Lebendes Bild

Lebendes Bild: Künstlerin stellt Cranach-Gemälde nach

Wittenberg - Wer an einem Tableau vivant der Fotografin, Video- und Performancekünstlerin Iris Brosch mitwirken möchte, muss durchaus hart im Nehmen sein. Zum Ortstermin am späten Freitagnachmittag auf dem Wittenberger Lutherhof regnet es zeitweise heftig und ein unerfreulicher Wind pfeift über den ...

Von Corinna Nitz 17.06.2017, 08:44

Wer an einem Tableau vivant der Fotografin, Video- und Performancekünstlerin Iris Brosch mitwirken möchte, muss durchaus hart im Nehmen sein. Zum Ortstermin am späten Freitagnachmittag auf dem Wittenberger Lutherhof regnet es zeitweise heftig und ein unerfreulicher Wind pfeift über den Platz.

Aber das unter freiem Himmel zusammengestellte Personal trotzt den Wetterunbilden und nimmt am Ende, da geht es straff auf 18 Uhr zu, sogar noch mal Aufstellung vor dem Lutherhaus. Die Künstlerin wünscht sich das.

Broschs Arbeit ist nicht irgendein Beitrag zu den „Wittenberger Länderwochen“, die wie berichtet von der Staatlichen Geschäftsstelle „Luther 2017“ organisiert und Ende Mai auf dem Lutherhof eröffnet wurden. „Es ist der krönende Abschluss der Sachsen-Anhalt-Woche“, sagt Astrid Mühlmann, die Leiterin der Geschäftsstelle, am Rande der Performance.

Die erinnert ein bisschen an ein Happening. Brosch hat sich für ihr Wittenberger Tableau vivant für das Cranach-Gemälde „Christus segnet die Kinder“ entschieden. Nun überrascht sie unter anderem mit zwei Jesus-Darstellern, von denen der eine als Gemarterter mit einer Dornenkrone und im Lendenschurz auf einem Skateboard auf- und abrollt.

Der andere Christus indes steht in der Mitte und blickt freundlich-stoisch, eine Babypuppe in den Händen haltend. Auch sonst dient Brosch, die in Vorbereitung dieser Arbeit mehrere Tage in ein offenes Atelier in Wittenberg zum Casting gebeten hatte, das alte Bild wohl in erster Linie als Inspiration. „Wir wollen ein modernes Bild“, sagt sie im Gespräch mit der MZ.

Zur Inszenierung des Cranach-Gemäldes „Christus segnet die Kinder“ eingeladen haben das Land Sachsen-Anhalt, die Staatliche Geschäftsstelle „Luther 2017“ und die Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt. Die Aktion von und mit der Künstlern Iris Brosch war Teil der „Wittenberger Länderwochen“. Zu dieser Veranstaltungsreihe anlässlich des Reformationsjubiläums werden sich bis 10. September weitere Bundesländer auf dem Lutherhof präsentieren. Sachsen-Anhalt bildete den Auftakt, es folgt Sachsen. Nach Auskunft von Astrid Mühlmann, Leiterin der Geschäftsstelle „Luther 2017“, wurden die Arbeiten zum Tableau vivant dokumentiert, ein Film davon soll noch 2017 gezeigt werden. 

Nun erinnert sehr vieles an das Original und doch zitiert Brosch, etwa durch den Einsatz moderner Materialen (Plastik) und Requisiten (Computer-Tastatur) die Gegenwart. Aus dem kleinen Funklautsprecher, den irgendjemand vor die Truppe stellt, klingt dann auch keine Renaissancemusik, sondern ein Popsong.

Es ist nicht das erste Mal, dass Brosch sich mit diesem Cranach-Werk beschäftigt. Bereits 2015, als Sachsen-Anhalt Lucas Cranach den Jüngeren mit der Landesausstellung „Entdeckung eines Meisters“ feierte, hat Brosch auf der Biennale in Venedig den Kinder segnenden Christus als Tableau vivant inszeniert. Sie war auch auf der Biennale, bevor sie nun nach Wittenberg kam.

Und wenn sie die Stadt wieder verlässt, kehrt sie in die USA zurück und will eine Arbeit über die Suffragetten in Angriff nehmen. Die Frauenrechtlerinnen kämpften Anfang des 20. Jahrhunderts für das Frauenwahlrecht.

Brosch selbst bezeichnet sich als „starke Feministin“. Und - um wieder auf das Tableau vivant von Wittenberg zurückzukommen - sie findet, dass auch Jesus „feministisch“ war, schließlich hat er sich „schon damals zu den Kindern und Frauen hingewendet“. Und heute? Iris Brosch sagt, es müsste „mehr weibliche Energie entwickelt werden, damit es ein besseres Morgen gibt“. Tja. Wer wollte das nicht? Ein besseres Morgen.

(mz)