Azubi-Mangel plagt Firmen

Azubi-Mangel plagt Firmen: Zahl der Lehrlinge in Sachsen-Anhalt sinkt drastisch

Halle (Saale) - Handwerk und Industrie im südlichen Sachsen-Anhalt senden einen „Alarmruf“ aus: Der Mangel an Auszubildenden gefährdet künftig den Bestand von wirtschaftlich soliden Unternehmen.

Von Steffen Höhne
Azubis werden im Süden Sachsen-Anhalts rar.
Azubis werden im Süden Sachsen-Anhalts rar. imago stock&people

Handwerk und Industrie im südlichen Sachsen-Anhalt senden einen „Alarmruf“ aus: Der Mangel an Auszubildenden gefährdet künftig den Bestand von wirtschaftlich soliden Unternehmen.

In den vergangenen zehn Jahren sank die Zahl der Lehrlinge bei Firmen der Handwerkskammer Halle um 57 Prozent auf 3.412, bei der Industrie- und Handelskammer Halle-Dessau gingen die Azubi-Zahlen um 45 Prozent auf 8.518 im Jahr 2017 zurück (siehe Grafik).

Vor allem Koch-Azubis fehlen

Laut IHK-Präsidentin Carola Schaar ist die Lage in einzelnen Berufen besonders dramatisch: Die Zahl der künftigen Köche nahm von mehr als 1.000 im Jahr 2008 auf nun gut 200 ab. Die Auswirkungen des folgenden Fachkräftemangels seien bereits spürbar.

„So schränken etwa Gaststätten ihre Öffnungszeiten ein oder schließen sogar“, sagt Schaar. Als Beispiele nannte sie das „Gasthaus zum Bergwitzsee“ in Kemberg (Landkreis Wittenberg) und die Gaststätte „Zum Schad“ in Halle. Dort gab es jedoch auch Probleme innerhalb der Unternehmer-Familie.

Werden Dachdecker bald Mangelware?

Laut Handwerkspräsident Thomas Keindorf sind auch Dachdecker Mangelware. „Der Engpass wurde vielen Hausbesitzern zuletzt nach den Zerstörungen durch das Orkantief Friederike schmerzlich bewusst“, so Keindorf.

Die gewerblichen Kammern könnten ihrer Verantwortung, für gut ausgebildeten Fachkräftenachwuchs in der Wirtschaft zu sorgen, nicht mehr voll gerecht werden, teilten die Wirtschaftsverbände mit.

Gründe des Rückgangs der Azubi-Zahlen

Die beiden Hauptgründe für die Misere sind der deutliche Rückgang der Schülerzahlen in Sachsen-Anhalt und die steigende Tendenz der jungen Menschen zum Studieren.

Die Kammern bemängeln jedoch auch eine fehlende Unterstützung der dualen Ausbildung durch die Politik und zu viel Bürokratie.

Ist „Karriere mit der Lehre“ die Lösung?

Schaar und Keindorf legten daher einen Zehn-Punkte-Katalog gegen die Ausbildungskrise vor. Gefordert wird unter anderem, die Berufsorientierung auszubauen. Die Berufswahlkompetenz soll verpflichtender Bestandteil des Lehrplans in allen Schulformen - auch dem Gymnasium - werden.

Laut Keindorf muss bei Jugendlichen und Eltern stärker verankert werden, dass auch eine „Karriere mit der Lehre“ möglich ist. Die IHK bietet inzwischen auch Beratungsangebote für sogenannte Studienzweifler in der Universität Halle an.

„Immerhin kommen sieben Prozent der Azubis von den Hochschulen“, so Schaar. „Es wäre schön, wenn solche Projekte auch mit den Hochschulen Merseburg und Anhalt zustande kämen.“

Flüchtlinge sollen besser in duale Ausbildung integriert werden

Darüber hinaus sollen Flüchtlinge besser in die duale Ausbildung integriert werden. „Gute Deutschkenntnisse nach Abschluss von Sprachkursen könnten gleich mit einer Ausbildung belohnt werden“, so Keindorf.

Ausbildungsvergütung teilweise weniger als 300 Euro

Nicht als Punkt aufgeführt ist allerdings das Thema Ausbildungsvergütung. Hier gibt es eine enorme Spreizung. Pflegekräfte verdienen im ersten Lehrjahr bereits mehr als 1.000 Euro, im Fleischerhandwerk und im Metall-Handwerk sind es weniger als 300 Euro.

Auch wenn die Wahl des Berufes nicht in erster Linie vom Verdienst abhängig ist, spielt die Entlohnung dennoch eine Rolle. Arbeitsmarktexperte Steffen Müller vom Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) sieht die Vergütungen als eine Frage des Wollens.

„Es gibt umfangreiche Forschung, die zeigt, dass die Löhne immer stärker davon abhängen, bei welchem Arbeitgeber man beschäftigt ist“, sagte Müller zuletzt der MZ. Nach seiner Ansicht muss bei einer dünnen Bewerberlage mehr gezahlt werden, um Lehrlinge zu bekommen. (mz)