Nach Schließung einer Praxis

Nach Schließung einer Praxis: Zahnarzt-Engpass in Harzgerode

Harzgerode - In Harzgerode bahnt sich ein ernstes Problem im Bereich der zahnärztlichen Versorgung an. Zum Monatswechsel schloss eine Praxis. Eine Nachfolgelösung gibt es nicht. Für die Patienten heißt das, dass sie sich einen neuen Zahnarzt suchen müssen. Die verbleibenden Praxen können voraussichtlich nicht alle aufnehmen. Diese müssen dann auf andere Orte ...

Von Sabine Herforth 19.04.2017, 09:45

In Harzgerode bahnt sich ein ernstes Problem im Bereich der zahnärztlichen Versorgung an. Zum Monatswechsel schloss eine Praxis. Eine Nachfolgelösung gibt es nicht. Für die Patienten heißt das, dass sie sich einen neuen Zahnarzt suchen müssen. Die verbleibenden Praxen können voraussichtlich nicht alle aufnehmen. Diese müssen dann auf andere Orte ausweichen.

Bürgermeister Marcus Weise (CDU) will sich mit der Situation nicht zufriedengeben. Er fragte bei der zuständigen Kassenzahnärztliche Vereinigung Sachsen-Anhalt (KZV) nach, welche Möglichkeiten bestehen.

Der Versorgungsgrad im Landkreis Harz betrage aktuell 117,4 Prozent, heißt es von der Pressestelle der Vereinigung auf Nachfrage der MZ. Die kieferorthopädische Versorgung liege sogar bei 126 Prozent. „Somit konnte der Landesausschuss feststellen, dass sowohl im zahnärztlichen als auch im kieferorthopädischen Bereich bis dato keine Unterversorgung vorliegt.“

Prozent-Rechnung statt Problem-Lösung

Eine Antwort, mit der es sich der Verband sehr leicht macht, meint Weise. Sein Anliegen sei quasi vom Tisch gefegt worden, ohne das eigentliche Problem zu betrachten. Ländliche Regionen würden bei dieser Rechnung einfach herausfallen. Denn für Zahnärzte herrsche Niederlassungsfreiheit. Sie können sich selbst für eine Gemeinde wie Harzgerode entscheiden. „Das hilft uns in dem Moment aber einfach nicht“, so Weise.

„Man hat bei der Herangehensweise den Landkreis als Bemessungsgrundlage genommen“, kritisiert der Bürgermeister. Es sei also auch denkbar, dass alle Zahnärzte potenziell geballt in einer Region ansässig sein könnten, am Versorgungsgrad ändere das nichts. „Man unterstellt damit auch, dass die gesamte Bevölkerung mobil ist“, fügt er an. Das trifft vor allem für die ältere Bevölkerung auf dem Land aber nicht zu.

„Das ist ein generelles Problem und bezieht sich nicht nur auf Zahnärzte“, geht er noch weiter. Die Kommune könne sich lediglich bemühen, eine Lösung herbeizuführen, die Entscheidung falle letztlich jedoch auf Ebene von Landes- und Bundespolitik. „Wir können ja nicht selbst einen Arzt anstellen“, betont Weise und fügt an: „Wir sind da auch ein Stück weit alleingelassen.“ Dabei werde sich das Problem noch verschärfen. „Es gibt weitere Ärzte, die in den kommenden Jahren aufhören werden“, erklärt er.

Jeder zweite Zahnarzt ist über 55 Jahre alt

Der demografische Wandel zeige sich auch bei Zahnmedizinern, fasst es die KZV in Worte. „Im Landkreis Harz sind mehr als die Hälfte der dort tätigen Zahnärzte älter als 55 Jahre, bei den Kieferorthopäden ist es ungefähr die Hälfte.“

Dass so viele Zahnärzte kurz vor dem Ruhestand stehen, stelle ein massives Problem dar, so Weise. „Es zeigt, dass dringender Handlungsbedarf besteht.“

Mit Blick in die Zukunft sieht auch die KZV deshalb Handlungsbedarf: „Mittelfristig lassen Prognosen darauf schließen, dass mit einer Verschlechterung der Versorgungssituation, die die Gefahr lokaler Unterversorgung birgt, gerechnet werden muss. Wir brauchen daher in den nächsten Jahrzehnten Zahnärzte, die auch weiterhin bereit sind, sich in ländlichen, strukturschwachen Regionen niederzulassen und die dortige Versorgung gewährleisten.“

KZV sieht keinen Anlass zum Handeln

Das sei aus Sicht der KZV ausschließlich durch die traditionelle Einzel- oder Gemeinschaftspraxis möglich. Jedoch müssten dafür attraktive Rahmenbedingungen - wie beherrschbare Finanzierungsrisiken, wirtschaftliche Unabhängigkeit durch adäquate Honorierung, Planungssicherheit und eine funktionierende Infrastruktur bei der Gründung neuer Praxen - geschaffen werden.

„Sollten sich zukünftig Versorgungsengpässe ergeben, sind alternative Modelle durchaus denkbar“, so die KZV in ihrer Stellungnahme. Aufgrund der derzeitigen Versorgungslage bestehe jedoch keine Notwendigkeit zur Forcierung anderweitiger Rekrutierungskonzepte. Für Harzgerodes Bürgermeister Marcus Weise ist das nicht genug. „Mir ist es wichtig, dass wir nicht immer reagieren, sondern agieren“, so das Stadtoberhaupt. (mz)

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Im Landkreis Harz versorgten im vergangenen Jahr insgesamt 149 Zahnärzte, 11 angestellte Zahnärzte sowie sechs Kieferorthopäden und zwei angestellte Kieferorthopäden auf vertragszahnärztlicher Basis. Der Versorgungsgrad liegt damit bei der zahnärztlichen Versorgung bei 117,4, bei der kieferorthopädischen bei 126 Prozent.

Die Kassenzahnärztlichen Vereinigungen werden durch den Sicherstellungsauftrag (§75 SGB V) dazu verpflichtet, in angemessener Form und Zeit für die vertragszahnärztliche Versorgung der Versicherten zu sorgen. Der Auftrag umfasst unter anderem die Bedarfsplanung und damit eine möglichst flächendeckende Versorgung in einem KZV-Bereich.

Der Bedarfsplan wird im Einvernehmen von KZV mit den Landesverbänden der Landesbehörden aufgestellt und jährlich aktualisiert. Grundlage dafür ist das Verhältnis der Zahl der Vertragszahnärzte beziehungsweise Kieferorthopäden bezogen auf die Zahl der Einwohner im jeweiligen Planungsbereich. Insgesamt 220 585 Menschen (Stand 31. März 2014) leben im Landkreis Harz. (mz)