Evangelische Akademie

Evangelische Akademie Wittenberg: Programm für 2017 ist vielfältig

Wittenberg - Im Jahr des Reformationsjubiläums öffnet die Einrichtung in Wittenberg ihre Türen noch weiter als sonst. Das Programm für 2017 ist vielfältig.

Von Corinna Nitz 10.01.2017, 08:00

Das Schandbild muss weg! 2016 hatte der Theologe Richard Harvey eine Online-Petition zur Abnahme des Sandsteinreliefs „Judensau“ von der Wittenberger Stadtkirche gefordert. Jetzt habe Harvey, messianischer Jude aus London, seine Teilnahme an einer Veranstaltung zugesagt, zu der die Evangelische Akademie Sachsen-Anhalt in Wittenberg am 27. Januar einlädt.

Das Datum wurde mit Bedacht gewählt, denn es war am 27. Januar 1945, als die Rote Armee das Konzentrationslager Auschwitz befreite. Allein in diesem größten deutschen Vernichtungslager waren fast anderthalb Millionen Menschen, Juden zumeist, ermordet worden.

Theologe Richard Harvey wird zu Veranstaltung erwartet

Moderiert wird die Veranstaltung, die unter dem Titel „Die Judenverspottung an der Wittenberger Stadtkirche - Zwischenbilanz zur Gedenkkultur an der Stätte der Mahnung“ von Akademiestudienleiter Alf Christophersen. Dessen Chef, Akademiedirektor Friedrich Kramer, war im Sommer, als Harveys Petition Schlagzeilen machte, der einzige, der sich eine Abnahme des Spottbildes (jedoch mit einer anderen Form der Präsentation) vorstellen konnte und dies gegenüber der MZ bekräftigte.

Am 21. Dezember 2017 wäre Heinrich Böll 100 Jahre alt geworden. Eine eigens eingerichtete Böll-Website informiert u. a. über Veranstaltungen, die im Zusammenhang mit dem Jubiläum stehen - eine diesbezügliche Tagung wird in der Evangelischen Akademie in Wittenberg ausgerichtet. Sie findet vom 3. bis 5. Februar statt. Anmeldeschluss ist der 15. Januar.

Akademiestudienleiter Alf Christophersen hat die Böll-Tagung unter die Überschrift „Politik und Geschichte im Spiegel literarischer Kritik“ gestellt. Gemeinsam mit Stephan Lohr, bis 2014 Leiter der Literaturredaktion von NDR Kultur, führt Christophersen am ersten Abend auch in Leben und Œuvre des Literaturnobelpreisträgers ein. Dessen Werk (u. a. „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“, „Ende einer Dienstfahrt“) habe bis heute seine Brisanz erhalten und spiegele sich zudem in den Texten von Gegenwartsautoren, die im Rahmen der Tagung auch eigene Perspektiven zu Böll zur Diskussion stellen. Etwa wird der Schriftsteller Fridolin Schley, Jahrgang 1976, erwartet. Am 3. Februar liest er u. a. aus „Die Ungesichter“, seinem 2016 erschienenen Buch über Flucht und Gewalt. Im Anschluss spricht er mit Christophersen über sein Bild von Böll. Weitere Gesprächspartner und Referenten sind die Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages Antje Vollmer, der Literaturwissenschaftler, Mitherausgeber und Sprecher des Herausgebergremiums der Kölner Ausgabe der Werke Bölls, Ralf Schnell, sowie der Wittenberger Theologe und Publizist Friedrich Schorlemmer und Frank Witzel, u. a. bekannt als Illustrator, Musiker und Schriftsteller.

Sie alle werden sich auf ihre Weise mit dem 1917 in Köln geborenen und 1985 in Kreuzau verstorbenen Böll beschäftigen. Dieser habe „sensibel und genau wie kaum ein anderer Schriftsteller mit gesellschafts- und kirchenkritischem Elan“ nachvollziehbar gemacht, „wie sich Lebensläufe und -entwürfe mit den historischen Entwicklungen schicksalhaft verflechten“, heißt es im Programm. Mit dieser Veranstaltung setzt Christophersen zugleich seine Literatur-Tagungen fort, in denen es wie berichtet bereits um Uwe Johnson, Siegfried Lenz und Günter Grass ging.

Weitere Informationen zu dieser Tagung sowie Möglichkeiten zur Anmeldung (bis 15. Januar) gibt es auf der Internetseite der Evangelischen Akademie. Dort kann auch das gesamte Jahresprogramm nachgelesen werden.

Die Errichtung der Gedenkplatte im Pflasterbereich neben der Kirche als „Beispiel sehr früher Gedenkkultur der Stadtkirchengemeinde“ fand er „großartig“, dennoch stelle sich die Frage, warum eine Beschimpfung wie dieses Spottbild an Kirchen sein muss. Vielleicht auch darüber kann man am 27. Januar mit eingeladenen Fachleuten (u. a. aus Gedenkstättenarbeit und Denkmalschutz) ins Gespräch kommen.

Genau darum geht es immer bei der Arbeit der Evangelischen Akademie, die sich selbst als weltoffen und streitbar versteht und deren Jahresprogramm für 2017 Kramer in diesen Tagen zum Anlass genommen hat, einzelne Veranstaltungen näher zu betrachten.

Der Gesprächsabend mit Harvey ist nicht die einzige und auch nicht die erste Veranstaltung in diesem ersten Monat des Reformationsjubiläumsjahres. Bereits am 11. Januar gibt es einen Tora-Lerntag. Und vom 24. bis 25. Januar geht es um den Friedensauftrag von Kirche und Gesellschaft - ja, im Angesicht des Grauens von Syrien und in diesem Zusammenhang der augenscheinlichen Machtlosigkeit etwa der Vereinten Nationen.

Über den Studientag, der sich an die Konferenz der EKD für Friedensarbeit in Wittenberg anschließt, heißt es: „Es liegt nahe, nach der Bedeutung der Reformation für das gegenwärtige Friedenszeugnis der Kirche zu fragen.“ Dabei seien die Ambivalenzen offenkundig, denn „einerseits leitete der reformatorische Aufbruch ein von Konflikten und Kriegen gezeichnetes Jahrhundert ein, andererseits steht das reformatorische Evangelium auch für den Aufbruch in eine Moderne, die durchaus den friedensfördernden Prinzipien von Freiheit und Gleichheit verpflichtet ist“. Kramer zufolge wollen die Teilnehmer der EKD-Konferenz in Wittenberg auch ein „Grundsatzpapier“ erarbeiten.

Das Friedensthema taucht noch an anderen Stellen auf, etwa wenn es im April im Rahmen eines Hochschuldialogs um die Streitschrift von der „Klage des Friedens“ des Erasmus von Rotterdam geht. Der Gelehrte hatte bereits 1517, dem Jahr, in dem Luther seine 95 Thesen gegen die Praxis des Ablasshandels veröffentlichte, erklärt, wie absurd es ist, „sich gegenseitig abzuschlachten“ (Kramer) - das machen nicht einmal Tiere. Bis heute gilt die Schrift als Eröffnung eines philosophischen und theologischen Diskurses der Moderne.

Veranstalter dieses Erasmus-Programms ist ein breites Bündnis, dem neben anderen die Evangelische Akademieschaft in Deutschland angehört. Kooperationspartner sind die Evangelische Akademie in Wittenberg und die Franckeschen Stiftungen zu Halle, dort findet die Tagung auch statt.

Schwesterakademien aus ganz Deutschland zu Gast

Die überwiegende Mehrheit ihrer eigenen, aber auch Kooperationsveranstaltungen richtet die Akademie in Wittenberg aus. Und dort, so Kramer, „sind wir auch Teil der Weltausstellung“, jener Schau also, die von Ende Mai bis September in Wittenberg das reformatorische Erbe auf seine Relevanz für die Menschen im Hier und Heute untersucht. „Wir wollen unsere Räume öffnen“, sagt Kramer.

Etwa werden alle sechs Evangelischen Akademien zu Gast sein und Veranstaltungen anbieten. Fortgesetzt werden etablierte Formate, dazu zählen Landwirtschaftstagungen ebenso wie die u. a. mit der Stadtkirchengemeinde verantworteten Kanzelreden sowie Offerten aus Wissenschaft und Kultur. Auch im Bereich der Jugendbildung werde es wieder „schöne Sachen“ geben.

Zukunft für Projekt Denkwege zu Luther ist ungewiss

Was die Junge Akademie betrifft, so sei das von Tobias Thiel verantwortete Computer-Projekt „Minecraft“ inzwischen deutschlandweit angefragt. Und 2016 wurden sie wie berichtet für das Teilprojekt „Das politische Berlin“ ausgezeichnet. Das bundesweit größte Jugendprojekt innerhalb der Lutherdekade ist die von Carsten Passin betreute Initiative „Denkwege zu Luther“. Seit dem Beginn 2009 habe man mit Hunderten von Veranstaltungen Tausende junge Menschen erreicht.

Ob das Projekt auch nach 2017, also mit Beendigung der Lutherdekade, weiter gefördert wird, vermag Passin derzeit nicht zu sagen. Klarheit bringt vielleicht eine Auswertungskonferenz der Akademie, an der mit dem Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend auch einer der Fördermittelgeber teilnehmen wird. (mz)