Wahl im Landkreis Wittenberg

Wahl im Landkreis Wittenberg: Harren und Hoffen

Wittenberg - Die Wahlen verändern auch im Kreis die politischen Verhältnisse. Erste Reaktionen an einem Abend, an dem lange ausgezählt werden muss.

Von Marcel Duclaud und Julius Jasper Topp 26.05.2019, 21:01

Diese Abstimmung hat es in sich: Überquellende Wahlurnen, teils lange Schlangen vor den Wahllokalen, weil die Bürger Zeit brauchen, um die üppigen Kandidatenlisten zu studieren. In Gräfenhainichen stehen an den Wahllokalen am Rathaus und an der Paul-Gerhardt-Kapelle kurz vor 18 Uhr noch Menschen, die gerne wählen wollen.

Kurz danach laufen die ersten Ergebnisse ein, Auszählung Europawahl. Im Wittenberger Rathaus werden die Zahlen auf einer Leinwand präsentiert - und sorgen für überraschte Gesichter.

Die AfD liefert sich bei den ersten ausgezählten Wahllokalen der Lutherstadt ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit der CDU. „Das ist schon heftig, damit habe ich nicht gerechnet“, entfährt es Bettina Lange, Kreisvorsitzende der CDU. Sie sagt auch: „Die Leute müssen doch wissen, welche Gesinnung sie da wählen.“

Volker Scheurell (AfD) steht nicht weit weg. „Viele Menschen sind unzufrieden mit der Politik“, lautet sein Befund und er zählt verschiedene Beispiele auf, wo es nach seiner Meinung nicht stimmt. Der Wittenberger sieht ziemlich zufrieden aus und ist sehr gespannt, wie die Ergebnisse für Kreistag und Stadtrat ausfallen. Reinhild Hugenroth (Bündnis 90/Grüne) macht indes gar keinen fröhlichen Eindruck, obwohl ihre Partei bundesweit hervorragend abgeschnitten hat.

„Die AfD“, schimpft sie, „hat eine Chance hier, weil niemand Wahlkampf gemacht hat.“ Keine Kirche, kein Wirtschaftsverband: „Wir müssen das Schweigen überwinden und brauchen eine andere Form der Diskussion. Nicht von oben nach unten, sondern in die Breite.“

Später kommen zu den Ergebnissen der Europawahl erste Daten aus Wahllokalen im Blick auf den künftigen Kreistag. Die sind noch nicht belastbar, zeigen aber Trends, wonach CDU und Linke verlieren, AfD und Freie Wähler zulegen. Stefan Kretschmar, Chef der Freien Wähler, ist noch zurückhaltend, sagt aber auch: „Wir haben ein Potenzial aufgebaut, das sich nun offenbar auszahlt.“ Er spricht von zahlreichen Kandidaten auf den Listen, davon, dass die Freien Wähler überall antreten - in allen Städten und Wahlbereichen: „Unsere gute Arbeit wird wahrgenommen.“

Weniger gut sieht es für die Linken im Kreis aus. In den vorläufigen Ergebnissen, in die noch nicht die Stadtgebiete eingerechnet sind, liegt die Partei am Sonntagabend deutlich hinter dem letzten Ergebnis. „Wir müssen noch abwarten, wie sich das weiter entwickelt. Die Hauptgebiete fehlen noch“, sagt die Fraktionsvorsitzende der Linken im Kreistag, Mareen Kelle zum Stand kurz vor Redaktionsschluss.

Der Fraktionsvorsitzende der SPD im Kreistag, Reinhard Rauschning, sieht in den Abendstunden einem leichten Minus entgegen – allerdings im niedrigen einstelligen Bereich. „Trotzdem wären wir damit auf keinen Fall zufrieden“, sagt Rauschning der MZ. „Noch fehlt die Stadt Wittenberg. Leider sind wir im ländlichen Bereich nicht gerade der Renner. Wir haben dort nicht mehr die Personalpräsenz wie noch in den 1990er Jahren“, so der Sozialdemokrat.

Der Mitgliederschwund halte seit Jahren an, daran habe auch die überregionale Politik ihren Anteil. Und: Die AfD trete im ländlichen Raum sehr stark auf.

Deren Kreisvorsitzender, Matthias Lieschke, begrüßt das Zwischenergebnis, nach dem die Partei auf ein zweistelliges Ergebnis - also im Vergleich zu den gut zwei Prozent bei der Wahl von 2014 - deutlich zulegen kann. „Unsere gute Arbeit in Stadt- und Kreistag trägt Früchte“, sagt Lieschke der MZ.

Von rassistischen Äußerungen im Wahllokal berichtet derweil der Stadtratskandidat Talaat Awadallah im sozialen Netzwerk Facebook. Dem gebürtigen Ägypter gegenüber seien vor dem Wahllokal Bemerkungen wie „Hier ist nur für reine Deutsche“ oder „Was macht der Typ hier“ gemacht worden. „Geh wählen gegen Hass“, schreibt der parteilose Kandidat, der über die Liste der Grünen versucht, in den Wittenberger Stadtrat einzuziehen.

Bei Facebook erhält Awadallah viele solidarische und aufmunternde Worte. Der MZ gegenüber sagt er: „Der Rassismus hat mir weh getan. Gute Freunde haben mir Mut gemacht. Wenn ich in die Politik will, dann muss ich mit solchen Kommentaren leben.“ (mz)