Top-Thema

Blog 6. April

Blog 6. April: Es geht bergauf

Wittenberg - Über das Thema Finanzen habe ich mich in den letzten Einträgen gekonnt ausgeschwiegen. Das hatte auch seinen Grund, denn hinter den Kulissen wurde fleißig an einer Lösung gearbeitet - und was soll ich sagen – es hat sich ...

Von Peter Benedix 06.04.2017, 14:42

Über das Thema Finanzen habe ich mich in den letzten Einträgen gekonnt ausgeschwiegen. Das hatte auch seinen Grund, denn hinter den Kulissen wurde fleißig an einer Lösung gearbeitet - und was soll ich sagen – es hat sich gelohnt!

Durch die Zusammenarbeit vieler Einzelpersonen sowie den Einsatz des WittenbergKultur e.V. konnte erfolgreich ein Antrag bei der Sparkassenstiftung Wittenberg eingebracht werden. Vor einigen Tagen dann die Nachricht der Stunde: die Sparkassenstiftung unterstützt „Woran du dein Herz hängst“ mit 20.000,- € und sichert dem Projekt damit nicht nur den Fortbestand, sondern erhöht auch die Chancen die Finanzierung durch weitere Unterstützer zu schließen.

Peter Benedix ist Filmregisseur und arbeitet an einer Langzeit-Dokumentation über das Reformationsjubiläum 2017 in der Lutherstadt Wittenberg. Auf der Seite www.mz.de/herz und www.worandeinherz.de berichtet der 36-Jährige über die Fortschritte bei den Arbeiten an dem abendfüllenden Film über seine Heimatstadt. Sie erreichen Peter Benedix per Mail unter [email protected]

Denn das Loch, welches die Absagen von Land und Bund in unsere Finanzierung gerissen haben, ist damit schon sehr viel kleiner geworden und somit wird das Projekt auch für andere Unterstützung attraktiver. Soviel zu den nüchternen Fakten.

Emotional ist die Erleichterung hier bei uns im Team kaum in Worte zu fassen. Die finanzielle Kuh ist zwar noch nicht vom Eis, aber sie hat zumindest schon zwei Beine an Land (schöne Grüße an meinen Bruder – er ist Milchbauer) und der Kopf wird freier für die eigentliche Arbeit. Was gibt es in diesem Punkt eigentlich Neues zu berichten?

Dass es langsam immer konkreter wird, ist keine Neuigkeit. Die Stadt wird immer voller, die Arbeiten im Lutherhof scheinen kein Ende zu nehmen (aber das ist nur Schein) und man braucht nur fünf Minuten in der Stadtkirche zu warten und man lernt spannende Leute aus aller Welt kennen. So wie vor einer Woche, als ich eine Gruppe Jugendlicher in den Bankreihen sitzen sah.

Vor ihnen die Reiseleiterin mit der Gitarre in der Hand und mitten im allgemeinen touristischen Trubel setzte sie plötzlich zu „Ein feste Burg ist unser Gott“ an. Das mag hier auf dem Papier erst einmal banal klingen, aber im nachträglichen Gespräch wurde schnell klar, wie wichtig es für diese Gruppe war, dieses Lied an diesem Ort zu singen.

Natürlich kenne ich dieses Lied auch. War ja zu Schulzeiten musikalische Pflichtlektüre und zum Klang des Casio-Keyboards wurde das Lutherlied durch alle Stadien des Stimmbruchs geprügelt. Auch dies gehört zu den Dingen, zu deren Bedeutung mir damals noch lange der intellektuelle Zugang fehlte.

Hätte ich jedoch gewusst, dass diese Melodie weltweit in verschiedensten Sprachen erklingt – naja…wahrscheinlich hätte das nichts geändert. Tut mir leid, aber 14-Jährige hatten in den Neunzigern einfach andere Interessen (dazu kommen wir übrigens später noch mal).

Springen wir in die aktuelle Woche. Ich hätte nicht gedacht, dass die alte Feuerwehr am Schlossplatz je abgerissen wird, aber nun ist es geschehen. Vorbei. Auch gibt es seit dieser Woche eine neue Attraktion am gleichen Ort, wie sie so meines Wissens nach an keinem Ort in der Lutherstadt zu finden ist: eine schicke, dicke Überwachungskamera.

Fühlt sich schon ein wenig komisch an, denn eine solche Einrichtung setzt ja meist auch eine angenommene Notwendigkeit voraus. Aber ich denke, wir sollten das nicht überbewerten.

Am Dienstag gab es ein Stadtgespräch zum Thema Festwochenende. Zwei Dinge fielen mir dabei besonders auf. Erstens – die Stimmung war ziemlich heiter. Herr Bodmann vom Refo2017 schaffte es sogar, beim Thema Gefahrenlage ein paar Lacher im Publikum zu erzeugen. Sollte es nach 2017 für ihn aus irgendwelchen Gründen beruflich nicht mehr weitergehen, sollte er ernsthaft eine Kariere in der Stand Up-Comedy erwägen.

Den trockenen Humor hat er jedenfalls. Die zweite Sache, die mir aufgefallen war, bezieht sich auf den Altersdurchschnitt. Ich hatte mit meinen 37 Jahren fast das Bedürfnis, mein Kindergeld einzufordern - denn das Publikum lag im Schnitt über 60. Junge Leute gab es entweder nur sehr wenige - oder sie waren klar als Volunteer des Refo erkennbar und fallen damit für mich aus der abendlichen Statistik raus.

Eigentlich schade, oder? Ich würde nicht so weit gehen, zu behaupten, dass dies ein Indiz für mangelndes Interesse der jüngeren Generationen ist, aber irgendwie war es schon auffällig. Ein kleiner Fehler bzw. das Weglassen einer Information sorgte dann gegen Ende doch für etwas Unruhe.

Die östlichen Randgebiete Wittenbergs werden laut den veröffentlichten Straßensperrungen praktisch von der Stadt abgeschnitten und berechtigterweise gefiel das den Betroffenen nur bedingt. Es stellte sich aber heraus, dass in der Veröffentlichung dieser Sperrungen die drei schönsten Worte einer friedvollen Welt fehlten: für Anlieger frei.

So entstehen Spannungen, wo keine notwendig wären. Deshalb auch hier der Aufruf an alle, denen Unbehagen droht – fragt nach, informiert euch und fordert eure Antworten ein. Natürlich wird es trotzdem für gewisse Bevölkerungsgruppen Einschränkungen geben. Das lässt sich einfach nicht vermeiden.

Dennoch ist es auch hier immer wichtig im Auge zu behalten, wie der Umgang mit den Betroffenen ist - und mein Eindruck ist bisher recht positiv. So wurde auch nach dem Stadtgespräch noch einmal von den Verantwortlichen gezielt auf einzelne Personen zugegangen und versucht, in Einzelgesprächen Sorgen zu klären und auszuräumen.

Nach zwei Stunden war alles vorüber. Da ich diesmal mit dem Auto unterwegs war, hielt ich noch einmal bei McDonald’s, um mich für die Fahrt nach Berlin notdürftig zu versorgen. Eigentlich versuche ich, dieses Essen zu vermeiden - aber je rudimentärer die Bedürfnisse werden, desto wahlloser die Entscheidungen zu deren Befriedigung.

Außerdem landeten wir in den Neunzigern jedes Wochenende dort und jetzt, liebe jüngere Generation, werde ich euch ein Geheimnis verraten, warum es dort früher viel besser war, als heute. Ja, wir hatten kein Internet. Ja, wir hatten keine Handys. Aber bei McDonald‘s gab es noch Bier!

Und jetzt könnt ihr euch mal richtig schön ärgern, dass ihr 20 Jahre zu spät auf die Welt gekommen seid! Allerdings sah das Essen auch damals schon aus wie heute – man betrachte das Suchbild zweier identischer Burger. Gute Nacht.