Wittenberger „Judensau“

Wittenberger „Judensau“: Eine neue Bildstürmerei?

Wittenberg - Kopfschütteln, Wut, Entsetzen und Scham. Das Spottbild „Judensau“ an Wittenbergs Stadtkirche löst heftigste Reaktionen aus. Es gibt im Reformationsjahr internationale Proteste und die Forderung, das Relief zu ...

Von Michael Hübner 15.06.2017, 09:02

Kopfschütteln, Wut, Entsetzen und Scham. Das Spottbild „Judensau“ an Wittenbergs Stadtkirche löst heftigste Reaktionen aus. Es gibt im Reformationsjahr internationale Proteste und die Forderung, das Relief zu entfernen.

„Aber Geschichte lässt sich nicht einfach entsorgen. Sie gemahnt uns an Dunkles, auch bei dem großen Reformator Martin Luther und seinen Zeitgenossen“, sagt Friedrich Schorlemmer (SPD). Der Publizist gehört zu den Ausnahmen, die öffentlich für den Erhalt plädieren.

Andere nennen die Plastik einfach einen politischen Skandal. Die Stadträte haben sich - so scheint es zumindest - bei dem heftigen Streit einfach abgeduckt. Das soll sich am 28. Juni bei der nächsten Sitzung ändern „Ich halte es für wichtig, dass der Wittenberger Stadtrat eine deutliche Position bezieht“, sagt Dirk Hoffmann (AfD).

„Das Entfernen dieses Reliefs ist zwingend abzulehnen. Man mag es mögen oder auch nicht. Aber es gehört zur Geschichte. Ich werde mich für den Erhalt einsetzen“, kündigt er an. Er habe in den Gremien für seinen Vorstoß bereits geworben und dafür „von den Stadtratskollegen Zuspruch“ erhalten.

Darüber kann Peter Zollner (Linke) nur herzhaft lachen. Der promovierte Arbeitswissenschaftler hat das ganz anders in Erinnerung. „Im Finanzausschuss wurde das nicht ausdiskutiert, weil das Thema nicht auf der Tagesordnung stand. Aber es gab schon zwei oder drei Gegenstimmen“, sagt er und glaubt: „Hoffmann ist in seiner eigenen Partei umstritten und will wohl so punkten.“

Der Linke-Politiker findet aber auch deutliche Worte für das Relief. „Das ist ein Zeugnis der Geschichte“, sagt Zollner und hat für die Abriss-Befürworter kein Verständnis: „Das ist Bildstürmerei der dümmsten Art.“ Das erinnere ihn an die Jahre 1933, 1945 und 1990. „Die Meinung der AfD interessiert mich nicht“, sagt Reinhard Rauschning (SPD), sondern die seiner Genossen.

Der Fraktionschef will das ausführlich beraten und für den Stadtrat eine Stellungnahme erarbeiten. „Das Ding soll bleiben“, sagt schon mal René Stepputtis (SPD).

Das sieht Frank Scheurell (CDU) keinen Deut anders. „Jeder Bau, jedes Symbol ist in seiner Entstehung, in seinem historischen Kontext zu sehen“, betont der Politiker.

Scharfe Geschütze fährt dagegen der Leipziger Pfarrer Thomas Piehler mit Joela Krüger von der Evangelischen Marienschwesternschaft auf. Das Duo organisiert mittwochs noch bis zum 21. Juni eine stille Mahnwache und fragt provokant „Nach Auschwitz an der Judensau festhalten?“.

Nach Auffassung der beiden setze „eine Gedenkplatte das Schmährelief nicht außer Kraft“. Sie sprechen von einer „historischen Schande für Wittenberg“. Eine Abnahme, des aus dem Jahr 1303 stammenden Sandsteinreliefs sei „ein Zeichen, das über Worte hinausgeht“. So wird Aufmerksamkeit geschaffen. Luthers Worten, kommentiert eine überregionale Zeitung, folgten Taten.

„Im Pflaster des Markts glänzt ein Stolperstein für Martin, Jakob und Amelie Israel, ermordet in Auschwitz und Sobibor“, schreibt ein Welt-Journalist. Und ein Elektromeister würde für die Beseitigung „der Schweinerei“ 10.000 Euro stiften.

(mz )