Kampfmittel-Beseitiger Kampfmittel-Beseitiger: Die Gefahr vor Augen
HALLE/MZ. - Diese hatte jedoch einen mechanischen Zünder - wie die meisten Bomben, die in Sachsen-Anhalt bislang gefunden wurden. Wäre sie indes mit einem Langzeitzünder ausgestattet gewesen - wie jene, die am Dienstag in Göttingen explodierte und drei Menschen tötete - dann wäre sie gesprengt worden. Denn so werde in Sachsen-Anhalt grundsätzlich mit dieser Art von Bomben verfahren, sagt Torsten Kresse. Er ist Einsatzleiter des Kampfmittelbeseitigungsdienstes im Land, der dem Technischen Polizeiamt untersteht. "Eine Bombe mit so einem Zünder kann einem in jedem Moment um die Ohren fliegen."
Es ist eine kleine im Zünder eingebaute Säureampulle, die solche Bomben hochgefährlich macht. "Wenn sie beim Aufprall kaputt geht, zersetzt die herausfließende Säure eine Zelluloidscheibe, die wiederum den Schlagbolzen hält", erklärt Torsten Kresse, der selbst bereits 23 Bomben unschädlich gemacht hat. Ist die Scheibe komplett zerstört, wird die Zündung ausgelöst. Derlei Bomben wurden im Krieg eingesetzt, um die Bevölkerung zu zermürben, ergänzt er: Sie explodierten erst Stunden oder Tage nach dem Abwurf - dann, wenn die Menschen nicht mehr damit rechneten. Ein Kampfmittelspezialist kann nicht wissen, wie stark die Säure in einem Blindgänger bereits gewirkt hat.
Die Nachricht von der folgenschweren Detonation in Göttingen erreichte Torsten Kresse am Mittwoch am Frühstückstisch. "Das macht mich sehr betroffen", sagt er ernst. Von Tagungen und Weiterbildungen kenne er die Kollegen dort. Und: "Natürlich denkt man dann auch schon einmal über die Gefahren seines Berufs nach", sagt er. "Egal, wie viele Lehrgänge man besucht, wie viel Erfahrung man hat und wie vorsichtig man ist: Ein Restrisiko bleibt immer." Schließlich liegen die Bomben seit Jahrzehnten im Boden.
Experten gehen heute davon aus, dass rund zehn bis 15 Prozent der im Krieg eingesetzten Bomben Blindgänger waren. Doch da es keine genauen Zahlen zu den abgeworfenen Bomben gibt, sei es schwer zu sagen, wie viele Blindgänger noch im Boden schlummern, so Kresse. "Bis zu 15 Sprengbomben werden pro Jahr in Sachsen-Anhalt beseitigt", sagt er. In Magdeburg, der Region um Merseburg und Leuna, aber auch Zeitz befänden sich die meisten Fundorte. Sieben Spezialisten gibt es im Land, die berechtigt sind, Bombenblindgänger zu entschärfen. Daneben muss der Kampfmittelbeseitigungsdienst beinahe täglich weitere Munitionsreste wie alte Granaten beseitigen. "Sachsen-Anhalt ist in weiten Teilen kampfmittelbelastet", sagt der Einsatzleiter. Bei der Entschärfung von Kriegsbomben habe es bislang keine Unfälle im Land gegeben. Allerdings sei in dem zentralen Kampfmitteldepot im Norden Sachsen-Anhalts Anfang der 90er Jahre eine Granate explodiert. Damals habe es drei Verletzte gegeben. In dem sogenannten Munitionszerlegebetrieb werden die gefundenen militärischen Hinterlassenschaften gelagert und nach und nach vernichtet.
Vor drei Jahren kam Torsten Kresse in Magdeburg selbst in die Situation, einen der gefürchteten Säurezünder an einer Bombe zu identifizieren. "Das war einer der brenzligsten Momente in meinem Berufsleben." Doch es ging alles glatt. Die Bombe wurde gesprengt. Angst habe er nie verspürt, sagt der 41-Jährige, der seinen gefährlichen Beruf seit 1989 ausübt. "Anspannung natürlich schon." Und Erleichterung, wenn ein Einsatz geglückt ist. Sicher werde er den traurigen Vorfall von Göttingen nächstes Mal im Hinterkopf haben. "Aber wenn es darauf ankommt, muss ich solche Gedanken ausblenden."