Fachkräftemangel

Fachkräftemangel: Kreis Wittenberg will Weggezogene zurück in die Heimat holen

Wittenberg - Im Jahr 2007 hatte der Landkreis Wittenberg 140.000 Einwohner. Jetzt, so Landrat Jürgen Dannenberg (Linke), sind es nur noch 128.000. Zwar müsse auch die Sterberate berücksichtigt werden, aber: „Ich denke, 60 bis 70 Prozent haben uns wegen der Arbeit ...

Von Corinn Nitz 03.10.2017, 17:00

Im Jahr 2007 hatte der Landkreis Wittenberg 140.000 Einwohner. Jetzt, so Landrat Jürgen Dannenberg (Linke), sind es nur noch 128.000. Zwar müsse auch die Sterberate berücksichtigt werden, aber: „Ich denke, 60 bis 70 Prozent haben uns wegen der Arbeit verlassen.“

Inzwischen macht sich auch in der Region ein Fachkräftemangel bemerkbar, kaum eine Bilanz der Agentur für Arbeit Dessau-Roßlau-Wittenberg, in der es nicht in irgendeiner Form auch um dieses Thema geht. Und die Aussichten scheinen wenig rosig, denn nach Auskunft von Agenturchefin Sabine Edner gehen gut 30 Prozent der gegenwärtig Erwerbstätigen innerhalb der nächsten zehn Jahre in den Ruhestand.

Ein Rückkehrertag am 27. Dezember im Wittenberger Stadthaus soll Abhilfe schaffen und möglichst viele von jenen, die der Region den Rücken gekehrt haben, „zurück in die Heimat“ locken.

Rückkehrertag in Wittenberg: Standortvorteil Osten betonen

So - Zurück in die Heimat - lautet auch das Motto des Tages. Dessen Konzept haben Edner und Dannenberg am Donnerstag zusammen mit Harald Wetzel, Chef der Wirtschaftsförderung (WFG) Anhalt-Bitterfeld-Dessau-Wittenberg mbh, und dem Wirtschaftsreferenten der Stadt Wittenberg vorgestellt.

Wetzel, dessen WFG federführend bei der Organisation ist, verwies auf andere Regionen, die Rückkehrertage schon seit „vielen Jahren“ durchführen. Und er versuchte, mit einem Rechenexempel zu verdeutlichen, dass ein höheres Durchschnittseinkommen West - beispielsweise in Düsseldorf - von einem geringeren - etwa in Dresden - dennoch getoppt werden könne, weil die allgemeinen Lebenshaltungskosten dort niedriger sind.

Der Rückkehrertag findet am 27. Dezember von 10 bis 14 Uhr im Wittenberger Stadthaus statt. Wittenbergs Landrat Jürgen Dannenberg: Man gehe davon aus, dass viele Menschen, die einst aus der Region weggegangen sind, zu dem Termin bei ihren Familien in Wittenberg und Umgebung sein werden.

Ausdrücklich angesprochen fühlen sollen sich auch Berufspendler. Sie alle sollen zum Rückkehrertag ausführlich über die Möglichkeiten vor Ort informiert werden.

Nach wie vor mit der Wirtschaftsförderung (WFG) in Verbindung setzen können sich den Angaben zufolge Unternehmen, die freie Stellen haben und sich beteiligen wollen. Nach Auskunft von WFG-Mann Harald Wetzel ist das per Mail an ichwill@zurueck-in-die-heimat.de und unter Tel. 03491/46 22 54 möglich. Ansprechpartnerin ist Angelika Schürhoff von der WFG.

Was die Rückkehr von Menschen in ihre alte Heimat betrifft, so war das nach Auskunft von Stephan Heinrich (Referent für Wirtschaft) auch beim letzten Wittenberger Stadtgespräch ein Thema. Dem „eine Basis zu geben“, dafür sei der Rückkehrertag eine „außerordentliche Möglichkeit“.

Überhaupt: der Osten! Unisono loben die Rückkehrertag-Organisatoren Vorzüge, die da u. a. lauten: bessere Kita-Bedingungen (auch in Punkto Öffnungszeiten), erschwinglicheres Wohneigentum, niedrigere Grundstückspreise...

Hinzukommen nun offenbar viele freie Stellen oder demnächst Handwerksbetriebe, die einen Nachfolger suchen. Jeder Handwerker sei gern gesehen, hob Heinrich hervor. Dass man im Agenturgebiet im letzten Monat etwa 1.000 offene Stellen hatte, betonte Edner und warb für eine Rückkehr auch damit, „dass viele Firmen hier Tarif zahlen“ und nicht nur Mindestlohn.

Nach Auskunft von Wetzel wurden 180 Firmen angeschrieben. Aktuell lägen 18 positive Rückmeldungen vor - aus Annaburg, Dessau-Roßlau, Gräfenhainichen, Kemberg und Jessen sowie aus Oranienbaum-Wörlitz und Wittenberg. Dabei sei die Lutherstadt mit zehn Firmen derzeit am stärksten vertreten.

Neben Betrieben werde auch die Bundeswehr im Stadthaus vor Ort sein und den Bereich der Zivilbeschäftigung vorstellen. Die Arbeitsagentur sei vertreten sowie der „Bildungs- und Sozialbereich“, die Kreishandwerkerschaft und die Sparkasse. Apropos: Wetzel erklärte, es gebe in Sachsen-Anhalt auch eine Förderung für Rückkehrer in Form zinsloser Darlehen, doch müsse diese Möglichkeit der Unterstützung noch geprüft werden.

Zielgruppe: Pendler

Eine weitere Zielgruppe neben den Fortgezogenen sind übrigens Pendler. Einen „Auspendler-Landkreis“ nannte Edner den Kreis Wittenberg und sprach von 15.650 Menschen, die täglich oder von Montag bis Freitag pendeln. So etwas bis ans Ende eines Erwerbslebens durchzuziehen, mag nicht für jeden schaffbar oder erstrebenswert sein.

Auf die Frage, was einer sein muss, um eine erfolgreiche und gelungene Rückkehr nach Wittenberg und in die Region hinzulegen, antwortete Edner: „Vom Ingenieur bis zum Facharbeiter werden Menschen gesucht.“ Dem Vernehmen nach in den unterschiedlichsten Branchen - von der Altenpflege und dem Gesundheitswesen über „Chemie und Pharma“ (Wetzel) bis hin zu Gastronomie, Lagerwirtschaft, Metallverarbeitung oder Ernährungswirtschaft.

Welche Stellen im Einzelnen zur Verfügung stehen, darüber soll demnächst auch auf einer Website informiert werden, die unter dem Titel „Zurück in die Heimat“ im November online gehen soll. Noch gearbeitet wird an einem Werbekonzept für den Rückkehrertag. Dafür sei diese Woche ein Fördermittelantrag vom Land bewilligt worden. (mz)