Flüchtlingsboot in Wittenberg

Flüchtlingsboot in Wittenberg: So geht es mit dem Mahnmal weiter

Wittenberg - Der Kulturausschuss spricht sich überdeutlich für die Vorzugsvariante der Verwaltung aus.

Von Irina Steinmann 12.04.2019, 13:15

Bis auf einen zu spät gekommenen Abweichler saßen sie am Ende dann doch alle in einem Boot: Mit überdeutlicher Mehrheit hat sich der Kulturausschuss des Wittenberger Stadtrats am Mittwochabend dafür ausgesprochen, das Flüchtlingsboot am Schwanenteich unverändert vor Ort zu belassen.

Damit folgten die Ausschussmitglieder der von der Verwaltung vorgeschlagenen Vorzugsvariante 4, die praktischerweise auch die mit Abstand preiswerteste ist.

Ausführliche Debatte

In einem eindringlichen Plädoyer hatte Oberbürgermeister Torsten Zugehör (parteilos) zum Auftakt der dann doch noch knapp 45-minütigen Debatte dargelegt, warum die Stadt Wittenberg nach dem nach wie vor unaufgeklärten Brand vom 9./10. November mit dem dadurch stark beschädigten Boot so verfahren möchte, wie es sich jetzt abzeichnet.

Basierend auf dem Stadtratsbeschluss vom 19. Dezember, in dem sich die Stadträte nahezu geschlossen für den Erhalt des Flüchtlingsschiffs Nr. 653 ausgesprochen und den Oberbürgermeister mit der Erarbeitung eines entsprechenden Konzepts beauftragt hatten, soll das Holzboot ohne die beim Brand verlorenen Aufbauten als Mahnmal für bedrohte Mitmenschlichkeit stehen und als solches dem „natürlichen Verfall überlassen“ werden.

Zugehör erinnerte an das große Wagnis, das Menschen auf sich nähmen voller „Sehnsucht nach einer besseren Welt“, einem besseren Leben für sich in einer nur „vermeintlich heilen Welt“.

Gefahr des Schweigens

Zugehör hob in diesem Zusammenhang nicht nur die Mitverantwortung des reichen Westens an der Situation etwa in Afrika hervor, von wo die Passagiere des Flüchtlingsboots aufgebrochen waren. Er warnte gleichzeitig vor dem Verlust der Kommunikationsbereitschaft innerhalb der hiesigen Gesellschaft, davor, dass man mit jenen nicht mehr rede, die anderer Auffassung sind. Schweigen sei „das Schlimmste“, sagte er in der Hoffnung, dass das Boot auch dagegen ein Denk-Mal im Wortsinn sein werde.

Das Flüchtlingsboot kam 2017 als Exponat der Weltausstellung in die Lutherstadt. Vorausgegangen war ein Wettbewerb für diesen „Torraum: Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung“, die Jury entschied sich für das Konzept der FH Salzburg. Als „Denkmal der Menschlichkeit, Konsequenz und Rechtsstaatlichkeit“ soll es in den nächsten Jahren am Schwanenteich bleiben und als Teil der Wallanlagen unterhalten werden. Die Stadt schätzt die jährlichen Kosten auf gut 600 Euro, es geht insbesondere um die Erfüllung der „Verkehrssicherungspflicht“. Das Boot soll in Sand/Schotter gesetzt und von Geländer umgeben sein, im Umfeld ist Grün geplant. Bei der Pflege setzt die Stadt auf Mithilfe vom Bündnis „Wittenberg weltoffen“.

Störfeuer kam erwartungsgemäß von der AfD. Mit Leichenbitter-Stimme schlug Dirk Hoffmann, der das Weltausstellungsobjekt von 2017 schon immer für Schrott gehalten hat, vor, diesem einen „würdigen Abschied“ zu bereiten „und dann zum normalen Tagesgeschäft zurückzukehren“.

„Boot weg, Problem weg? So kommen wir nicht weiter“, konterte Zugehör, nachdem Hoffmann nacheinander juristische - das waren doch Illegale! - und Umweltbedenken - verseucht das Boot den Park? - konstruiert hatte. Lediglich die Aussicht, dass Nr. 653, wie Zugehör schätzte, voraussichtlich binnen etwa fünf Jahren ohnehin den Weg alles Irdischen gehen werde, gefiel Hoffmann ein bisschen.

Außer bei der AfD sowie bei Frank Neumann (CDU), der spät zur Sitzung gekommen war und damit die Debatte fast gänzlich verpasst hatte, und Richard Thomas (Freie Wähler), der daran erinnerte, dass er sich schon beim Grundsatzbeschluss vom Dezember enthalten hatte, traf das am Ufer des Wittenberger Schwanenteichs gestrandete Boot erneut und parteiübergreifend auf eine Woge ungeteilten Wohlwollens.

„Es ist ganz wichtig, dass dieser Ort bleibt“, sagte Insa Christiane Hennen (CDU), und noch wichtiger, dass ein „Diskurs“ über das Thema geführt werde, für das das Boot steht; gleichzeitig warb sie dafür, den für die dazugehörige Stele vorgesehenen Text „so nüchtern wie möglich zu formulieren“.

Das Boot „rückt das Problem in die Mitte der Gesellschaft“, erklärte Bernhard Naumann (SPD), es gemahne an die Verletzlichkeit des Menschen und warne vor Intoleranz. Und auch wegen des „geringen Aufwands“ sei dies die „sinnvollste Variante“.

Ähnlich pragmatisch ging Angelika Canje (Linke) an die Sache heran. „Ordentlich und schön integriert“ werde das bis dato eher „bescheiden daliegende“ Boot durch den vorgesehenen Zaun und das Grün der Wallanlagen, deren Bestandteil es gemäß Vorzugsvariante 4 werden soll (die MZ berichtete am 6. April).

Herz und Verstand

Und der Ausschussvorsitzende, Horst Dübner (Linke), lobte nicht nur den „Dreiklang: Erinnern, nachdenken, mahnen“, der von dem Boot ausgehe, sondern bemühte auch den, ohne den es kein Festjahr 2017 gegeben hätte: „Das Herz und der gesunde Menschenverstand sind die Kaiserin aller Gesetze“, zitierte er - so in etwa - Martin Luther.

Am 24. April wird der Stadtrat abschließend über das Flüchtlingsboot entscheiden, Überraschungen sind nach Lage der Dinge nicht zu erwarten.

(mz)