„Hättet ihr nicht zehn Minuten später kommen können?“ Zu gern hätte Bärbel Schindler noch die letzten zehn Minuten des Films mitbekommen, von so einer „richtigen Schnulze“. „Jetzt weiß ich nicht mal, ob sie zusammengekommen sind“, beklagt sie sich.  Aber im Spaß.

Denn es ist ein ungeschriebenes Gesetz: Wenn die Hexen, in dem Fall Conny,  Diana, Dani, Sandy, Astrid und  Birgit sowie die beiden Minis Sophie und Thea, klingeln – oder, wie in Siptenfelde üblich, mit dem Megafon vor der Tür stehen und lautstark zum „Austreten“ auffordern - dann muss alles andere liegenbleiben.

In Hexenkreisen munkelt man sogar, dass bereits Urlaube abgebrochen worden seien, nur um zur Hexenkontrolle anwesend zu sein. Und das ist nun auch Bärbel Schindler. Mehr noch: Zwei Flaschen Hexenelixier hat sie in Vorbereitung  schon bereitgestellt, schlürft ein Gläschen des giftgrünen Getränks mit ihrem Besuch, der dann auch unter die Lupe nimmt, weshalb er gekommen ist: die Hexe vor der Tür.

41 Hexen und drei Teufel in Siptenfelde entdeckt

 Einmal im Jahr, immer kurz vor der Walpurgisnacht, ziehen die Hexen vom Kulturverein mit ihrem Bollerwagen durch den Ort, so auch am Sonnabend. Seit Jahren  schon rufen sie die Siptenfelder im Vorfeld der Tour zum Hexen- und Teufelbauen auf. 

Einer Aufforderung, der zu Spitzenzeiten an die 70 Siptenfelder nachgekommen seien, wie Hexe Conny, die im echten Leben Cornelia Müller heißt, erzählt. Diesmal werden nach Ende des sechseinhalbstündigen (!) Rundgangs  41 Hexen und drei Teufel im Protokoll vermerkt sein.

Sie lugen zwischen Baumstämmen hervor, eine hat es sich  im Liegestuhl bequem gemacht, andere treten in die Pedale und brettern mit dem Schlitten das Vordach runter. Vor einem Haus  lümmelt ein Hexenpaar sogar in  Fernsehsesseln vor der Glotze, die Füße liegen auf dem Tisch, das Glas Wein steht daneben.

Ein paar Ecken weiter ist Nippelalarm angesagt, da müssen die Kontrolleure eingreifen. Und am Ortsrand thront auf einem Zaun ein Funkenmariechen, nein, Funkenhexchen - im Gardekostüm.

In der Walpurgisnacht wird das Los entscheiden

„Es ist immer schwer zu sagen,  welche die schönste ist, weil wir wissen, wie viel Mühe es macht, so eine Hexe oder einen Teufel herzustellen“, sagt Hexe Conny. Aus dem Grund habe man dann auch irgendwann beschlossen, in der  Walpurgisnacht das Los entscheiden zu lassen. „Alles andere wäre ungerecht.“ 

Gecastet wird aber trotzdem und manche Figur dabei  bis auf den Schlüpfer untersucht. Auch die Hexe vor  Bärbel Schindlers Haus beguckt sich  Conny ganz genau, um dann -  mit Blick auf den großen weißen Hexenhut - festzustellen, dass die wohl beim selben Ausstatter  kaufe: „Die hat ja denselben Hut auf.“

„Ich mache jedes Jahr mit“, erzählt die Macherin, „und immer  bekommt  sie was anderes an.“ Je nachdem, was der Kleiderschrank hergebe. Diesmal war es zum Beispiel ein schmuckes Jäckchen. Und damit die Arme nicht permanent nach hinten fallen, habe  sie die Hexenhände einfach zusammengetackert. Die dabei entstandene Merkel-Raute  - ein Zufallsprodukt.

Viel Herzblut wird in das Hobby gesteckt

„Ich finde das Brauchtum wunderbar“, sagt Bärbel Schindler.  „Sowas muss unbedingt erhalten werden.“  Der Meinung sind auch Conny, Diana & Co. Und deshalb stecken sie nicht nur jede Menge Herzblut in ihr Hobby, sondern investieren dafür  einiges an Zeit. „Das ist halt auch ein bisschen Arbeit.“

Arbeit, die sich lohnt. Auch, wenn Wind und Wetter heute gegen sie sind und es ihnen die Hüte von den Perücken fegt.  Egal wo  vorbeikommen - sie werden freudig in Empfang genommen, manch einer drückt ihnen Geld für den  Verein in die Hand, andere Süßigkeiten oder Hochprozentiges.

„Hexenkerosin!“, wie Conny es nennt. Und auch die Hexenbauer gehen nicht leer aus:  Als Prüfsiegel oder Dankeschön - wie man’s nimmt - gibt’s nach dem Glas Senf im vergangenen Jahr nun kleine Teufelsglöckchen. Vor Monaten schon hatte sie eine der Siptenfelderinnen in Tschechien entdeckt,  an die kommende Hexenkontrolle gedacht und sofort zugeschlagen. Nach Walpurgis ist eben vor Walpurgis.

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Die Nacht der Nächte, sie rückt näher. Am Sonntag, 30. April, schlägt auch in Siptenfelde die Stunde der Hexen. Walpurgis, organisiert vom Kulturverein. Treff ist um 19 Uhr am Anger. Es gibt einen Fackelumzug zum Schützenplatz, wo dann um 20 Uhr das eigentliche Programm startet. Dort haben Hexen und Teufel, die Mini-Hexen und Powergirls sowie die Linedancer „Dancing Rabbits“ ihre großen Auftritte. Danach wird gemeinsam in den Mai getanzt.

Tanzen ist das Stichwort, denn die Siptenfelder Hexen initiieren nicht nur Hexenbauwettbewerbe, sondern sind auch tänzerisch aktiv. Mehrere Gruppen gibt es  unter dem Dach des Kulturvereins. Einmal die Woche treffen sie sich zur Probe. Und wenn es um neue Tänze  geht, „qualmen so manchmal die Köpfe“, um dem Publikum was zu bieten, erzählt Hexe Diana. Sie schätzt die gemeinsamen Stunden mit den Mädels, dass sie kreativ sein und ihre Ideen umsetzen können, wenngleich ihnen die mitunter auch ganz spontan kommen.
(mz)