Literatur in Zschornewitz

Literatur in Zschornewitz: Ärztin kauft Telefonzelle

Zschornewitz/MZ - Ein Bücherregal in einer Telefonzelle? „Geht“, sagt Birgit Untersänger. Die Ärztin aus Zschornewitz liefert den Beweis. Vor ihrer Praxis hat sie eine Telefonzelle aufgestellt. Die ist gelb, etwas in die Jahre gekommen und damit genau das, was die Medizinerin für ihre Idee ...

Von Ulf Rostalsky

Ein Bücherregal in einer Telefonzelle? „Geht“, sagt Birgit Untersänger. Die Ärztin aus Zschornewitz liefert den Beweis. Vor ihrer Praxis hat sie eine Telefonzelle aufgestellt. Die ist gelb, etwas in die Jahre gekommen und damit genau das, was die Medizinerin für ihre Idee brauchte.

Birgit Untersänger liebt Bücher und möchte die Leute in der Nachbarschaft zum Lesen animieren. Sie wurde neugierig, als sie irgendwann erfuhr, dass in Brandenburg Büchernarren eine ausrangierte Telefonzelle zur Mini-Bibliothek umfunktioniert hatten. Die Idee aus dem Nachbarland klang logisch für die Ärztin. Die Zelle beherbergt Bücher. Jeder Interessent kann sich kostenfrei bedienen und steuert idealerweise selbst ein paar ausgediente Bücher bei. Der Bestand würde sich damit die Waage halten.

Die Idee war freilich nur die eine Seite der Medaille. Birgit Untersänger brauchte eine Telefonzelle. Dass die wegen des Siegeszugs der Handys in Größenordnungen abgebaut werden, ist kein Geheimnis. Auch in Zschornewitz verschwand bereits ein öffentliches Telefon vom Klubhausareal. Die Telekom als Eigentümer der Zellen übte sich jahrelang in Zurückhaltung, was deren Verkauf betraf. Dann gab sie grünes Licht.

"Die Zellen stehen in Michendorf"

„Ich habe davon gehört, dass die Zellen in Michendorf stehen“, sagt Birgit Untersänger. Die Ärztin suchte und wurde fündig. Sie hätte unter Umständen auch mit einem der neueren Exemplare in Magenta und Grau leben können, wollte aber viel lieber eines in Gelb. Das hat sie jetzt. „Gebaut 1984 in Wuppertal.“ Das hat die Zschornewitzer anhand des Herstellerschildes herausbekommen. Wo die Zelle einst aufgestellt war und ihren Dienst verrichtete, weiß sie nicht. Egal.

Das gelbe Exemplar steht seit Anfang der Woche im Zschornewitzer Goethehain. Es ist mit dem Schriftzug „Bücherbox“ versehen und trägt als Zierde die ersten Zeilen des Märchens vom Rumpelstilzchen. „Abiszet-Werbung aus Kemberg hat mir bei der Gestaltung geholfen“, erzielt Birgit Untersänger, die das Hunderte Kilogramm schwere Monstrum natürlich kaufen und von Michendorf nach Zschornewitz bringen musste. „Das war es mir wert.“ Die Zelle ist mit Bücherregal versehen, innen und außen beleuchtet und schon genauer in Augenschein genommen worden. Liane Henning wohnt gleich gegenüber. „Ich habe mir schon was zum Lesen geholt.“ Die Frau hat außerdem für Ausgleich gesorgt. Ein paar Bücher aus eigenen Beständen landen in der Zelle. „So soll es sein. Geben und Nehmen“, erklärt Birgit Untersänger. Karl Mays „Winnetou“ findet den Weg ins Regal. Außerdem ein Ratgeber fürs gesunde Leben. Nichts ist vorgeschrieben.