Jubiläum

Jubiläum in Harzgerode: Hans-Joachim Walker spielt seit 55 Jahren auf der Orgel

Harzgerode - Hans-Joachim Walker aus Harzgerode ist seit 55 Jahren ehrenamtlich als Organist tätig.

Von Uwe Kraus 13.07.2016, 18:43

„Die Orgelpfeife überragt mich ja“, meint Hans-Joachim Walker überrascht, als ihm Kreiskirchenmusikwart Eckhart Rittweger im Konzert ein seinem Jubiläum angemessenes Geschenk überreicht. Schließlich wirkt der Mann, der am 10. Juli sein 80. Lebensjahr vollendet hat, seit 55 Jahren ehrenamtlich als Organist. „Die Musik war zeitlebens mein Hobby und mein Ausgleich“, erzählt der Senior, der nach seiner Oberschulzeit viele Jahrzehnte im Handel tätig war. „Als viele Menschen in der Wendezeit in ein tiefes Loch fielen, hat sie mich aufgefangen.“

Achim Walker, wie ihn alle nennen, stammt aus Forst in der Lausitz. Die Stadt stand in den letzten Kriegstagen in Flammen, er war mit der Mutter auf der Flucht ins Sächsische. Als sie wieder in die Stadt zurückkehrten, stand ihr Haus noch. Als Zehnjähriger klimperte er ohne Vorbildung auf dem heimischen Klavier, schulte sein Gehör, spielte nach, was aus dem Radio dudelte. Seine Mutter verordnete ihm Klavierunterricht. „Ich habe den Klavierdeckel runterfallen lassen, weil es mir reichte. Aber eine halbe Stunde später zog es mich wieder an die Tasten.“ Seine Klavierlehrerin, „das Fräulein Tietze“, traf er später nochmal, „da war sie knapp 90“. Bei seiner Mutter übernachtete öfter eine Sängerin, die mit dem Cottbuser Theater auf Abstecher in Forst war. Eines Tages bat sie den jungen Mann, sie am Klavier zu begleiten, als sie für ein buntes Konzert neue Titel proben wollte.

„Die erste Zeit bin ich bei Wind und Wetter mit dem Fahrrad über die Dörfer gefahren“

„Das Klavier war immer mein Hobby.“ Das sprach sich rum, so dass kurz vor Weihnachten der Pfarrer aus Noßdorf vor den Toren von Forst ihn bat, einen kranken Organisten zu vertreten. „Ich spielte das Weihnachtsstandard-Programm“, erinnert sich Walker. „Die Orgel war kriegsgeschädigt, so dass ein Harmonium auf der Empore stand.“ Er spielte später auf der dortigen kleinen Eule-Orgel aus Bautzen, saß in der Dorfkirche Eulo und später in der St. Nikolaikirche Forst an der Orgel. „Der hauptamtliche Organist sagte zu Beginn, ich soll gut hinschauen, wie er spielt.“ Später überließ er ihm, dem Autodidakten, den Kirchenschlüssel zum Üben. „Die erste Zeit bin ich bei Wind und Wetter mit dem Fahrrad über die Dörfer gefahren. Der Gottesdienst begann ja um 9 Uhr.“

Achim Walkers Frau war als Vertriebene aus Pommern nach dem Krieg in Harzgerode gelandet. Nach ihrer Hochzeit hielt sie die Verbindung in das Harzstädtchen. „Wir bekamen immer den St. Marien-Boten zugeschickt, so wie wir heute das Forster Gemeindeblatt in den Harz bestellt haben.“ Sie lasen vom Ausbau des Pfarrhauses mit der freien Wohnung, schauten sie sich an. Am 1. April 2003 standen sie mit Koffern und Kartons im neuen Heim. Das Pfarrer-Ehepaar Dittrich zog mit ihnen ein. Bei dessen Vorstellungsgottesdienst fragte Walker den späteren Kreisoberpfarrer Jürgen Dittrich, wie es mit den Organisten stehe. Der lud ihn spontan ein, im Gottesdienst am Nachmittag gleich einmal in Schielo zu spielen.

„Mit den flotten Liedern wird es schwierig“

Auf dem Notenpult lag „Vertraut den neuen Wegen“. Achim Walker nahm es als Zeichen. Neudorf und Schielo wurden seine ersten Gemeinden in Anhalt, in denen er ehrenamtlich an der Orgel saß. „Eigentlich träumte ich vom wandernden Ruhestand im Harz, aber neben den Gottesdiensten kamen die Bestatterwünsche dazu.“ Auf seine Initiative hin und mit Rückenwind von Pfarrer Dittrich erhielt die Katastrophen-Orgel von Neudorf eine neue Windanlage und klingt heute bestens.

Nun lebt er dort, wo er früher Urlaub machte. Der Kirche von Harzgerode, wo er längst von der Orgel nicht wegzudenken ist, hat er die Sanierung des Medaillons mit dem unter einem Baum sitzenden weißen Hund finanziert. Eigentlich will Hans-Joachim Walker nach dem 80. Geburtstag etwas kürzer treten. „Aber die Kantorin ist seit langem krank. Da werde ich wohl weiter hier oben an der Röver-Orgel sitzen und spielen.“ Etwas bedauernd fügt er an: „Mit den flotten Liedern wird es schwierig. Die Beine sind nicht mehr so gelenkig.“ (mz)