„Wir haben es satt“

„Wir haben es satt“ : Bauern im Burgenland fürchten um ihre Zukunft

Dietrichsroda - Am Donnerstagnachmittag war noch nicht ganz klar, wer von beiden mit dem Traktor nach Berlin fährt. Doch, dass einer fährt, ist abgemachte Sache. Gerhard oder Damian - einer der Gersters aus Dietrichsroda wird in der Hauptstadt protestieren gegen ein Phänomen in der Landwirtschaft, das immer mehr um sich greift - die massive Inbesitznahme von Landwirtschaftsflächen durch Investoren und Spekulanten. Solche, die meist weder Bauern sind, noch dort wohnen, wo sie Land ...

Von Michael Heise

Am Donnerstagnachmittag war noch nicht ganz klar, wer von beiden mit dem Traktor nach Berlin fährt. Doch, dass einer fährt, ist abgemachte Sache. Gerhard oder Damian - einer der Gersters aus Dietrichsroda wird in der Hauptstadt protestieren gegen ein Phänomen in der Landwirtschaft, das immer mehr um sich greift - die massive Inbesitznahme von Landwirtschaftsflächen durch Investoren und Spekulanten. Solche, die meist weder Bauern sind, noch dort wohnen, wo sie Land kaufen.

Bauern haben es satt - und fahren mit Treckern nach Berlin

Möglich wird das durch geschicktes Umgehen von Gesetzen, meint beispielsweise die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft, in der konventionell wie auch ökologisch produzierende Betriebe Mitglied sind, so auch das Sonnengut Gerster in Dietrichsroda. Den Unmut darüber will es wie Tausende Kollegen auch auf der alljährlich stattfindenden „Wir haben es satt“-Demo Luft machen, die am Sonnabend in Berlin stattfindet.

Am Freitag in aller Frühe startet einer der Gersters mit einem Trekker zunächst Richtung Halle, wo er sich mit anderen Bauern trifft. Auf dem Marktplatz werden sie öffentlichkeitswirksam mit Protestplakaten und ihrer Technik Aufstellung nehmen, bevor sie nach Berlin aufbrechen. „Bis wir in der Hauptstadt ankommen, wird es ganz sicher schon wieder dunkel sein“, schätzt Gerhard Gerster ein. 40 Kilometer pro Stunde - schneller fährt der Traktor nicht.

Angst eines Landwirtes: Werden landwirtschaftliche Flächen immer mehr zum Spekulationsobjekt?

Doch für den Bio-Landwirt geht es in Berlin um nichts Geringeres als die Zukunft. Gerster sieht die Gefahr, dass landwirtschaftliche Flächen immer mehr zum Spekulationsobjekt verkommen. „Investoren kaufen sich ein, auch über Strohmänner, wissen sogar das Entrichten der Grunderwerbssteuer zu umgehen und veräußern nach ein paar Jahren ihre Anteile wieder - mit sattem Gewinn“, schildert er.

Die Politik wisse von dem schon lange, doch schöben sich Bund und Land die Verantwortlichkeiten zu, und auch die Kommunen würden nichts tun. Gerster: „Dabei müsste gerade ihnen daran gelegen sein, die Situation in den Griff zu bekommen, denn für sie bleibt die Grunderwerbssteuer aus.“ Er ist sich da mit dem Vorsitzenden der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft, dem Thüringer Michael Grolm, einig.

Dieser kritisiert: „Nach wie vor unternimmt die Politik, auch in Sachsen-Anhalt, nur sehr, sehr zögerliche Schritte, um die Gesetzeslücke zu schließen. Das kann nicht sein und untergräbt die Akzeptanz der Landwirtschaft in der Bevölkerung.“

Eine Akzeptanz, die sich Gersters seit dem Start ihres Hofes 1994 in Dietrichsroda mühsam erarbeitet haben mit dem Ziel, nicht nur „Bio“ zu sein, sondern Produkte ganz auf natürlichem und kurzem Weg herzustellen. Der Betrieb bewirtschaftet rund 110 Hektar Acker- und 50 Hektar Grünland, hält 35 Milchkühe, bis zu 50 Schweine, zwei Schafe und nicht weniger als 150 Hühner.

Auch breit aufgestellte Bauern haben Angst um ihre Zukunft

Dabei wird produziert, was die Landwirtschaft imstande ist, herzugeben. Fleisch und Wurst genauso wie Obst, Käse und Eier. Eine Imkerei gibt es, eine Bäckerei auch, der Hofladen im Dorf ist immer freitags geöffnet. Gerhard Gerster: „Wir sind schon breit aufgestellt. Doch geht die Entwicklung in der Landwirtschaft weiter wie derzeit, dann sind auch wir nicht krisensicher.“

Wobei er eben auch die Ware Acker meint. Für Gerhard Gerster ist klar: „Wenn wir jetzt nichts tun, verbauen wir unseren Kindern und Enkeln die Chance auf eine bäuerliche und selbstbestimmte Landwirtschaft. Dagegen wehre ich mich.“ Die Demo in Berlin soll dem Nachdruck verleihen. (mz)