Knochenharter Job

Harzer Schmalspurbahnen suchen dringend Heizer

Harz - Es ist reichlich Glut auf dem Rost. Bis zur Abfahrt des Zuges dauert es noch eine Stunde. Jetzt klettert Lars Fischer in einen Schacht zwischen den Schienen. Über ihm die rot lackierten Räder und die kunstvoll geschraubten Gestänge. Hier einige Tropfen, dort etwas mehr - Schmieröl braucht es, damit später alles rund läuft. An 100 Stellen und mehr setzt der Mann deshalb die Spritze an, in gebeugter Haltung, manchmal sogar auf den ...

Von Ralf Böhme 21.07.2017, 13:25

Es ist reichlich Glut auf dem Rost. Bis zur Abfahrt des Zuges dauert es noch eine Stunde. Jetzt klettert Lars Fischer in einen Schacht zwischen den Schienen. Über ihm die rot lackierten Räder und die kunstvoll geschraubten Gestänge. Hier einige Tropfen, dort etwas mehr - Schmieröl braucht es, damit später alles rund läuft. An 100 Stellen und mehr setzt der Mann deshalb die Spritze an, in gebeugter Haltung, manchmal sogar auf den Knien.

Die Akrobatik im Untergrund hinterlässt Spuren: Ölflecken überall, selbst im Gesicht. Klar, das ist keine Arbeit für Leute, die sich nicht schmutzig machen wollen. Fischer stört sich daran aber nicht, im Gegenteil. Er lacht. „Kohle, Dampf und Schmieröl, das ist ein ziemlich edler Duft.“ Und überhaupt, sagt der 46-Jährige, erst wenn es der Lok gut gehe, gehe es auch ihm gut. So kann nur jemand sprechen, der der Faszination der historischen Harzer Schmalspurbahn erlegen ist.

270 Beschäftigte, oft seit vielen Jahren dabei, teilen seine Begeisterung. Doch die demografische Entwicklung macht um den Betrieb keinen Bogen. Einige Züge sind wegen Personalmangels schon in den Depots geblieben. Als Ersatz rollen dann Busse, vor allem im Selketal. Noch nie hinauf zum Brocken. Dafür reicht es bislang immer noch.

Harzer Schmalspurbahnen suchen dringend Heizer

Fakt ist: Besonders Heizer fehlen. Plakate an den Bahnhöfen laden Interessenten zu Bewerbungen ein. Doch selbst Eisenbahn-Fans haben häufig falsche Vorstellungen. Unternehmenssprecher Dirk Bahnsen: „Viele sehen nur die romantische Seite. Doch bevor der Schornstein qualmt, muss ausreichend Dampf im Kessel sein.“ Im Grunde sei das eine Arbeit wie vor 150 Jahren. Nur wer fest zupacken könne, würde da auf Dauer bestehen können. Zwar scheitert mancher schon an der theoretischen Prüfung nach 14 Tagen.

Doch die meisten Anfänger geben in den ersten Monaten auf. Wer länger durchhält, bleibt in der Regel bis zur Rente. So will es auch Lars Fischer halten, wenn alles gut geht. Der gelernte Tischler, der beinahe auch noch studiert hätte, sagt: „Beruflich habe ich gefunden, wonach ich gesucht habe.“ Dass der Lohn in Scheinen nicht so üppig wie anderswo ausfällt, nimmt er dabei in Kauf. Es gebe Dinge, meint der Mann aus Wernigerode, die könne man einfach nicht mit Geld aufwiegen. Was Fischer damit genau meint, lässt sich ahnen, wenn man mit ihm auf der Lok unterwegs ist.

Die Fahrt beginnt in Wernigerode. Ziel ist der Brocken. In den Waggons sind schon viele Plätze besetzt. Auf dem Bahnsteig an Gleis 34 drängen sich die Hobby-Fotografen. Im Schritttempo kommt die Lok heran. Fischer schwingt sich herab, kuppelt an. Auslöser der Kameras klicken. Kinder winken ihm zu. Es ist so etwas, was Politiker oder erfolgreiche Sportler ein Bad in der Menge nennen. Wenig später, als pünktlich der Pfiff zur Abfahrt ertönt, perlt bei Fischer bereits der Schweiß. Dabei schiebt der Mann seine Schaufel bedächtig in den Haufen mit dem Koks. Dann folgt mit dem Oberkörper eine Drehung bis zum Ofenloch. Nun der eigentliche Kraftakt: Mit wohldosiertem Schwung verschwinden zehn, zwölf Kilogramm an Heizmaterial im Schlund des ziemlich kleinen Feuerloches. Insgesamt sind vier Tonnen Koks an Bord, die verfeuert werden wollen. Das reicht, um eine Strecke von etwa 200 Kilometern zurück zu legen.

Wer mit der kurzstieligen Schaufel nicht genau zielen kann, verfehlt das Ziel und die ganze Ladung verteilt sich im Führerhaus. „Lars passiert so etwas nicht“, ist sich Lokführer Matthias Fricke nach fünf Jahren gemeinsamer Fahrenszeit sicher. Ergänzten sich Kraft und Augenmaß, sagt der 50-Jährige, dann erreiche die Kohle auch den hintersten Winkel. Und das sei wichtig, damit die Maschine genügend Dampf erhält. Nur so kommt genügend Druck auf den Kessel, damit die Lok die Brockenfahrt bewältigen kann.

40 Kilometer pro Stunde, das ist die maximale Leistung des Modells 99236, Baujahr 1956, aus den ehemaligen Borsig-Werken in Potsdam-Babelsberg.

Etwas Dampf ist auch nötig, um sich unterwegs freie Fahrt zu verschaffen. Das Warnsignal zwingt Wanderer und Biker an unbeschrankten Bahnübergängen zum Stopp. In freier Natur erschreckt es zudem Tiere, die sich das Schienenbett als Rastplatz suchen. Meistens verschwinden sie beizeiten.

Aber manchmal wippt sie auch der Schneeschieber der Lok von den Gleisen. Doch das bleibt die Ausnahme - genauso wie überraschende Schneestürme mit extremen Verwehungen, in denen selbst eine starke Dampflok stecken bleiben kann.

Heizer auf den Schmalspur Bahnen: Ein knochenharter Job

Spannender Alltag sind hingegen die Zugfahrten auf kurvenreichen Strecken, die Fischer und Co. auf den Meter genau kennen. Dass die Fahrgäste von Problemen nur wenig mitbekommen, liegt wohl nur am ziemlich perfekten Zusammenspiel von Mensch und Maschine. Denn die Herausforderungen sind teils enorm. Da sind die Anstiege, wo vorher kaum beschleunigt werden kann, da sind auch die kurzen steilen Abfahrten, wo die Fuhre mächtig zu Tale schiebt.

Heizer Fischer beherrscht aber glücklicherweise einen alten Kniff, um aus beiden Situationen das Beste zu machen: Sand heißt das Zaubermittel. Gewusst wo, gewusst welche Menge, so drehen Räder nicht durch und der Koloss bleibt in der Spur. „Ansonsten würden wir hier auf dem Stand ganz schön ins Schwitzen kommen“, sagt Fischer.

Warm bis heiß ist es aber ohnehin schon, sommers wie winters. Die Besatzung bringt sich stets tiefgekühlte Getränke mit, die während der Schicht schnell auftauen. Auf der Gusseisenplatte über dem Feuerloch herrschen immer Temperaturen wie auf einem Herd. Die Besatzung nutzt diese Möglichkeit, um während der Fahrt warme Mahlzeiten zu bereiten. So steht vor der Rückfahrt eine Pilzsuppe aus der Konserve auf dem Speiseplan.

Danach werden noch zwei rustikale Fisch-Burger aufgebacken. Wer arbeitet, meint Lokführer Fricke, muss auch ordentlich essen. Zuvor aber legt der Heizer erst mal noch eine Schippe drauf. Es geht bergan.