Weblog 25. Mai

Weblog 25. Mai: Hohe Höhen und tiefe Tiefen

Wittenberg - Die Bauarbeiten sind (fast) abgeschlossen, das Programm ist (fast) fertig und (fast) alle sind voller Vorfreude. Na dann fangen wir mal an mit dem Reformationssommer in unserer schönen Kleinstadt. Ich reise wie so oft mit dem Zug an und steige kurz nach 9 Uhr am Hauptbahnhof ...

Von Peter Benedix 26.05.2017, 16:25
Ein Dieb entwendet eine Geldkassette.
Ein Dieb entwendet eine Geldkassette. imago stock&people

Die Bauarbeiten sind (fast) abgeschlossen, das Programm ist (fast) fertig und (fast) alle sind voller Vorfreude. Na dann fangen wir mal an mit dem Reformationssommer in unserer schönen Kleinstadt. Ich reise wie so oft mit dem Zug an und steige kurz nach 9 Uhr am Hauptbahnhof aus.

Das große Buch kenne ich schon, den Truck in Himmelblau (Geschmackssache) noch nicht. Gehört habe ich jedoch schon einiges über ihn - aber dazu später. Meine Eltern holen mich ab und wir fahren zum Wassersport e.V.. Der Verein hat schon sehr früh seine Unterstützung für das Projekt angekündigt und hält Wort.

Peter Benedix ist Filmregisseur und arbeitet an einer Langzeit-Dokumentation über das Reformationsjubiläum 2017 in der Lutherstadt Wittenberg. Auf der Seite www.mz.de/herz und www.worandeinherz.de berichtet der 36-Jährige über die Fortschritte bei den Arbeiten an dem abendfüllenden Film über seine Heimatstadt. Sie erreichen Peter Benedix per Mail unter info@worandeinherz.de

Zum Festwochenende findet mein Kameramann dort eine gemütliche Bleibe. Dann geht es für mich zurück zum Bahnhof und meine Eltern versuchen schon mal, das schwere Stativ ins gut bewachte Pressezentrum zu bringen. ‚Hurra! Es gibt Fahrräder!‘ denke ich beim Anblick der Verleihstation des Refo-Vereins. Ein Fahrrad ist dieser Tage der beste Freund und bewahrt vor langen Spurts mit schwerem Gepäck und nachträglichem Muskelkater.

„Nur für Touristen“, sagt der Mitarbeiter der Verleihstation beim Anblick meiner Kamera.

„Echt jetzt?“, frage ich und halte es noch für einen Scherz.

„Ja, leider. Sie müssten sich in der Geschäftsstelle ein Fahrrad besorgen.“

„Das ist im ehemaligen Melanchthon – da brauche ich zu Fuß 10-15min. Und in einer Stunde beginnt hier der Festakt mit dem Stationentruck.“

„Is leider so.“

Na sowas. Zwei Versuche brauche ich um jemanden auf dem Bahnhofsparkplatz zu überreden, mich schnell zur Geschäftsstelle zu fahren. Danke übrigens nochmal an den anonymen Fahrer!

„Tja…also wir haben hier Fahrräder aber die sind alle kaputt.“

„Echt jetzt?“, frage ich und halte es noch für einen Scherz.

Der Mitarbeiter des Refo verschwindet kurz hinters Haus und kommt mit zerknirschter Miene zurück.

„Nee. Sind leider alle kaputt.“

„Und nun?“

„Sie könnten ja am Bahnhof einfach behaupten, Sie wären Tourist.“

Um diese Erkenntnis reicher renne ich zum Markt um dort im Pressezentrum die schwere Tasche loszuwerden. Dann sprinte ich nur noch mit der Kamera bewaffnet zurück zum Bahnhof und habe inzwischen 40 Minuten verloren.

Aber wie so oft liegt in solchen Dingen auch etwas Gutes, denn wen treffe ich bei meinem unfreiwilligen Fitnessprogramm? Natürlich Türmer Klaus, der sich am Markt einen Kaffee gönnt und die Unmengen an Polizei und SEK betrachtet.

Eine Meinung hat er dazu natürlich auch und ich selbige jetzt auf Band. Am Bahnhof zeigt der Mitarbeiter der Verleihstation schließlich Herz und überlässt mir nun doch ein Rad – ich habe auch nicht das Gefühl, dass die Nachfrage heute das Angebot überschreiten wird.

Jetzt geht es aber los. Der Stationen-Truck ist wieder da und das will gefeiert werden. Als es losgeht, brüllt jemand neben mir „Ruhm und Ehre der Waffen-SS“. Das war unerwartet. Eine kleine Gruppe Jugendlicher, die nach eigenen Angaben gerade aus Rostock angekommen waren, möchte ihren dümmlichen Beitrag leisten und pöbelt fleißig Naziparolen in die Ansprachen hinein.

Als eine Mitarbeiterin des Refo mit ihnen zu diskutieren beginnt, wird es einen Moment spannend, aber was immer die Frau ihnen gesagt hat, zeigt Wirkung und die Gruppe hebt den Arm ab sofort 100m weiter. Glücklicherweise lässt sich die Rednerin davon nicht beeindrucken. Es wird gesungen und gebetet und viel gedankt.

Im Anschluss bitte ich Herrn Göring, den 25jährigen Tourleiter zu einem kurzen Interview. Die Tour war wohl ein voller Erfolg. Schade nur, dass ich aus verschiedenen Orten in denen der Truck Halt gemacht hat, anderes gehört habe. Wenn man sich Abends zum Bier trifft, wird durchaus von wenig Feedback vor Ort, zu wenig Interesse in den großen Städten berichtet.

Frustrierte Volontäre und viel Stress waren wohl nicht selten. So etwas wird man vor der Kamera aber leider nicht zu hören bekommen, und das soll hier auch nicht das große Thema sein.

Mit meinem neuen Fahrrad klappere ich zurück zum Markt. Direkt gesprochen habe ich tierisch Schiss, mich mit der Kamera auf die Fresse zu legen. Im Pressezentrum angekommen, muss ich meine Ausrüstung zu einer Sammelstelle bringen, damit dort ein Sprengstoffhund einmal durchschnüffeln kann. Danach erhalten alle geprüften Geräte ein grünes Bändchen und wir dürfen nach draußen in den VIP Bereich vor der großen Bühne - und hier endet dieser launige Bericht über eine gelungene Eröffnungsfeier, denn während ich diese Zeilen schreibe, sitze ich schon wieder im ICE nach Wittenberg (es ist Montag nach dem Eröffnungssamstag) und stelle gerade fest, dass mir meine gesamte Ausrüstung gestohlen wurde.

Durchsagen im Zug, der Einsatz der Bundespolizei sowie die Überprüfung der Überwachungsvideos der Stationen Berlin-Hauptbahnhof und Südkreuz werden an diesem Tage nichts mehr erreichen können. Offensichtlich hat nach meinem Einstieg jemand die Kameratasche samt Inhalt aus der Ablage über mir genommen und ist direkt wieder ausgestiegen.

In Wittenberg selbst habe ich heute nur einen Termin, ein Interview mit Margot Käßmann, welches ich durch überall zusammengeliehene Technik auch umsetzen kann. An dieser Stelle noch einmal vielen Dank an Film Wittenberg, den RBW und die Pressestelle des r2017. Der Verlust ist bitter, zumal aufgrund der sehr hohen Beiträge für eine Diebstahlabsicherung keine Versicherung vorliegt.

Aber auch diesmal wird es eine Lösung geben. Zumindest gingen keine Aufnahmen verloren. Die waren bereits gesichert. Nächste Station: Kirchentag. (mz)