Kreis Wittenberg

Kreis Wittenberg: Die Rückkehr des Galliers

WÖRLITZ/MZ. - Die untergehende Sonne taucht alles ringsum in ihr schwächer werdendes Licht. In der Ferne spiegelt das Nymphaeum sich im Wasser. Es ist einer der Abende, die es schaffen, die Stimmung des ausgehenden 18. Jahrhunderts in die Wörlitzer Anlagen zu zaubern. Und selbst um sich stechende Mücken waren vor über 200 Jahren schon eine ...

Von HENRIK KLEMM 30.09.2011, 16:02

Die untergehende Sonne taucht alles ringsum in ihr schwächer werdendes Licht. In der Ferne spiegelt das Nymphaeum sich im Wasser. Es ist einer der Abende, die es schaffen, die Stimmung des ausgehenden 18. Jahrhunderts in die Wörlitzer Anlagen zu zaubern. Und selbst um sich stechende Mücken waren vor über 200 Jahren schon eine Plage.

Dieser Donnerstagabend hat indes noch etwas Besonderes: der "Sterbende Gallier" ist nach mehr als 100 Jahren zurückgekehrt an seinen ursprünglichen Platz. Von der Teelaubenfähre aus, die gemächlich über den Wörlitzer See gleitet, ist die antike Skulptur am Rand von Neumarks Garten jetzt gut zu erkennen.

Gartenbild komplettiert

Für die Gartenbesucher des 18. Jahrhunderts indes ist der Anblick des "Sterbenden Galliers" Anlass, über den eigenen Tod und die Vergänglichkeit allen Seins nachzudenken. Hinter der Skulptur liegt nicht zufällig der Gartenteil, der als Elysium bezeichnet wird, ein Ort, an den die verstorbenen Helden geführt werden, wo sie weiter leben können. Und obwohl noch Grün den Blick vom Gallier ins Elysium versperrt, ist das Gartenbild wieder komplett. "Wir bemühen uns, den historischen Zustand der Anlagen wieder herzustellen", sagt dann auch Ingo Pfeifer von der Kulturstiftung Dessau-Wörlitz eingangs seiner aufschlussreichen Erläuterungen zur Skulptur und ihrer Geschichte.

Marmorkopie der Römer

Das bronzene Original wird heute als ein Werk des griechischen Bildhauers Epigonos angesehen und war Teil eines Siegesdenkmals, das Attalos I. von Pergamon um das Jahr 230 v. Chr. nach Siegen über die keltischen Galater errichten ließ. Deutlich ist der Stolz des Besiegten, diesen Stolz bewundern die Griechen, bei der Figur des "Sterbenden Galliers" zu erkennen. "Mit großer Gelassenheit, nicht mit schmerzverzerrtem Gesicht erwartet er den Tod. Die tiefe Wunde an der rechten Seite verweist auf einen Stich in die Lunge. Der todeserfahrene antike Betrachter wusste, dass den so Getroffenen ein langsamer Tod erwartete, den es zu ertragen galt", erklärt Pfeifer.

Die Römer haben die Figur der Griechen in Marmor kopiert, so dass die Reisegesellschaft um Fürst Franz von Anhalt-Dessau im Jahr 1765 während ihres Aufenthaltes in Rom auf sie aufmerksam wird. Mit auf Tour ist damals auch der Stuckateur und Bildhauer Johann Christian Ehrlich, der vom Antikenrestaurator Bartolomeo Cavaceppis einiges über die Methoden des Kopierens und Restaurierens antiker Plastiken erfährt. So ist er dann in Dessau bestens in der Lage, nach Vorlagen solche Arbeiten auszuführen. Zu seinen Werken gehören die großen Statuen der Ceres und der Fortuna an der Fassade des Wörlitzer Landhauses, die Dietrichsvase und natürlich der "Sterbende Gallier".

Sandstein für Dessau

Aus Sandstein fertigt der handwerklich begabte Ehrlich die Skulpturen. Mit einem weißen Anstrich versehen, wirken sie aus der Ferne wie Marmorfiguren. "Die Verwendung von Ersatzmaterialien war in Anhalt-Dessau problemlos, da nicht der Originalwert eines Objektes im Vordergrund stand, sondern sein Anschauungswert", so Pfeifer. Botschaften sollen überbracht, Emotionen geweckt werden. Das geschieht mindestens bis 1828 in Neumarks Garten. Dann wird der Gallier auf die Insel Stein im Durchgang zum Theater platziert. In Folge setzt man ihm arg zu, Vandalen nehmen ihm die Arme. Das ist Geschichte.

Saniert konnte die Figur nun im Depot der Kulturstiftung gesichert werden. In Neumarks Garten findet sich indes eine weitere Kopie. Diesmal jedoch aus einem schlagfesten Hohlguss. Sicher ist sicher.