Bombenanschlag von Merseburg

Bombenanschlag von Merseburg: Späte Strafe für den Mann mit dem Steingesicht

Halle/MZ. - Im Gesicht rührt sich kein Muskel. Blass und ruhig, die Brauen zusammengezogen, die Lippen zum schmalen Strich gepresst, so hört Herbert Thieme am Dienstagmorgen kurz nach halb neun Uhr im Saal 187 des Landgerichtes Halle das Urteil: 14 Jahre Haft wegen zwanzigfachen versuchten Mordes. "Ja", ruft ein Prozessbesucher spontan. Thieme zuckt nicht ...

Von Steffen Könau 08.04.2003, 17:51

Im Gesicht rührt sich kein Muskel. Blass und ruhig, die Brauen zusammengezogen, die Lippen zum schmalen Strich gepresst, so hört Herbert Thieme am Dienstagmorgen kurz nach halb neun Uhr im Saal 187 des Landgerichtes Halle das Urteil: 14 Jahre Haft wegen zwanzigfachen versuchten Mordes. "Ja", ruft ein Prozessbesucher spontan. Thieme zuckt nicht einmal.

Dass es sein Urteil ist, das Richter Klaus Braun da vorliest; dass er allein es sein wird, der all die Jahre wird absitzen müssen - es ist dem 34-Jährigen nicht anzusehen. In Jeans und braunem Karo-Hemd sitzt Herbert Thieme reglos hinter der Anklagebank, das lange Haar wie stets sorgfältig zum Zopf gebunden. Nur seine Hände, die auf dem Tisch miteinander ringen, die sich würgen, bis die Knöchel weiß werden, verraten, dass der Ex-Rockerkönig aus dem Geiseltal zu schlucken hat an der Verurteilung, die durch strafmildernde Umstände unter der Höchststrafe bleibt.

Vier Jahre hat es bis zu diesem Tag gebraucht, vier Jahre, zwei Prozessanläufe, 51 Verhandlungstage mit 139 Zeugen und sechs Sachverständigen. Längst ist der Schrecken jener Sommernacht, als die von Thieme bestellte Bombe in einem Blumenkübel direkt vor der Merseburger Kneipe "Desperado" explodierte, in der öffentlichen Erinnerung nur noch ein ferner Widerhall. Die Opfer aber, darauf weist Richter Klaus Braun ausdrücklich hin, leiden bis heute: Sie haben ihre Beine verloren, wie die Arzthelferin Heike B., können nicht mehr in ihrem Beruf arbeiten wie der Schwerverletzte Tim K. "Ein Urteil", glaubt Braun, "kann ihnen vielleicht helfen, zu verstehen, warum das passiert ist."

Eine Frage, die im Prozessverlauf immer mehr zur zentralen wurde. Zwar zweifelte kaum jemand an der Verantwortung Thiemes für die Explosion, weil der Anschlag auf das "Desperado" zu gut in den über Monate anhaltenden Krieg zwischen Merseburger Rotlicht-Szene und Rocker-Clique passte. Doch Herbert Thieme schwieg beharrlich. In der Hoffnung, dass die Indizien am Ende nicht reichen und er den Gerichtssaal als freier Mann verlassen könnte.

"Erst Kommissar Zufall", gestand Richter Klaus Braun gestern ein, "gab dem Prozess eine neue Wendung." Als der Bundeswehr-Fallschirmspringer Torsten L. gestand, die Bombe für seinen Freund Herbert gebaut und mit diesem gemeinsam vor dem "Desperado" vergraben zu haben, "bröckelte die Fassade des Angeklagten", wie es Klaus Braun in seiner Urteilsbegründung beschreibt.

Jetzt legt Thieme ein Teilgeständnis ab, jetzt zeigt er Emotionen. Der Mann mit dem Steingesicht erzählt von dem Versprechen, sich eine Existenz aufzubauen, eine Familie und Kinder und beruflichen Erfolg zu haben, das er seiner Oma gab. Und von seiner Angst, das mühevoll aufgebaute Imperium aus Nachtbar und Rockerklub, das kurz vor der Erweiterung um eine Diskothek und einen Spielsalon steht, an die Konkurrenten aus Merseburg und deren vermutete Hintermänner aus Russland zu verlieren. Die hatten ihn an seinem Geburtstag im Vereinsheim der "Vampyres" überfallen, seine Gefolgsleute verprügelt und auf ihn selbst geschossen.

"Das Handeln des Angeklagten war wesentlich begründet durch den Druck, den er in seiner wirtschaftlich bedrängten Lage spürte", formuliert Klaus Braun. Thieme habe sich in die Enge getrieben gefühlt, er habe zeigen wollen, wer der Herr im Hause ist. Die Bombe eine Verzweiflungstat, mit kaltem Blut geplant: Seinem Mittäter Torsten L. gegenüber versichert Thieme bis zuletzt, das "Desperado" werde zum Zeitpunkt der Explosion leer sein - obwohl er selbst doch ganz genau weiß, dass Dutzende Menschen dort den Geburtstag eines Konkurrenten feiern werden. Einen Tötungsvorsatz ohne Tötungsabsicht, nennt das das Gericht. Nicht das kleinste Zucken in Thiemes Gesicht widerspricht.