Wittenberger Arzt Paul BosseWittenberger Arzt Paul Bosse: Aus einer Übersetzung wurde mehr

Wittenberg - Hans-Jürgen Grabbe hat ein Buch über den berühmten Arzt geschrieben.

Von Irina Steinmann 27.03.2019, 12:32

Wenn er das nur vorher gewusst hätte, sagt Hans-Jürgen Grabbe, er hätte sich nicht darauf eingelassen. Lediglich eine Übersetzung aus dem Englischen hatte der Geschichtsprofessor anfertigen wollen, damals 2015, nun aber ist doch ein komplett eigenständiges Werk daraus geworden. „Verleumdet - Verfolgt - Vertrieben“ heißt sein Buch, eine „kollektive Familienbiografie“, die der Erinnerungskultur um den Wittenberger Arzt Paul Bosse und dessen christlich-jüdische Familie eine wichtige Facette hinzufügt.

Die Bosse hätten „nahezu das gesamte Spektrum“ von NS-Verfolgung zu erleiden gehabt, bis hin zur Ermordung von Käte Bosse im KZ Ravensbrück 1944.

Keine Heldengeschichte

Nach Stolperstein, Straßenumbenennung und jenem Gutachten, welches das Paul Gerhardt Stift vor zwei Jahren vorgelegt hat, um seine eigene, unrühmliche Rolle bei der Ausgrenzung und Verfolgung der Bosses während der Nazizeit zu beleuchten, erlaubt nun Grabbe mit seinem Buch einen neuen Zugang zu Paul Bosse und den Seinen. „Keine Heldengeschichte“, sondern ein Werk, das den Chefarzt und ärztlichen Direktor des auch damals kirchlichen Krankenhauses in seiner „Vielschichtigkeit“ zeigen möchte.

Dazu gehört, dass Bosse, der 1935 aus dem Stift geworfen wurde und daraufhin seine private, noch lange sogenannte „Bosseklinik“ für Geburtshilfe gegründet hatte, über Jahre durchaus „ein gewisses Wohlwollen“ seitens der Nazis entgegengebracht worden sei, wie Grabbe konstatiert.

Als ein Beleg dient dem Historiker dessen Engagement als Mannschaftsarzt für die Sprint-Staffel bei den Olympischen Spielen 1936. „Er galt als ein wichtiger Mann“, so Grabbe mit Blick auf Bosses Forschungen in der Wundversorgung, die selbstredend „allergrößtes Interesse bei den Militärärzten“ hervorriefen.

Engagierter Neuanfang

Auch für die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg hält Autor Grabbe, der für sich in Anspruch nimmt, allgemeinverständlich und gleichzeitig mit wissenschaftlichem Anspruch geschrieben zu haben, Neuigkeiten parat. So sei Paul Bosse, 1920 bis 1947 allgemein „einer der wichtigsten und wirkmächtigsten Wittenberger Bürger“, in den Jahren 1947 bis 1949 „die wichtigste Figur im Gesundheitswesen“ der Stadt - damals ein ausgewiesenes Zentrum für Kriegsheimkehrer und Flüchtlinge mit allen Problemen - gewesen, mitnichten ein gebrochener Mann, sondern einer, der sich „in die Arbeit gestürzt“ und sich darüber hinaus, Stichwort Kulturbund, im Kulturbereich engagiert habe. Auch die Gründung des Kinderheims in Kropstädt sei Bosses Werk, erinnert Grabbe.

Bei seinen Recherchen habe er, wie auch Bosse-Enkel Heini Gruffudd, dessen Buch „A Haven from Hitler“ (Großbritannien 2014) er ursprünglich hatte übersetzen wollen, auf Unmengen von Familiendokumenten, Briefe und Tagebücher etwa, zurückgreifen können - mit aller Diskretion, die eine beabsichtigte Nutzung für einen großen öffentlichen Kreis notwendig macht.

Ein Nachfahre von Paul und Käte Bosse war es auch, der heimlich eine Handy-Kopie von Unterlagen machte, die ein deutsches Archiv nicht an ihn, Grabbe, herausrücken wollte, berichtet der Historiker von seinen Recherchen, die am Ende allein anderthalb Jahre brauchten, bei einer Gesamtarbeitszeit von „drei Jahren brutto“.

Dass „Verleumdet - Verfolgt - Vertrieben“ keine bloße deutsche Version von Gruffuds „A Haven from Hitler“ werden konnte, sondern ein „komplett neues Werk“ sein müsste, habe sich schon bald herausgestellt. Zum einen hatte Gruffudd seine nach Großbritannien bzw. Wales geflüchtete Mutter Kate in den Mittelpunkt gestellt, zum anderen hatte der Waliser seinen britischen Mitbürgern auch vieles über deutsche Geschichte berichtet, was man hierzulande - hoffentlich - als bekannt voraussetzen darf.

Man wolle das Buch auch für Veranstaltungen mit Schulen nutzen, erklärte die Vorsitzende der Wittenberger Bücherfreunde, Sylvia Ziegler. Ihr Verein, der die Stadtbibliothek unterstützt, hatte als Fördermittelempfänger das Erscheinen des von Stadt, Stadtwerken und Sparkasse mitfinanzierten Buches ermöglicht. Als einen Zugewinn an „Klarheit“ über eine Wittenberger Familie, die „das städtische Leben lange positiv beeinflusst haben“, lobte Oberbürgermeister Torsten Zugehör Grabbes Werk - und die Bosses.

Das Buch erscheint am 2. April im Mitteldeutschen Verlag (280 Seiten, 20 Euro, ISBN 978-3-96311-189-1). Eine Lesung mit Hans-Jürgen Grabbe findet am 5. April, 16 bis 18 Uhr, im Audimax der Leucorea statt. Eintritt frei.

(mz)