Weblog 29. Juni

Weblog 29. Juni: Alles im Fluss

Wittenberg - Alles im Fluss – was wie der Slogan der nächsten Hochwassersaison klingt war am letzten Freitag nicht weniger als der erste Wittenberger Abend. Um es schon mal voranzustellen – ich bin Fan. Aber der Reihe ...

Von Peter Benedix 29.06.2017, 11:49

Alles im Fluss – was wie der Slogan der nächsten Hochwassersaison klingt war am letzten Freitag nicht weniger als der erste Wittenberger Abend. Um es schon mal voranzustellen – ich bin Fan. Aber der Reihe nach.

Wie so oft komme ich gegen 9 Uhr in Wittenberg an und habe heute ein Treffen mit dem Chef der Herberge in der Fleischerstraße. Es gibt ein paar spannende Fakten darüber, wie das Jubiläum aus Sicht der Tourismusbranche läuft und nebenbei erfahre ich, dass die Herberge jetzt in der Woche 3-4 Pilger begrüßen darf. Klingt erstmal nicht viel, aber wenn man bedenkt, dass es vorher im Monat höchstens einer war, kann man schon sagen, dass Wittenberg eine Pilgerreise wert zu sein scheint.

Peter Benedix ist Filmregisseur und arbeitet an einer Langzeit-Dokumentation über das Reformationsjubiläum 2017 in der Lutherstadt Wittenberg. Auf der Seite www.mz.de/herz und www.worandeinherz.de berichtet der 36-Jährige über die Fortschritte bei den Arbeiten an dem abendfüllenden Film über seine Heimatstadt. Sie erreichen Peter Benedix per Mail unter info@worandeinherz.de

Bis zu meinem nächsten Termin habe ich noch etwas Zeit und so fahre ich in die Wohnung meiner Eltern um etwas zu arbeiten. Als ich meine Mails abrufe, flattert eine Pressemitteilung des Refo herein. Datum: Heute, 9 Uhr. Inhalt: Um 11 Uhr am gleichen Tage wird das Flüchtlingsboot am Schwanenteich installiert. Da soll mal noch einer sagen, der Refo wäre nicht spontan.

Die aktuelle Uhrzeit beträgt übrigens 11:04 Uhr. Mist. Na denn mal los. Laptop wieder zugeklappt, rein ins Auto und ab zum Teich. Bestimmt gibt ein Boot, das mit zwei großen Kränen in den kleinen Teich gelassen wird, ein tolles Bild ab. Vor Ort habe ich noch nichts verpasst. Schließlich wird das (ziemlich große) Boot eingehakt  und angehoben.

Aber wie wollen die das Ding an den Bäumen vorbei ins Wasser lassen? Schließlich schwebt das Boot frei – und schwebt und schwebt und schwebt – nur halt auf der Stelle und nicht vor und nicht zurück. Jetzt beginnt unerwartet der spannende Teil der Nummer, denn ich lerne eine Bundeswehrpfarrerin kennen. Wir kommen ins Gespräch, als wir beide auf das Absenken des Boots in den Teich warten.

Spannender Beruf. Wussten Sie, dass Bundeswehrpfarrer zwar Uniform, aber keine Waffen tragen? Sie war in Incirlik, als im letzten Sommer der Putschversuch gestartet wurde und hat auch sonst über ein paar interessante Wegmarken ihres Berufslebens zu berichten. Was sie eigentlich in Wittenberg macht? Sie betreut für eine Woche das Friedenscafé. Schauen Sie doch mal vorbei.

Schließlich kommt uns beiden diese Schiffsschwebenummer etwas komisch vor und ich frage mal nach. Typischer Fall von „nicht richtig recherchiert“. Das Boot wird nicht IN den Teich, sondern NEBEN den Teich gesetzt und wartet gerade auf sein Fundament. Das hatte ich mir irgendwie anders vorgestellt.

Minimal enttäuscht gehe ich Mittagessen und verbringe noch ein paar Minuten in der Stadt – die heute irgendwie ziemlich leer ist. Jörg von der Toilette am Schlossplatz meint, dass dies wohl schon die ganze Woche so wäre. Es ist ein Auf und Ab mit den Besucherzahlen, aber demnächst besorge ich mir mal ein paar aktuelle Zahlen – sofern die jemand rausrückt.

Langsam rückt der Abend näher. Mit einem blauen Backstage-Bändchen bewaffnet schaue ich mich auf der Schlosswiese um. Tina Fredrich, die städtische Organisatorin, scheint bereit für die große Show. Es war wohl ein weiter und auch nicht immer ebener Weg, aber seit ein paar Stunden stehen alle Ampeln auf Grün.

Eine kleine Ansprache des Komponisten bringt einige Lacher, der Kinderchor beginnt sich einzusingen und vor der Bühne wird bereits nachbestuhlt. Nachbestuhlung ist immer ein gutes Zeichen. Man kann von einem übervollen Haus sprechen und aus sicherheitstechnischen Gründen irgendwann Leute nicht mehr rein lassen, welche dann wiederum später sagen können „es war so voll, dass wir aus sicherheitstechnischen Gründen nicht mehr rein gelassen wurden“.

Die Stimmung im Publikum ist ausgezeichnet. Zeit für eine Operette von Wittenbergern für Wittenberger (angrenzende Landkreise eingeschlossen) und was soll ich sagen – es war grandios! Lassen Sie mich ruhig so subjektiv sein, denn dafür sind solche Veranstaltungen da. Es ist mir auch völlig egal, wenn es dem einen oder anderen zu trivial oder zu vielfältig oder zu lang oder zu kurz war.

Ich erspare Ihnen eine Reihe von wohlklingenden Adjektiven und beschränke mich auf ein: Ich fand‘s klasse! Für mich war es auch mal wieder körperlich ein gutes Training, denn ich huschte ständig zwischen Seitenbühne und Publikumsbereich hin und her. Auf der einen Seite möchte ich natürlich gute Bilder haben, auf der anderen Seite auch den Besuchern nicht die Aufmerksamkeit klauen.

Bei der letzten Zugabe schlich ich mich dann auch mal kurz hinter den Chor. Am Ende gab es dann viel Dankeschön mit Zuckerguss. Was hinter den Kulissen gut oder nicht so gut lief, ist nicht bekannt und ehrlich gesagt auch nicht interessant, denn was zählt, ist die Show. Auch wenn wir Wittenberger gerne meckern (ja…seien wir ehrlich…es ist so) – dafür war an diesem Abend vor der Bühne kein Platz.

Am Bahnhof genehmige ich mir noch ein Radler, frage mich, ob es hier auch Flaschensammler gibt und muss eine Woche zurück denken. Das Fußballspiel gegen den Vatikan war gerade zu Ende gegangen und mein Tonmann und ich warteten am Bahnhof auf unseren Zug nach Berlin, als die Wittenberger Variante eines Fahrradcorsos an uns vorüberzog. Acht junge Menschen zwischen 14 und 16 und aus einer Box dröhnte „Mr. Vain“ von Culture Beat. Ich lasse das mal an dieser Stelle so stehen…