Stadtratswahl in Wittenberg

Stadtratswahl in Wittenberg: Linke verlieren, AfD legt zu

Wittenberg - Gewinner und Verlierer: Welche Parteien in der nächsten Legislaturperiode im Wittenberger Stadtrat mitmischen.

Von Irina Steinmann 28.05.2019, 12:11

Die CDU bleibt trotz Verlusten stärkste Kraft, die Linke rutscht ab auf Platz fünf und dazwischen schieben sich Freie Wähler und AfD, gefolgt von der SPD auf Rang vier - die Wählerinnen und Wähler haben das Farbspektrum im Wittenberger Stadtrat am Sonntag zu großen Teilen neu geordnet.

Wieder ein Scheurell

Sollten sie Triumphgefühle hegen, so lassen es sich die gewählten AfD-Vertreter zumindest nicht überdeutlich anmerken. „Das war zu erwarten“, sagt Dirk Hoffmann mit hanseatischem Understatement, tatsächlich aber ist es ein Erdrutschsieg, den seine Partei da hingelegt hat: Satte sechs Fraktionskollegen wird Hoffmann, der bis dato allein das AfD-Fähnlein aufrecht hielt im Wittenberger Stadtrat, dort künftig haben.

„Sehr zufrieden“ zeigt sich auch Volker Scheurell - nicht zu verwechseln mit seinem bekannten Bruder Frank - der mit 4825 mehr als doppelt soviele Stimmen holte wie Hoffmann und wohl auch der künftige Fraktionschef sein wird. Die Wahl vom Sonntag hat die AfD auf Platz drei katapultiert, gleich hinter der CDU und den Freien Wählern, letztere im Übrigen Partei Nummer zwei, die Grund zu Freude hat.

Mit acht statt bisher sieben Sitzen haben die Freien Wähler ihr ohnehin gutes Standing im Landesvergleich weiter ausgebaut. „Sehr positiv überrascht“ zeigte sich davon Stefan Kretschmar, der bisherige Fraktionschef, der am Sonntag gleichzeitig auch persönlich sein bisher bestes Ergebnis erzielt hat: 2321 Wittenberger wollen, dass Kretschmar weitermacht.

Ein Grund zu feiern. Gerade mal drei Stunden hat der Chef der Freien Wähler eigenen Angaben zufolge in der Wahlnacht geschlafen, als die MZ ihn am nächsten Vormittag auf Arbeit erwischt. Kretschmar führt das gute Ergebnis auf seine gestiegene Bekanntheit zurück und tatsächlich fahren auch in den anderen Parteien die Fraktionschefs beziehungsweise die Kandidaten auf Platz eins der jeweiligen Liste die mit Abstand besten Ergebnisse ein.

Aus acht mach sechs

Das ist so bei der CDU, das ist so bei der SPD und das ist so bei der Linken, die das Verlierer-Trio 2019 komplettiert. Während die Christdemokraten künftig mit nur noch acht Frauen und Männern im Stadtrat vertreten sind - zuletzt war man dort zu elft, nach der Wahl 2014 waren es sogar noch zwölf Volksvertreter - büßen die beiden Parteien links der Mitte jeweils ein Viertel ein und stellen bloß noch sechs - statt acht - Personen.

Am deutlichsten formuliert Horst Dübner, Fraktionschef der Linken, die Niederlage. „Wir haben dramatisch verloren“, sagt er und spricht von einer „Enttäuschung“, einem „Schlag in die Magengrube“. „Das Land rückt weiter nach rechts“, konstatiert Dübner, der freilich noch einen weiteren Grund sieht: „Wir liefern kein Bild ab als Zukunftspartei“, zudem sei die Personaldecke auf dem Land „viel zu dünn“.

Von einem „herben Verlust“ spricht Reinhard Rauschning für seine SPD und sieht den Grund darin, dass „Parteien nicht mehr schick“ sind - die alteingesessen Parteien, muss man freilich mit Blick auf AfD und Freie Wähler hinzufügen, und allen voran die SPD.

Rauschning, auch langjähriger Ortsbürgermeister, tröstet sich ein bisschen damit, dass es „für Reinsdorf insgesamt nicht so schlecht gelaufen“ sei und bezieht dabei - neben SPD-Stadtratsneuling Daniel Wartenberg - auch Vertreter anderer Parteien ein, die dort wohnen, wie etwa Michael Strache von der CDU.

Franziska Buse schließlich, die in der zurückliegenden Legislaturperiode als Stadtratsvorsitzende das Geschehen im Plenum vom Podium herab moderierte, zeigte sich angesichts der CDU-Malaise „dankbar“ für ihr eigenes gutes Abschneiden als Erstplatzierte der Christdemokraten, betonte aber, dass sie sich „noch keine Gedanken“ gemacht habe, ob sie daraus Ansprüche ableiten möchte.

„Frau Lange macht das sehr gut“, sagte sie mit Blick auf die bisherige Fraktionschefin Bettina Lange. Und was den Ratsvorsitz angeht, so werde die CDU als stärkste Kraft zwar auch diesmal das Vorschlagsrecht haben, aber eben nicht die alleinige Entscheidung.

Angesichts „einer ganzen Menge Neuer“ rechne sie damit, dass sich im Stadtrat vieles ändern werde, so Buse. Davon gehen alle aus, und das hat nicht nur, aber doch stark mit der angeschwollenen AfD zu tun, die nun unisono zu Sacharbeit ermahnt wird - und dies auch tun zu wollen beteuert (Volker Scheurell: „Wir wollen mit allen anderen Parteien gemeinsam arbeiten.“)

Wer vielleicht vermisst wird

In einem großen Kehraus, der die Wahl auch war, fallen quer durch die Parteienlandschaft eine ganze Reihe prominenter und/oder langjähriger Vertreter künftig weg. Die CDU etwa verabschiedet sich von Frank Neumann und Insa Christiane Hennen, die Linke unter anderem von Eberhard Schulze und Peter Zollner.

Bei der SPD wurde Veronika Dorn nicht wiedergewählt - und profitierte damit als eine der wenigen ihres Amtes nicht vom Ortsbürgermeister-Bonus - und auch Olaf Kurzhals ist Geschichte. Die FDP wird weiblich: Manuela Fußy ersetzt Rudolf Kaufhold.

Ein drastischer Schnitt auch bei den Grünen: Reinhard Lausch wird in der nächsten Legislaturperiode nicht mehr Stadtrat sein, dafür aber verdoppelt die Ökopartei dort mit Reinhild Hugenroth und Claudia Knape die Zahl ihrer Volksvertreter.

Ganz vorbei ist das Ein-Mann-Gastspiel der NPD, die zumeist ohnehin durch Untätigkeit glänzte. Was die neu einrückende Spaßpartei „Die Partei“ im Wittenberger Stadtrat ausrichten wird, bleibt abzuwarten. Die konstituierende Sitzung ist für den 1. Juli vorgesehen. (mz)