Frau mit Eisenstange durch die Brust

Frau mit Eisenstange durch die Brust: Wurde Hexe oder „Missgeburt“ bei Zeitz begraben?

Theißen - Archäologen haben bei Zeitz ein und 1.400 Jahre alten Gräberfeld freigelegt. Die Überreste einer Frau geben Rätsel auf.

Von Torsten Gerbank 12.10.2017, 05:00
Das Skelett einer Frau hat eine Eisenstange durch die Brust.
Das Skelett einer Frau hat eine Eisenstange durch die Brust. dpa-Zentralbild

Die Hände vor dem Becken gebunden, ein Eisen durch die Brust getrieben: Der Fund einer 16- bis 18-jährigen Toten bei Zeitz gibt Rätsel auf: Warum ist die Frau vor 1.400 Jahren umgebracht worden, warum wollten Menschen damals verhindern, dass die Seele der nahe Theißen Bestatteten zur Erde zurückkehrt?

Ob Mitarbeiter des Landesamtes für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt bei Untersuchungen in den nächsten Monaten eine sichere Antwort auf diese Frage bekommen, das ist ungewiss.

Gräberfeld bei Zeitz: Auch etwa zwei Meter großer Mann gefunden

Fest steht aber, dass sie bei Grabungen im Bereich der künftigen Theißener Ortsumfahrung Entdeckungen gemacht haben, die nicht alltäglich sind. Von Sensationen will Projektleiterin Susanne Friederich zwar nicht sprechen, wohl aber von Besonderheiten: Und das sind eben das Grab der vermutlich 16- bis 18-jährigen jungen Frau, die Friederich als verstoßene Dame bezeichnet, die mit dem Bauch nach unten bestattet wurde und das Grab eines Mannes, der zu Lebzeiten etwa zwei Meter groß gewesen ist.

Insgesamt wurden in Sichtweite der Bundesstraße 91 jetzt immerhin 15 Gräber freigelegt. Drei davon sind Pferdebestattungen. Die Toten stammen aus der Epoche der Merowinger. Sie herrschten vom fünften Jahrhundert bis zum Jahr 751.

Gräberfeld bei Zeitz: Junge Frau könnte als Hexe oder „Missgeburt“ angesehen worden sein

Bei der ungewöhnlichen Bestattung der jungen Frau handelt es sich nach den Worten von Projektleiterin Friederich und Grabungsleiter Dovydas Jurkenas aller Wahrscheinlichkeit nach um eine sogenannte „Wiedergänger-Niederlegung“. Das heißt, die Menschen wollten dereinst die Rückkehr der Verstorbenen als Untote verhindern.

Gründe dafür können sein, dass sie behindert beziehungsweise missgebildet war, spezielle, vielleicht unerklärliche und damit Angst einflößende Fähigkeiten besaß oder dass sie zum Beispiel als Hexen angesehen wurde.

Vielleicht, so Friederich, rührte die Besonderheit der toten jungen Frau auch daher, dass sie aus weiter Ferne in die Zeitzer Region gekommen ist. Das könnte man zum Beispiel anhand von Zähnen herausfinden, falls es erhaltenes Material gibt.

Gräberfeld bei Zeitz: Darum wurde der Frau eine Eisenstange durch die Brust gebohrt

Mit dem durch Rücken und Brust getriebenen Eisen und dessen Verankerung im Erdreich sollte eine Auferstehung verhindert werden. Das Ablegen der Toten mit Blickrichtung ins Innere der Erde diente diesem Zweck, der „schwindenden Seele“ den Weg weg von den Lebenden vorzugeben. Der Kopf der jungen Frau war nicht wie sonst üblich gen Westen, sondern gen Osten ausgerichtet. Die Knochen der Toten sind allerdings schlecht erhalten. Weil der Lößboden viel Wasser durchlässt.

Bei den Überresten des riesigen Mannes handelt es sich aller Wahrscheinlichkeit nach um einen Krieger, vielleicht um einen Anführer. In seinem linken Arm hält er ein eisernes Schwert, an seiner rechten Seite befinden sich Überreste einer Lanze. „Seine Kleidung war gegürtet und mit einer Fibel verschlossen“, so Friederich. Zudem wurden Gräber von Pferden entdeckt. Die Archäologen gehen allerdings nicht davon aus, dass sie in direkter Beziehung zu den Toten standen.

Gräberfeld bei Zeitz: Auch Grab mit menschlichen Knochen wirft noch Rätsel auf

Zudem förderten die Archäologen ein Grab zutage, in dem menschliche Knochen durcheinander liegen. Warum dem so ist, dafür gibt es aktuell keine Erklärung. Dass Grabräuber irgendwann einmal das Durcheinander hinterlassen haben, darauf gibt es keine Hinweise. Ans Tageslicht gefördert wurden zudem Schmuckstücke wie Perlen. Alle Fundstücke sind noch am Mittwoch nach Halle ins Landesamt gebracht worden.

In der Nähe des jetzigen Fundortes des Gräberfeldes sind bereits im Sommer slawische und bronzezeitliche Siedlungs- und Bestattungsplätze gefunden worden. Die neuen Funde weisen auf eine vielfältige und kontinuierliche Besiedlungsgeschichte des Gebietes hin. „Das Gelände wurde immer wieder genutzt“, so Friederich. Die Grabungen laufen noch bis November. (mz)