Spottbild "Judensau"

Spottbild "Judensau": Jetzt kommt das Relief vor Gericht

Wittenberg - Die Güteverhandlung findet am 7. Mai statt. Doch ist für den Vorwurf der Beleidigung der Staatsanwalt zuständig? Es gibt auch Debatten um den Streitwert.

Von Michael Hübner 24.04.2018, 10:18

Thomas Tilch wird die wohl seit Jahren spektakulärste Verhandlung am Wittenberger Amtsgericht leiten. Er hat in einer richterlichen Verfügung die mündliche Güteverhandlung auf den 7. Mai ab 11.30 Uhr im Raum 104 angesetzt. Es geht um das Spottbild an der Stadtkirche.

Das Gotteshaus ist eine Weltkulturerbestätte und steht unter Denkmalschutz. Und die umstrittene Plastik, die Juden verhöhnt, stammt von 1305. Das alles macht die Angelegenheit nicht einfacher. Michael Düllmann, ein Privatmann aus Bonn, hat Klage gegen die Evangelische Stadtkirchengemeinde eingereicht. Er fordert die Abnahme des Reliefs.

Es geht unter anderem um den Vorwurf der Beleidigung. Das aber, darauf weist Tilch in seiner Verfügung schon mal hin, ist ein Straftatbestand und eher ein Fall für den Staatsanwalt als für ein Zivilgericht. Allerdings könne dann ein mögliches Ermittlungsverfahren nicht gegen die komplette „Evangelische Stadtkirchengemeinde“ geführt werden.

Einer müsste die Verantwortung übernehmen. Und es gibt noch ein Zuständigkeitsproblem. Das ist der Streitwert. Der soll 10.000 Euro betragen. Das Wittenberger Limit liegt aber bei 5.000 Euro. Demnach wäre das Landgericht Dessau der Ansprechpartner.

Fragwürdiges Lob von Luther

Der Fall sorgt schon jetzt für Aufsehen. In der neuesten Ausgabe von „Jüdisches Europa“, einer maßgeblichen Zeitschrift des europäischen Judentums, wird über Wittenbergs Problem berichtet. Das heißt nach dem Autoren Alexis Canem vor allem Martin Luther. „Es ist sicher kein Zufall, dass an Luthers 455. Geburtstag am 10. November 1938 überall in Deutschland die Synagogen brannten. Zwar waren Luthers Schriften nicht die Ursache für die NS-Verbrechen, doch wirkten sie wie Brandbeschleuniger“, so der Journalist.

„Der Antisemitismus des Reformators hat ein fatales Erbe hinterlassen“, wird Margot Käßmann zitiert. Die Reformationsbotschafterin unterstrich die Mitverantwortung Luthers und der evangelischen Kirche für die deutsche Judenfeindschaft. Und das Spottbild, in dem es in den Gerichtsverfahren geht, hat Luther in seinen Schriften gelobt.

Düllmann geht dagegen auf die Barrikaden. Der Mann gibt nicht nach. In Bonn hat er einen Hotel-Konzern sogar das Fürchten gelehrt: Bei Ausschachtungsarbeiten für ein neues Luxus-Haus wurde im Mai 1987 das sehr gut erhaltene Fundament der alten Hauptsynagoge freigelegt. Unter dem Motto „Rettet den Synagogenplatz“ kam es zu einer zehntägigen Bauplatzbesetzung, in der auch ein Gebetszelt errichtet wurde.

Am 17. September 1987 rückten die Bagger an und schafften Tatsachen. Gegen die Besetzer wurden Geldstrafen wegen Hausfriedensbruchs verhängt. „Da stand ja gar kein Haus“, so Düllmann. Doch Beharrlichkeit zahlt sich aus. 1996 wird „nach langem zähen Kampf“ die Gedenkstätte für die Opfer des Nationalsozialismus eröffnet.

Der Mann, 1943 in Sachsen-Anhalt geboren, ist der Liebe zu einer Brasilianerin wegen zum Judentum konvertiert. Seine inzwischen Ex-Frau lebt mit seiner Tochter in Israel. Und Düllmann hat in Zeiten des Kalten Krieges schriftlich bei Willy Brandt und Walter Ulbricht angekündigt, Heiligabend ein Loch in die Mauer zu schlagen. Mit Hammer und Meißel bewaffnet wurde er erst von Sicherheitskräften gestoppt.

Zur Tat kann Düllmann nicht schreiten, das soll jetzt beim Spottbild anders werden. „Es gibt keine Alternative zur Abnahme“, sagt er und empfiehlt den Verbleib des Zeitzeugen im Lutherhaus. Dort könne das Relief „mit den judenfeindlichen Schriften Luthers ausgestellt werden“.

In Wittenberg selbst gibt es kaum öffentliche Äußerungen. Ein Gesprächsangebot der MZ nutzt der Anwalt der Stadtkirchengemeinde nicht. Dagegen hat Stadtrat Richard Thomas (Freie Wähler) tief in seiner Sammlung gestöbert und eine Postkarte von 1921 entdeckt. Auf der Rückseite steht in Sütterlinschrift: „Wittenberg/Sandsteinrelief an der Stadtpfarrkirche aus dem 15. Jahrhundert zur Verspottung der Juden“.

Herausgeben hat das Druck-Erzeugnis der Verlag von Max Senf. Thomas folgert: „Also war 1921 die Bezeichnung Judensau noch nicht verbreitet“. Dafür sorgten erst die Nazis.

Machtwort des Stadtrats

„Seit letztem Jahr wurde von vielen Seiten gefordert, dieses Relief abzunehmen. Leider geben diese Personen keine Ruhe“, so Dirk Hoffmann (AfD). Dabei habe der Stadtrat im Juni 2017 ein Machtwort gesprochen. „Alle Fraktionen sprachen sich mehrheitlich für den Verbleib der Judensau an der Stadtkirche aus. Dieses Relief ist ein unbezahlbares Mahnmal und ein unersetzbares Zeugnis dieser Epoche, das zu erhalten nicht nur eine Option, sondern unsere Pflicht ist“, so Hoffmann. (mz)