Weblog 15. Juni

Weblog 15. Juni: Klassentreffen

Wittenberg - Jubel! Ich kann mir nicht helfen, aber in meinen frühen Wittenberg-Erinnerungen kommt dieser Schlachtruf der Heiterkeit irgendwie nicht vor. Wann ist denn dieses „Jubel!“ in Mode gekommen? Oder ist das so etwas Wiederentdecktes wie die ...

Von Peter Benedix 15.06.2017, 11:22

Jubel! Ich kann mir nicht helfen, aber in meinen frühen Wittenberg-Erinnerungen kommt dieser Schlachtruf der Heiterkeit irgendwie nicht vor. Wann ist denn dieses „Jubel!“ in Mode gekommen? Oder ist das so etwas Wiederentdecktes wie die Stadtbäche?

Egal – Luther heiratet mal wieder und das wird gefeiert, denn immerhin ist das eine uns eigene Sache, auf die wir ruhig ein bisschen stolz sein können. Ich verbinde das Stadtfest immer mit meiner unfreiwilligen Teilnahme im Jahre 1997. Da schlendert man nichts ahnend mit seinem Kumpel durch die Gänge der Schule, als es plötzlich von hinten ruft: „Hey ihr da – kommt mal mit.“

Peter Benedix ist Filmregisseur und arbeitet an einer Langzeit-Dokumentation über das Reformationsjubiläum 2017 in der Lutherstadt Wittenberg. Auf der Seite www.mz.de/herz und www.worandeinherz.de berichtet der 36-Jährige über die Fortschritte bei den Arbeiten an dem abendfüllenden Film über seine Heimatstadt. Sie erreichen Peter Benedix per Mail unter info@worandeinherz.de

Die gute Frau Lehrerin steckte uns dann ohne mit der Wimper zu zucken in zwei mittelalterliche Kostüme und verabschiedet sich mit den Worten „Passt! Wir sehen uns dann am Samstag kurz vor zwei am Lutherhof.“ ‚Wie? Was?‘, denke ich noch - aber jetzt bin ich ohne mein Zutun Standartenträger für die Leucorea.

Übrigens zeichnet die Bezeichnung Kostüm eventuell ein falsches Bild – vielmehr war es ein Umhang, der aus den alten, schweren Schulvorhängen genäht worden war. Kennen Sie diese Dinger? Würde man damit einen Panzer abdecken, so käme dieser nicht mehr vom Fleck. Scheinbar hingen Abdunklungsgrad und Gewicht damals irgendwie zusammen.

Jedenfalls schlurfte ich dann bei 30°C im dicken Mantel einmal die große Runde und wurde alle 50m per Handzeichen dazu aufgefordert zu Lächeln. Ja, die Veranstalter waren Spaßvögel.

Aber nun zurück ins hier und jetzt. Es ist Samstagmorgen, ich springe ins Go-Cart meiner Mutter und fahre mir erst einmal die Elbwiesen anschauen (es ist natürlich nicht wirklich ein Go-Cart, sondern ein kleiner Skoda Irgendwas, aber die Unterschiede sind marginal). Schön sauber sind die Wiesen wieder.

Nicht einen Schnipsel Müll kann ich finden. Und wo vorher Sicherheitswesten- und Sicherheitsschuhpflicht herrschte, werden jetzt gemütlich Kabel gewickelt. Nicht mehr lange und vom Kirchentag bleiben nur noch ein paar Abdrücke im Gras zurück.

Jetzt aber ab in die Innenstadt. Ich möchte noch etwas essen und trinken, bevor der Tag richtig beginnt, aber heute ist es für mich wieder wie für ein Kind im Süßwarenladen. Die Kamera könnte eigentlich durchlaufen, denn schon jetzt um kurz vor 10 ist der Trubel hier und da im Gange. Nach einem kurzen Abstecher beim Türmer Klaus bleibe ich am Luther-Puppen-Theater hängen.

Die Reihen sind voll und es gefällt mir wirklich gut, wie solch ein kompliziertes Thema wie Ablasshandel und Reformation kindgerecht vermittelt werden kann. Für die gesamte Vorstellung fehlt mir die Zeit, aber als Luther sich beim Annageln der Thesen auf den Finger haut, habe ich erstmal genug im Kasten.

Das mit dem Essen wird bis zum Mittag wohl nichts mehr werden, denn das Treiben wird immer bunter. Schließlich ist es 13 Uhr und Katharina von Bora soll von ihrem Gefolge zum Lutherhaus gebracht werden. Die Stadtwache steht schon bereit, aber weder Katharina noch Martin sind zu sehen.

Nachdem die Nervosität ein adäquates Level erreicht hat, erscheinen die beiden nun doch und ziehen durch die Collegienstraße zum Lutherhaus, um dort den Segen von Bugenhagen zu erhalten. Das Kameraaufgebot ist gewaltig. Ich muss gestehen, dass ich dem Stadtfest eine solche Zugkraft gar nicht zugetraut hätte. Gut – ich war auch schon lange nicht mehr mit dabei, aber es ist schön zu sehen, wie positiv die Stimmung bei allen Beteiligten ist.

Nachdem dann die für das Mittelalter typischen peruanischen Panflötenspieler ihren Stand ein wenig beiseite geräumt haben, geht der Umzug los. Ich verdrücke mich durch die menschenleere Mittelstraße und positioniere mich am Markt bei den anderen Medienleuten. Warum gerade am Markt? Natürlich der Stadtkirche wegen.

Nun wird viel gejubelt und geklappert. Der Oberbürgermeister hat sich extra eine Brille nach einem zeitgenössischen Vorbild anfertigen lassen. Kleine, runde Fassungen aus Holz. Dazu verteilt er Münzen aus einer Schatulle heraus. Bestimmt ein Brauch, den ich nicht kenne. Hin und wieder werden völlig erschöpfte Kinder in Bollerwägen vorbeigezogen und schließlich kommt das Lutherpaar.

Bernhard Naumann brilliert wie immer in seiner Rolle als Reformator und Katja Köhler hat ihr bestes Fotolächeln mit dabei. Ich laufe eine Weile mit, muss kurz aus dem Trubel ausbrechen, da Akku leer und Speicherkarten voll sind (umgekehrt ist besser) und gehe langsam Richtung Lutherhotel.

Dort treffe ich Frau von Bora wieder, welche inzwischen einen Wink-Arm hat. Das ist kein Scherz. Halten Sie mal mehrere Stunden lang den Arm hoch und winken dabei. Da haben die Muskeln ganz schön zu arbeiten. Jetzt aber müssen wir schnell den Luther finden, denn gleich ist große Zeremonie auf dem Markt.

Allerdings reduziert sich „schnell“ auf „schleichen“, wenn man an einem solchen Tag die Katharina von Bora ist. Jeder möchte ein Foto von und mit ihr. Als wir Luther schließlich gefunden haben, will das Paar die kurze Strecke vom Holzmarkt zum Rathaus gehen – und braucht etwa 15 Minuten, da von allen Seiten die Menschen herbeiströmen, ihr Stückchen Lutherpaar zu erhaschen.

Es folgen offizielle und launige Ansprachen sowie ein kleines Gelage auf dem Markte. Für mich wird es nun Zeit, noch etwas Schnittfutter zu sammeln. So nennt man einzelne Videoschnipsel mit denen man später im Film Stimmung erzeugen kann. Falls Sie sich bisher gefragt haben, warum der Titel dieses Beitrags „Klassentreffen“ lautet, so kommt hier die Antwort.

An diesem einen Wochenende habe ich zufällig gleich vier ehemalige Klassenkameraden getroffen, die ich mitunter seit 18 Jahren nicht gesehen hatte – und so geht es wohl vielen an diesen Tagen. Das Stadtfest – mal mehr, mal weniger gut besucht – ist stets auch eine Zeit des Heimkehrens, des sich Erinnerns und des Auflebenlassens alter Freundschaften und Beziehungen.

Und das ist schön. Ich denke nicht, dass ich im nächsten Jahr wieder hingehen werde, aber im darauffolgenden Jahr bestimmt. Nee. Moment. Im nächsten Jahr soll ja dieser Film auf dem Stadtfest seine Premiere feiern.

Na, dann komme ich wohl doch mal vorbei geschaut. Jetzt geht es aber schon wieder im Zug zurück nach Berlin. Beim nächsten Mal geht es um den wahren König von Deutschland. Nein – nicht der Typ, der Probleme mit seiner Fahrerlaubnis hat, sondern den kleinen, runden mit den schwarzen Flecken. (mz)