Demonstrationen in Magdeburg

Demonstrationen in Magdeburg: Friedlicher Ausnahmezustand vor dem Dom

Magdeburg - „Einen recht schönen guten Tag, Sie wollen zur Versammlung?“ Ausgesprochen höflich wurden Teilnehmer, die zur Kundgebung des rechten Vereins „Gemeinsam. Stark. Deutschland“ (GSD) auf dem Domplatz wollten, von den Ordnungskräften in Magdeburg ...

Von Ralf Böhme 10.04.2016, 18:28

„Einen recht schönen guten Tag, Sie wollen zur Versammlung?“ Ausgesprochen höflich wurden Teilnehmer, die zur Kundgebung des rechten Vereins „Gemeinsam. Stark. Deutschland“ (GSD) auf dem Domplatz wollten, von den Ordnungskräften in Magdeburg empfangen.

Wie am Einlass in einem Fußballstadion erfolgten Kontrollen an vorbereiteten Sperren - entspannt im Umgang, professionell in der Sache. Gefährliche Dinge wie Flaschen oder Schlaggegenstände wurden ohne Wenn und Aber eingezogen. Das Konzept der Polizei, Konflikte durch angemessene Präsenz, klare Anordnungen und Freundlichkeit zu entschärfen, ging auch bei den Gegendemonstrationen linker und bürgerlicher Kräfte auf. Die Bilanz am Tag danach: 30 Anzeigen, 32 gefährliche Gegenstände und Pyrotechnik sichergestellt. Knapp 1.000 Polizisten waren vor Ort.

Dennoch ging es nicht ganz ohne Behinderungen ab. So war der direkte Weg zum Dom durch Gitterzäune versperrt. Das irritierte vor allem ausländische Magdeburg-Besucher, die das berühmte Bauwerk auf ihrem Besichtigungsprogramm hatten. Manche drehten enttäuscht wieder ab. Hartnäckig zeigte sich dagegen Alvaro Marado, ein pensionierter Lehrer aus Lissabon. Der 62-jährige Katholik sagte mit Blick auf die GSD-Kundgebung: „Ich bin sehr erschrocken über diesen Hass, über diese böse Demonstration gegen ausländische Menschen.“

Die GSD hatte an diesem Nachmittag etwa 700 Unterstützer aus mehreren Bundesländern mobilisieren können, bestätigte die Polizei später gegenüber der MZ. Dazu zählten mehrere Gruppen aus Niedersachsen, darunter aus Wolfsburg. Dabei handelte es sich überwiegend um Männer im Alter zwischen 25 und 40 Jahren mit wenigen Frauen und Senioren im Schlepptau.

Auf dem riesigen Gelände vor dem mächtigen Dom, wo sonst gut und gerne 10.000 Teilnehmer ihren Platz gefunden hätten, nahm sich das Treffen beinahe unscheinbar aus. Die wenigen Zaungäste, die das Spektakel aus sicherer Entfernung beobachteten, konnten zunächst nur ein Dutzend Fahnen ausmachen. Umso mehr mühten sich die Veranstalter um Lautstärke. Ein Teil der Teilnehmer kam nach Polizeiangaben und eigenem Bekunden aus der gewaltbereiten Fußball-Fanszene mit zuvor eingeübten Sprechchören.

Nach einem schüchternen „Hallo Magdeburg!“ dauerte es einige Minuten, bis die selbst ernannten Patrioten ihre zentralen Botschaften skandierten. Ein Beispiel: „Wer Deutschland nicht liebt, muss Deutschland verlassen!“ Nächster Programmpunkt: Ein in Berlin lebender Italiener schmäht Ausländer, dann den Islam und stuft ihn als feindlich ein. Ein besonderes Hassobjekt der Versammlung, deren Redner mitunter gegen die Dom-Glocken ankommen mussten, waren die „Tintenritter der Lügenpresse“.

Auch der „Dompfaffe“, der Proteste gegen den Fremdenhass der GSD unterstützt hatte, bekam sein Fett weg. Sie alle galten den Anwesenden gemeinsam mit Angela Merkel, dem Ministerpräsidenten, den Banken und Aufsichtsräten als „neobolschewistische Nachgeburten“. Um Deutschland zu retten, müssten Patrioten, Hooligans und nationale Sozialisten nun zusammen stehen. Ihren „Spaziergang“ durch einen Teil der Innenstadt, flankiert von einer Reiterstaffel und Eskorten der Bereitschaftspolizei, garnierte der Zug mit dem martialischen Aufschrei „Wir kriegen euch alle“.

Damit waren offensichtlich die Mitglieder linker Gruppen und Bündnisse sowie Vertreter der demokratischen Öffentlichkeit gemeint, die Gegenveranstaltungen organisiert hatten. Unter dem Motto „Keine Alternative“ und „Ravende Europäer gegen Intoleranz und Nationalismus“ - kurz Regina - wurde auf Gefahren durch Hooligans und den Einzug der AfD in den Landtag aufmerksam gemacht. Nach Polizeiangaben kamen jeweils zwischen 250 und 350 Teilnehmer, darunter auch einige Landespolitiker. (mz)