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Blog 27. Januar

Blog 27. Januar: Ein ganz normaler Tag?

Wittenberg - Die Tagesplanung kann man durchaus als sportlich bezeichnen. Um kurz nach sieben steigen ich, ein Rucksack, ein Stativ und eine Kameratasche in Berlin-Gesundbrunnen in den ICE. Der Wagon ist einer dieser älteren Modell, die man nur noch selten sieht. Silbernes, gebogenes Dach, breite, schwarze Ledersitze, kein WLAN, keine Steckdosen aber jede Menge ...

Von Peter Benedix 27.01.2017, 19:00

Die Tagesplanung kann man durchaus als sportlich bezeichnen. Um kurz nach sieben steigen ich, ein Rucksack, ein Stativ und eine Kameratasche in Berlin-Gesundbrunnen in den ICE. Der Wagon ist einer dieser älteren Modell, die man nur noch selten sieht. Silbernes, gebogenes Dach, breite, schwarze Ledersitze, kein WLAN, keine Steckdosen aber jede Menge Platz.

Abgesehen von den Steckdosen kommt beinahe ein Gefühl von Erste Klasse auf. Nur wenige Leute steigen heute zu. Als der Zug Berlin verlässt, stelle ich erfreut fest, dass außerhalb der Hauptstadt noch Schnee liegt. Sehr schön. Doch noch ein paar Winterbilder.

Kurz nach acht am Wittenberger Bahnhof angekommen, drückt mir mein Vater den Zweitschlüssel des Autos meiner Mutter in die Hand. Sie parkt es jeden Morgen am Bahnhof und pendelt dann nach Halle zur Arbeit. Willkommen im Land der Frühaufsteher! Erster Halt: Brückenkopf. In meiner Erinnerung gab es hier wirklich mal einen Brückenkopf.

Elbe, Winter und der Brückenkopf

Das Überbleibsel der alten Elbbrücke gab mir immer das Gefühl, an irgendeinem Ende der Welt angekommen zu sein aber jetzt ist davon nichts mehr zu sehen. Ich parke das Auto wild am Straßenrand, schultere Kamera und Stativ und mache ein paar Aufnahmen von der Elbbrücke aus Richtung Stadt. Da jedoch nur ca. 200m Sicht herrschen, ist "Stadt" etwas übertrieben.

Aber wer um diese Tageszeit bei Schnee und Winternebel schon einmal an der Elbe war, der weiß, dass sich jedes Bild lohnt. Komisch - bis zum heutigen Tage war ich noch nie bei einem solchem Wetter hier. Genaugenommen war ich überhaupt noch nie an diesem Ort.

Peter Benedix ist Filmregisseur und arbeitet an einer Langzeit-Dokumentation über das Reformationsjubiläum 2017 in der Lutherstadt Wittenberg. Auf der Seite www.mz.de/herz und www.worandeinherz.de berichtet der 36-Jährige über die Fortschritte bei den Arbeiten an dem abendfüllenden Film über seine Heimatstadt. Sie erreichen Peter Benedix per Mail unter [email protected]

Es gehört zu den angenehmen Nebeneffekten dieses Berufs, immer wieder von der Schönheit des Moments überrascht zu werden. Trotzdem ist es merkwürdig, dass ich 36 Jahre gebraucht habe, um mir die Stadt einmal aus dieser Perspektive zu betrachten. Könnte natürlich auch an der vierspurigen Straße neben mir liegen. Wer weiß. Ich drehe noch ein paar Runden über die verschneiten Elbwiesen.

Grellrote Markierungen künden bereits von den Vorbereitungen für den Kirchentag. Eine kleine Absperrung nahe dem Elbufer schützt einen neuralgischen Punkt des ganzen Trubels: Ein Versorgungskabel,welches unter der Elbe verlegt wurde, um Strom und Internet in das Nichts der Wiesen zu bringen.

Schnell noch ein paar Aufnahmen über den Fluss in den Nebel und dann die Beine in die Hand genommen, denn jetzt ist es schon 9:55 und um 10 Uhr habe ich einen Termin bei der Stadtverwaltung. Zum neuen Rathaus geht es schnell, aber das heißt noch lange nicht, dass ich auch schnell hinein komme.

Kein Parkplatz. Na sowas. Dann muss halt mal schnell vor dem Seiteneingang geparkt werden, denn Zeit ist knapp. Ich hetze in den dritten Stock, in das neue Büro von Frau Fredrich. Wer Frau Fredrich ist? Das werden Sie, liebe Leser im Laufe des Jahres ganz sicher noch erfahren.

Suche nach Fördermitteln

Jedenfalls bin ich jetzt bei ihr, um mir neue Ideen für die finanzielle Rettung des Films anzuhören, denn Frau Fredrich ist sehr gut vernetzt. Mit zwei neuen Telefonnummern und ein wenig mehr Zuversicht als vorher verlasse ich ihr Büro um 10:35 Uhr.

Kein Strafzettel. Das ist gut. Um 11 soll ich Zugang zum Schloßturm erhalten. Da ist noch genug Zeit, um das Auto in die Pfaffengasse umzuparken, mir einen Pfannkuchen zu kaufen und noch ein paar winterliche Aufnahmen von der Altstadt zu machen. Dann wird mir von einer freundlichen Dame aus dem Besucherzentrum der Schlosskirche der Turm aufgeschlossen.

Irgendwann in diesem Jahr soll er auch endlich wieder für die Öffentlichkeit zugänglich sein, aber einen genauen Termin gibt es wohl noch nicht. Hinter mir wird der Turm wieder verschlossen und ich bin allein. Mit Kamera und Stativ bepackt stapfe ich die Stufen hoch. Nach ein paar Metern nimmt der Spaß gleichsam mit der Atemluft ab und ich bin mir sicher, dass es früher wesentlich weniger Stufen gewesen waren.

Aufnahmen vom Schlosskirchenturm

Laut keuchend komme ich auf die erste Ebene und fluche laut vor mich hin. Ich bin ja alleine. Hört mich ja keiner. Schließlich habe ich die Ausrüstung und mich selbst auf die zweite Ebene geschleppt von der aus nur noch eine kleine, gusseiserne Treppe die letzte Etappe bildet – theoretisch – denn es ist so dunkel, dass ich die Hand vor Augen nicht sehe.

Keine Ahnung, wo der Lichtschalter ist. Aua. Gestoßen. Nochmal gestoßen -  gleiche Stelle. Treppe gefunden. Aufwärts. Ich sehe die großen Glocken und weiß, dass ich endlich angekommen bin.

Nur noch eine Tür und die ganze winterlichen Weiten Wittenbergs und der Elbwiesen werden sich vor meiner Kamera erstrecken. Ein tolles Gefühl! Völlig außer Atem und schwitzend öffne ich die Tür, blicke nach draußen und habe nur noch einen Gedanken in mir: ‚Ach Kacke.‘

Während der Sanierungsarbeiten wurde ein engmaschiges Sicherheitsgitter installiert, welches jede Aufnahme völlig ruiniert. Verstehen Sie mich nicht falsch – ich hatte mich früher oft gewundert, dass man so gänzlich ohne Mühen einfach vom Turm hätte purzeln können und dieses Gitter ist eine absolut sinnvolle Sache, aber nicht heute und nicht jetzt in diesem Moment.

Ich setze mich in den Schnee und esse meinen Pfannkuchen. Wenn Sie einen stressigen Tag haben, so essen Sie einen Pfannkuchen. Am besten mit Pflaumenmus und Ausblick. Dann baue ich die Kamera auf und filme durchs Gitter – eigentlich mehr um mir selbst zu sagen, dass die ganze Schlepperei nicht umsonst gewesen sein soll. Toll ist der Ausblick trotzdem. Schließlich steige ich den Turm wieder hinab, lasse mich wieder ausschließen und sprinte zurück zum Auto.

Im Gespräch mit der Mitteldeutschen Zeitung

Es ist 11:35 Uhr und um 12 habe ich einen Termin bei der Mitteldeutschen Zeitung in der Coswiger Straße. Vorher parke ich das Auto in die Mittelstraße um. Warum? Bis um halb vier muss ich in Berlin meinen Sohn von der Kita abgeholt haben und um 13:48 Uhr fährt mein Zug zurück.

Daher parke ich das Auto nahe an meinem letzten Tagesziel. Jetzt noch ein kurzer Abstecher ins Kronhaus und dann auf den Markt den Countdown im Globus filmen – der heute leider kaputt ist. Schade. Dann ist es 12 und ich sitze in der Lokalredaktion der MZ.

Wir besprechen, wie es um das Projekt steht und planen den Blog, den Sie hier gerade lesen. Dann ein kurzes Interview, Fotos auf dem Markt und dann um 13 Uhr ab zum besagten letzten Termin – Culinela. Dort kehre ich meistens ein, wenn der Mittagshunger ruft und wenn es gilt, über dies und das in der Stadt auf dem Laufenden zu bleiben.

Außerdem sind die Betreiber äußerst sympathisch. 13:30 Uhr erinnert mich mein Handy daran, dass in 18 Minuten mein Zug fährt und es gilt noch die Herausforderung zu bewältigen, mitten am Tag einen zeitlich unbegrenzten Parkplatz möglichst nahe am Bahnhof zu finden – denn meine Mutter möchte ihr Auto am Abend natürlich wiederhaben, wenn sie gegen 17 Uhr aus Halle zurück kommt.

Ich habe Glück. Direkt vor dem ehemaligen Bahnhofsgebäude ist ein Parkplatz frei. Es ist 13:44 Uhr. Sachen packen, Auto aufräumen und mit 23kg Gepäck zu Gleis drei gerannt. Hurra! 25 Minuten Verspätung!

Um Punkt halb vier komme ich in Berlin an der Kita meines Sohnes an. Ein ganz normaler Tag? Nicht ganz. (mz)