Solarpaneel auf dem Rücken

Solarpaneel auf dem Rücken: Rotmilane rund um die Uhr im Blick

Westerhausen - Wenige Kilometer von Westerhausen entfernt fühlt man sich im Steinholz wie in einer Naturidylle. Seltene Arten leben hier, am Himmel kreisen Rotmilane, in Richtung Harslebener Berge nisten Uhus.

Von Uwe Kraus

Wenige Kilometer von Westerhausen entfernt fühlt man sich im Steinholz wie in einer Naturidylle. Seltene Arten leben hier, am Himmel kreisen Rotmilane, in Richtung Harslebener Berge nisten Uhus. Nur ein S-50-Fahrer stört knatternd mit hohem Tempo quer durch das Naturschutzgebiet die Ruhe.

Hier steigt Thorsten Süß aus Blankenburg auf die Bäume. Sein Beruf: Baumpfleger. Doch am Mittwoch absolviert er einen Spezialeinsatz. Er nähert sich behutsam einem Nest. Während die Eltern in der Luft sind, nimmt er zwei kleine Rotmilane mit hinab auf eine Wiese. Dort erwartet ihn bereits Martin Kolbe, der Chef des in Halberstadt ansässigen Rotmilan-Zentrums, der die beiden Vögel beringt und mit Sendern ausstattet.

Heimlicher Wappenvogel von Sachsen-Anhalt

Mit von der Partie in der Natur sind diesmal Landes-Umweltministerin Claudia Dalbert (Grüne) und der Österreicher Rainer Raab. Der leitet für die Mitteleuropäische Gesellschaft zur Erhaltung der Greifvögel (MEGEG) das EU-Life-Projekt Eurokite. Claudia Dalbert nennt den Rotmilan den heimlichen Wappenvogel Sachsen-Anhalts.

„Er ist eine von 19 Arten, für die wir in Sachsen-Anhalt eine besondere Verantwortung haben. Diese Arten sind vom Aussterben bedroht und haben ihre Heimat bei uns im Land. Je besser wir sie schützen und ihre Lebensräume erhalten, desto besser können wir das Artensterben stoppen. Ich freue mich sehr, dass es gelungen ist, das Life-Projekt Eurokite auch nach Sachsen-Anhalt zu holen. Im Rotmilanzentrum Halberstadt kann nun genau erforscht werden, wie und warum Rotmilane sterben. Je mehr wir wissen, desto besser können wir diesem besonderen Greifvogel das Überleben sichern.“

Deatilliertes Bild von Todesursachen ermitteln

Martin Kolbe, Leiter des Rotmilanzentrums am Museum Heineanum in Halberstadt, ergänzt: „Mit diesem Projekt wird es erstmals möglich sein, ein detailliertes Bild der wahren Todesursachen beim Rotmilan zu ermitteln und damit eine große Wissenslücke bei der Erforschung des Rotmilans zu schließen.“

Die EU-Kommission hat das Projekt zum „grenzübergreifender Schutz des Rotmilans in Europa durch Reduzierung von Menschen verursachter Mortalität“ im Dezember 2019 bewilligt. Neben dem nördlichen Harzvorland zählt das Fiener Bruch zu den zwei Projektregionen in Sachsen-Anhalt. In beiden Gebieten werden Rotmilanbrutpaare erfasst und ein Teil der Jungvögel mit GPS-Sendern versehen.

Sterben besenderte Rotmilane, werden diese vom Rotmilanzentrum dokumentiert und die genaue Todesursache bestimmt. Die Einrichtung im Halberstädter Burchardikloster wirkt als Koordinator bei der Suche und der Bergung von besenderten Rotmilanen, die in Deutschland versterben.

Zuverlässige Partner bei den Landwirten, den Forstleuten und Jägern

Doch im Forst zwischen Halberstadt und Quedlinburg erfassen Martin Kolbe und seine Helfer, darunter so engagierte Ornithologen und Naturschützer wie Dr. Bernd Nikolai und Eckhard Kartheuser aus Thale, alle Rotmilane. Kolbe vermisst die Jungvögel, wiegt sie, versieht sie mit Ringen der Vogelwarte Hiddensee und bindet ihnen einen Sender mit Solarpaneel auf den Rücken. Der Österreicher Rainer Raab erläutert, dass der Vogel so über Jahre wichtige Daten senden kann.

„Wenn sie nicht selbst zum Opfer werden und wir dann den Sender bergen müssen. Finanziell nehmen sich die Kosten für das Besendern und das Bergen nichts. Jedes Mal geht es um eintausend Euro, die aber gut in der Forschung angelegt sind.“ Eckhard Kartheuser hebt hervor, wie wichtig es darum für das Rotmilan-Projekt sei, zuverlässige Partner bei den Landwirten, den Forstleuten und Jägern zu haben.

Martin Kolbe trägt das Ergebnis des „Jungvogelwiegens“ in seine Kartei ein. „Einer bringt 710, der andere 850 Gramm auf die Waage. Daraus können wir genau feststellen, dass ein Tier 35, das andere zwei Tage älter ist. Vor wenigen Tagen hatten wir sogar einen Jungmilan mit 1.150 Gramm hier.“

Drei Nester sind mit Kameras ausgestattet

Das Rotmilanzentrum hat die Vögel 24 Stunden am Tag im Blick. Drei Nester sind mit Kameras ausgestattet, so dass die Naturwissenschaftler genau darüber informiert sind, was dort geschieht.

Kürzlich warf ein Elterntier eine Hasenpfote vom Baum, die einst zum Nestbau genutzt wurde. Genau zu verfolgen sind die Mahlzeiten, die die Altvögel dem Nachwuchs kredenzen. Dazu zählen Maulwürfe, Teile von Wildaufbrüchen und tierischen Verkehrstoten oder Zauneidechsen. „Leider lieben sie auch Schlingnattern, deren Vorkommen hier im Steinholz Reptilienfreunde sehr begeistert“, erzählt Martin Kolbe.

„Solche kuschligen Termine habe ich selten“

Mit der Ministerin beringt er zwei Jungmilane, die dabei ganz still halten. „Solche kuschligen Termine habe ich selten“, gesteht Claudia Dalbert. Auch das Lob vom Europa-Projektkoordinator Rainer Raab geht ihr runter wie Öl. „Wenn es in Europa überall so toll laufen würde wie in Sachsen-Anhalt, könnten wir uns fast beruhigt zurücklehnen.“ Er schaut in die Höhe, wo sicher in einen Rucksack verpackt die beiden Jungmilane „besendert“ wieder in ihr heimisches Nest hoch oben im Geäst schweben.

„Vielleicht treffen wir sie ja mal wieder. Schließlich haben wir schon mehr als 1.000 Jungtiere mit Sender versehen, darunter einige aus der dritten Vogelfamilien-Generation.“ (mz)