Straßberg

Straßberg: Warum eine Familie ein Spritzenhaus pflegt

Straßberg - Vom Bahnhof Straßberg aus ist das Nikolaustürchen des MZ-Adventskalenders schon zu sehen, genau an der Ecke Alte Fluor/Am Lindenberg. Wer vorbeifährt, kann es schnell für eine Garage halten. Genau genommen ist das auch nicht verkehrt. Was sich wirklich dahinter verbirgt, wissen selbst die Eigentümer Marten Sacks und Sandra Klauß erst seit einigen ...

Von Bianca Müller 06.12.2016, 15:35

Vom Bahnhof Straßberg aus ist das Nikolaustürchen des MZ-Adventskalenders schon zu sehen, genau an der Ecke Alte Fluor/Am Lindenberg. Wer vorbeifährt, kann es schnell für eine Garage halten. Genau genommen ist das auch nicht verkehrt. Was sich wirklich dahinter verbirgt, wissen selbst die Eigentümer Marten Sacks und Sandra Klauß erst seit einigen Jahren.

Der zierliche Steinverschlag gegenüber von Sacks’ Elternhaus ist nichts Geringeres als das alte Spritzenhaus der Lindenberger Feuerwehr. Dass er seiner Nachbarin nicht nur einen Stellplatz für sein Auto, sondern ein Stück heimatliche Brandschutzkultur abgekauft hatte, erfuhr Sacks dann in den 90er Jahren von Bernhard Tänzer.

Mit dem ehemaligen Oberbrandmeister von der Neudorfer Wehr fand sich ein wandelndes regionales Feuerwehrlexikon. So kam nach und nach Licht ins Dunkel: Im 19. und frühen 20. Jahrhundert sah der Feuerwehralltag ganz anders aus, als wir ihn inzwischen kennen. Wo heute motorisierte Löschfahrzeuge mühelos ausrücken, brauchte es damals reichlich Manneskraft, denn gelöscht wurde mit einer Handdruckspritze – auch in Lindenberg, das heute zu Straßberg gehört. Bis 1950 war es eine eigenständige Gemeinde.

Die beschriebene Blickweite vom Bahnhofsgebäude zum Spritzenhaus trennte aber nicht nur unterschiedliche Orte, sondern zwei verschiedene Länder: Lindenberg gehörte zu Anhalt, während der Nachbarort preußisch war. Seit Sacks um die Historie weiß, tut er alles für den Erhalt des Gebäudes, deckte Dach und Boden neu. Auch das Holztor sollte ausgetauscht werden. „Inzwischen wissen wir aber, dass es noch vom ursprünglichen Spritzenhaus stammt“, so Sacks, „also bleibt es natürlich.“

Ursprünglich? Ja, denn ein Gesetz von 1899 sorgte dafür, dass das Original abgerissen und 1902 durch den Neubau ersetzt wurde, den Familie Sacks/Klauß mit so viel Herzblut pflegt. Seit 1922 gab es hier sogar Strom – zwei alte Isolatoren an der Fassade weisen darauf hin. Wann das erste Haus errichtet wurde, kann nur vermutet werden. „In der Tür wurde mit einem Stechbeitel die Jahreszahl 1865 eingraviert – vielleicht das Baujahr?“, mutmaßt Sacks.

Für den Adventskalender haben beide kurzzeitig sogar die Original-Spritze aus dem 19. Jahrhundert an ihren früheren Standort zurückgeholt. „Ich dachte immer, die Feuerwehr sei Rot“, scherzt Klauß über das grüne Löschgerät, das meistens von einem Pferd gezogen wurde und erst in den 30er Jahren durch Tragkraft- und Motorspritzen seine Bedeutung verlor. Tänzer erklärt: „Bei einem Brand war der ganze Ort auf den Beinen - die Lindenberger Wehr bestand nur aus etwa einem Dutzend Leuten.“ Allein acht wurden an den Spritzenhebeln benötigt. Das Wasser kam aus Fässern oder direkt aus der Selke, bevor es über Stoff- oder Lederschläuche zum Löschen wieder ausgespuckt wurde. „Das war richtig harte Arbeit“, ergänzt Sacks.

Obwohl die Familie keine engen Bande zur Feuerwehr hat, will sie die Erinnerung an das besondere Stück Lindenberger Vergangenheit erhalten. So griff Sacks kürzlich wieder zum Werkzeug: „Jahrelang stand die Bohle bereit“, sagt er mit Blick über das Tor, wo nun ein Schild den ursprünglichen Zweck der Mauern verrät. „Tagelang saß er mit dem Brandmalkolben an der Gravur“, verrät Sandra Klauß - glücklich darüber, ihren Esstisch jetzt wieder ausschließlich für Mahlzeiten und nicht als Werkbank genutzt zu wissen. (mz)