Projekt

Von der fremden Patin zur Freundin in Wittenberg

Simone Dietze wird für ihr ehrenamtliches Engagement geehrt. Was ihr sogar noch mehr Freude bereitet.

Von July Wagner
Patin Simone Dietze mit der syrischen Familie, die sie seit 2018 in einem Familien- und Bildungsprojekt der Arbeiterwohlfahrt  betreut.
Patin Simone Dietze mit der syrischen Familie, die sie seit 2018 in einem Familien- und Bildungsprojekt der Arbeiterwohlfahrt betreut. (Foto: July Wagner )

Wittenberg - Am Anfang war es ein bisschen komisch, jetzt aber ganz normal“, erinnert sich Issa Issos und Madleen Jawishs ältester Sohn zurück. Denn vor knapp zwei Jahren war die 55-jährige Simone Dietze noch eine Fremde für sie. Heute sieht das ganz anders aus. „Simone ist wie eine beste Freundin“, sagt die 36-jährige Madleen Jawish lächelnd.

Gemeinsam mit ihrem Mann, Issa Isso, ist sie vor fünf Jahren von Syrien nach Deutschland gekommen. Dort wohnen die beiden nun, gemeinsam mit ihren vier Jungs, in einer liebevoll eingerichteten Wohnung in Wittenberg.

„Ich besuche sie normalerweise so zwei Mal in der Woche“, erklärt Simone Dietze. Aufgrund der Corona-Pandemie wäre es jedoch schon etwas länger her, dass sie ihre Patenfamilie persönlich besucht hat: „In der letzten Zeit haben wir vieles telefonisch geklärt.“ Doch das ist nicht immer möglich.

Bei den Hausaufgaben helfen, nach einer Arbeitsstelle suchen, einen Kitaplatz organisieren - als Teilnehmerin am Projekt der Arbeiterwohlfahrt (Awo) „Familien- und Bildungspaten“ unterstützt Simone Dietze die junge Familie im täglichen Leben: „Ich helfe ihnen auch bei allen möglichen schriftlichen und postalischen Angelegenheiten, begleite sie bei Behördengängen, zu Arztterminen und gebe ein wenig Deutschunterricht.“ Vor allem, weil es ihr Freude bereiten würde, sich für jemanden einzusetzen.

Projekt seit 2015

„Ich habe damals durch einen Zeitungsartikel über den Albatros von dem Projekt erfahren“, erzählt die Bundesfreiwillige des Begegnungszentrums Wittenberg West. Daraufhin hätte sie sich beim Wittenberger Kreisverband der Arbeiterwohlfahrt, welcher bereits seit 2015 Träger des Projektes ist, vorgestellt: „Dann wurde eine Familie ausgesucht, die dringend Hilfe benötigt und ein Treffen organisiert, bei dem auch ein Mitarbeiter der Awo dabei war.“

Dies ist nun drei Jahre her. 2018 hat Simone Dietze das erste Mal eine Familie begleitet und konnte sich zu diesem Zeitpunkt wahrscheinlich noch gar nicht vorstellen, dass ihre Ehrenamtstätigkeit später einmal belohnt werden soll: Vor knapp drei Wochen erhielt sie den Integrationspreis des Landes Sachsen-Anhalt. „Ich finde es schön, auch mal ein Dankeschön zu hören - es ist ja nicht immer ein Kaffeekränzchen. Da steckt schon mehr dahinter“, gibt die 55-Jährige zu verstehen.

Die Urkunde, mit der das besondere individuelle Engagement geehrt wird.
Die Urkunde, mit der das besondere individuelle Engagement geehrt wird.
(Foto: Wagner )

Mittlerweile hätte sich aber ein richtig gutes Miteinander entwickelt, wie auch der 40-jährige Issa Isso beschreibt: „Wir sind sehr zufrieden mit Simone.“ Vor allem, weil sie auch so viel mit ihren Kindern unternehmen würde. Spazieren gehen, den Tierpark besuchen, Zeit auf dem Spielplatz verbringen, gemeinsam grillen und in den nächsten Tagen steht Angeln auf dem Plan. Das Vertrauen sei mit der Zeit gewachsen und nun deutlich zu spüren.

Umzug geplant

Umso schwerer sei es für Simone Dietze nun, dass Issa Isso und Madleen Jawish mit ihren Jungen, die der Ehrenamtlichen besonders ans Herz gewachsen sind, in der nächsten Zeit umziehen werden, da sie in einem anderen Ort bessere Chancen auf einen Job und eine schöne Wohnung sehen.

„Ich werde dann trotzdem weiterhin an dem Projekt teilnehmen - es ist wichtig, dass jemand schaut, dass Integration gelingt“, versichert Simone Dietze. Dafür wird sie auch weiterhin Schulungen der Arbeiterwohlfahrt besuchen. Diese würden regelmäßig stattfinden und besonders rechtliche Fragen thematisieren: „Jedes Vierteljahr gibt es außerdem eine Zusammenkunft aller Paten. Da können wir Erfahrungen austauschen - was gut läuft und was vielleicht nicht so.“ Manchmal sogar in gewohnter Umgebung: dem Begegnungszentrum Wittenberg West und wohl erstem Zuhause von Simone Dietze: „Die Awo ist wie eine zweite Familie.“