Auszeichnung für seltenes Hobby

Auszeichnung für seltenes Hobby: Silber-Roland für Zinnfiguren

Güntersberge/Halberstadt - In seiner Werkstatt fertigt Arnfried Müller kleine Zinnfiguren, die er in Dioramen zusammenfügt. Für seine Arbeit wurde er nun geehrt.

Von Sabine Herforth

Filigrane Zinnfiguren begleiten Arnfried Müller seit Jahrzehnten. Unzählige Figuren - auch den Halberstädter Roland - hat er in seiner Werkstatt gegossen und bemalt.

Sein bisher größtes Projekt ist in diesem Jahr aktueller denn je. Arnfried Müller hat Martin Luthers Lebensgeschichte in Zinn gegossen und unter Federführung des Städtischen Museums Halberstadt die Wanderausstellung „Martin Luther - Lebens- und Reformationsgeschichte in Zinnfiguren-Dioramen“ geschaffen.

„Kein anderes Jahr als das Jubiläumsjahr der Reformation selbst ist für die Danksagung geeigneter“, erklärte Halberstadts Oberbürgermeister Andreas Henke beim Hilariusmahl.

Arnfried Müller hat Wurzeln in der Domstadt

Gemeinsam mit Stadtratspräsident Volker Bürger überreichte er dort die Ehrenauszeichnung „Silberner Roland“ an den völlig überraschten 79-Jährigen. Denn auch wenn Arnfried Müller in Güntersberge wohnt, liegen seine Wurzeln in der Domstadt, zu der er enge Verbindungen pflegt.

„Ich wusste nichts davon“, erzählt er und lacht. Denn die Veranstalter hatten die Ehrung klug eingefädelt und alle nötigen Infos über seine Kinder eingeholt. Niemand hatte ihm etwas davon verraten.

Auf Vorschlag des Halberstädter Geschichtsvereins wurde er für sein Kunsthandwerk und sein jahrzehntelanges Engagement in der Vermittlung Halberstädter Geschichte geehrt.

Sohn tüftelte und war Auslöser

Zu den Zinnfiguren kam Müller 1976. Er war als Lehrer an einer Offiziershochschule tätig, als sich dort eine Arbeitsgemeinschaft Zinnfiguren gründete. „Ich war immer schon an solchen Sachen interessiert“, sagt der 79-Jährige.

Der eigentliche Auslöser, sich der Arbeitsgemeinschaft anzuschließen, sei aber sein Sohn gewesen, der gern an solch kleinen Dingen tüftelte. „Er fand sofort Freude daran und ging voll darin auf“, erklärt Müller, der seinen Sohn mitnahm.

Er selbst wurde schnell Vorsitzender der Gruppe, in der Wert darauf gelegt wurde, viel Wissen rund um Technik, Geschichte und weiteres zu vermitteln.

Nach der Wende vor dem Nichts gestanden

„Als dann die Wende kam, stand ich vor der Frage: Was jetzt?“ Die Arbeitsgemeinschaft wurde nicht weitergeführt. Müller stand nach seiner Entlassung vor dem Nichts, plante, sich mit den Zinnfiguren selbständig zu machen.

„Wenn man ein Gewerbe angemeldet hat, bekam man einen Telefonanschluss“, verrät er mit einem Lachen, was ihn und seine Frau schließlich überzeugte, es zu wagen. Leben konnten er und seine Familie von dem Geschäft jedoch nicht.

1995 kehrte das Ehepaar für einige Jahre nach Halberstadt zurück, wo er neben dem Geschäft an vielen Projekten mitarbeitete. Bis 2008 die Lutherdekade begann.

Städtische Museum gab Unterstützung

Arnfried Müller wollte das Leben Martin Luthers und die Reformationsgeschichte aus diesem Anlass in Dioramen - also dreidimensionalen Schaubildern - darstellen. Gleich zu Beginn holte er sich Unterstützung beim Städtischen Museum Halberstadt.

„Dann habe ich mich rangesetzt“, erzählt der 79-Jährige. Er erstellte szenische Entwürfe von Lebensstationen des Reformators.

Der Thesenanschlag, Luthers Reise nach Worms oder die Flucht Katharina von Bora s sowie die Leipziger Disputation finden sich in den Darstellungen wieder.

Szenen wie auf einer Theaterbühne

Wie auf einer kleinen Theaterbühne entfalten sich die verschiedenen Szenen hinter dem Glas der Rahmen. Etwa 760 menschliche Zinnfiguren erzählen in 29 Ansichten vom Leben Martin Luthers. Trotz einer Tiefe von nur drei bis fünf Zentimetern erreichen die Dioramen eine erstaunlich räumliche Wirkung.

Bis ein Diorama fertiggestellt ist, bedarf es vieler Arbeitsschritte, für die sich Arnfried Müller Unterstützung holte. Werner Otto hatte mit unzähligen Gravuren für die Gussformen wohl eine der schwierigsten Aufgaben.

Dafür wird zunächst ein Stein geteilt und die Figuren beidseitig eingeschliffen - „ganz, ganz vorsichtig“, erklärt Müller, der zuvor die Umrisse als Vorlage für die Gravuren übertragen hatte. „Man muss spiegelverkehrt denken. Das ist nicht ganz einfach.“

Bemalen ist reine Fleißarbeit

Das Abgießen übernahm er wieder selbst. Die zum Teil nur wenige Zentimeter großen Figuren zu bemalen ist allerdings Fleißarbeit. Mit einem sehr dünnen Pinsel setzt er vorsichtig Strich für Strich. Aus den fertigen Figuren entstehen schließlich die Dioramen.

Die Gestaltung der Miniatur-Kulissen übernahm bei der umfassenden Ausstellung Peter Scheuch. Davor werden nach und nach die Figuren eingeklebt. Ein Kunststück, denn bei den teilweise menschengefüllten Szenen muss sich Arnfried Müller vorher genau überlegen, wie und wo er welche Figur platziert.

„Ich muss ja die hinten stehenden als erstes einkleben“, erklärt er. Zudem muss er mit sehr wenig Raum auskommen. Deshalb habe die Auswahl der Motive auch ihre Grenzen.

„Was ich nicht darstellen konnte, haben wir im Text untergebracht“, so Müller. Die Kunsthistorikern Anja Preiß verfasste Texte, die auf großen, von Designer Lutz Döring entworfenen Tafeln aufgebracht wurden.

Besonders stimmungsvoll sind die aufwendigen Bildnisse zudem durch eine Beleuchtung im Inneren der Rahmen.

Ausstellung ist nun Eigentum des Museums

Die Ausstellung ging nach ihrer Fertigstellung in das Eigentum des Museums über und ist seit 2012 an wechselnden Standorten zu sehen. Aktuell kann sie im Deutschen Bauernkriegsmuseum in Böblingen besucht werden.

Seit Beginn der Ausstellungsreise begegnete er immer wieder Besuchern mit erstaunlichem Fachwissen. So wies ihn beispielsweise ein Dachdecker darauf hin, dass die Kirchtürme zu Luthers Zeit viel spitzer zuliefen, als in einem seiner Dioramen dargestellt. „Man muss wirklich auf jedes Detail achten“, sagt er. „Aber wir haben auch viel dazugelernt“, fügt Irmgard Müller an.

Schau bis 2018 an 30 Orten

Bis 2018 wird die Schau bundesweit an 30 Ausstellungsorten, darunter Halberstadt und Quedlinburg, zu sehen gewesen sein. Gewidmet ist sie Christian Friedrich Bernhard Augustin, einst Oberdomprediger in Halberstadt. Er trug im 19. Jahrhundert eine 12.500 Objekte umfassende Luthersammlung zusammen. (mz)