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Blog 23. Februar

Blog 23. Februar: Ein Kessel Buntes

Wittenberg - Zwei weitere spannende Wochen sind vergangen und ich kann nicht sagen, dass Langeweile aufgekommen ist. Die Vorboten von 2017 verfolgen mich jetzt schon bis vor meine Haustür in Berlin (siehe Foto). Wir haben neue Leute getroffen, sind in Sachen Finanzierung vorangekommen und waren auch sonst recht ...

Von Peter Benedix 23.02.2017, 14:21

Zwei weitere spannende Wochen sind vergangen und ich kann nicht sagen, dass Langeweile aufgekommen ist. Die Vorboten von 2017 verfolgen mich jetzt schon bis vor meine Haustür in Berlin (siehe Foto). Wir haben neue Leute getroffen, sind in Sachen Finanzierung vorangekommen und waren auch sonst recht umtriebig.

Aber der Reihe nach…wir freuen uns sehr, dass wir nun auch SIG Combibloc und die Bürgerstiftung Lutherstadt Wittenberg als Unterstützer gewinnen konnten. Das bringt uns wieder einen großen Schritt weiter.

Auf der Negativseite steht eine LOI-Absage von Edition Salzgeber und wir werden evtl. bis zur Fertigstellung des Films warten müssen, um eine Bestätigung für einen Vertrieb durch eine Drittfirma zu erhalten.

Peter Benedix ist Filmregisseur und arbeitet an einer Langzeit-Dokumentation über das Reformationsjubiläum 2017 in der Lutherstadt Wittenberg. Auf der Seite www.mz.de/herz und www.worandeinherz.de berichtet der 36-Jährige über die Fortschritte bei den Arbeiten an dem abendfüllenden Film über seine Heimatstadt. Sie erreichen Peter Benedix per Mail unter [email protected]

Um zu verstehen warum das so ist, muss ich mit Ihnen einen kleinen Ausflug in die wundervolle Welt der Filmförderung unternehmen. LOI bedeutet „Letter of Intent“ und bedeutet nichts anderes als „Absichtserklärung“. Wer staatliche Gelder bzw. Filmförderung beantragen möchte, braucht einen Verleiher, also jemanden, der den Film später auf DVD oder per Kino unter die Leute bringt und diese Absicht mit einem LIO bestätigt.

Keine Absichtserkärung vom Filmverleiher

Ein solcher Verleiher ist Edition Salzgeber, welchen ich persönlich sehr schätze und dorthin auch ein paar persönliche Kontakte habe. Das Problem ist nun, dass diese LOIs in der Branche als verbindlich und ohne Ausstiegsklausel gelten. Ein Verleiher kauft also immer die Katze im Sack, da ja noch niemand sagen kann, ob der Film überhaupt etwas taugen wird.

Damit sinkt nachvollziehbarerweise die Risikobereitschaft eines Verleihers enorm - denn wird der Film nur Schund, muss er ihn ja trotz aller anfallenden Kosten durch die Kinos schleifen. Dieses System macht absolut keinen Sinn und daher ist es auch nachvollziehbar, dass Verleiher kaum mehr LOIs rausgeben.

Dass die Filmförderanstalten dies nicht anerkennen wollen, liegt meiner Ansicht nach an kurzsichtigen und veralteten Strukturen, die dringend einer Reform bedürfen – Hahaa – und da haben wir auch schon den Bogen zum aktuellen Thema!

Was gibt es Neues aus dem Ursprungsland der Reformation?

Was gibt es denn Neues aus dem Ursprungsland der Reformation? Um das herauszufinden, trafen mein Kameramann und ich gestern einen entfernten Verwandten, den Herrn einer Großbaustelle und die Frau der Stunde.

Seit drei Tagen studiere ich den Wetterbericht, aber die Aussichten für den 22.2. in der Region Wittenberg werden immer  trüber und so verlegen wir schließlich das Interview mit dem Chef der Wittenberger Polizei in sein Büro. Ich mag Büroaufnahmen nicht.

Polizeirevier Wittenberg: Im Interview mit Polizeichef Marcus Benedix

Sie wirken meist sehr förmlich und mitunter etwas steif, aber was soll man machen, wenn Dauerregen droht? Mein Kameramann und ich betreten die Polizeiwache und warten, bis wir auf unser Begehr angesprochen werden.

„Guten Tag, wie kann ich Ihnen helfen?“

„Wir haben um 11 einen Termin bei Herrn Benedix.“

„Und Sie sind?“

„Auch Benedix – Peter Benedix. Nicht verwandt.“

Der Beamte stutzt kurz, muss etwas schmunzeln und hinterlässt bei mir den leichten Eindruck, er glaube, ich hätte mir einen Scherz mit ihm erlaubt. Zwei Minuten später werden wir nach oben in das Büro von Kriminalrat Marcus Benedix geleitet. Ja, er hat tatsächlich den gleichen Nachnamen wie ich.

Als ich das erste Mal im Büro von Oberbürgermeister Zugehör anrief und meinen Namen nannte, sorgte das im ersten Augenblick für „leichte Angespanntheit“, denn wenn der Polizeichef unter einer Handynummer beim OB anruft, dann brennt irgendwo die Luft. Glücklicherweise war es nur ein Typ, der einen Film machen wollte.

Sicherheitskonzept wird nicht verraten

Wir führen ein Interview mit dem Verantwortlichen für Sicherheit in diesem spannenden Jahr. Wir erfahren zwar nicht das konkrete Sicherheitskonzept für den Kirchentag (denn dann bräuchten Polizei und Veranstalter ein Neues), aber viel über die Strategie, wie die Polizei gut über das Jahr kommen möchte, warum auch in Hochzeiten wie am Festwochenende trotzdem Verkehrsunfälle aufgenommen und Verbrecher gejagt werden können und was die besonderen Herausforderungen für ein Revier sind, dass auf einmal in Berliner Dimensionen denken muss.

Schließlich bekommen wir noch einen tieferen Einblick in die Logistik am Kirchententag und wieder einmal wird meine gedankliche Messlatte ein gutes Stück höher gelegt. Ich wusste bis dahin zum Beispiel gar nicht, dass der kleine Bahnhof in Pratau eine solch hohe Bedeutung erfährt.

An ihm kommen alle Bahnverbindungen aus dem Süden an - und das sind nicht wenige. Wussten sie zum Beispiel, dass die Leipziger S-Bahn für diesen Tag direkt bis nach Pratau fährt?

Am Ende des Gesprächs stellen wir fest, dass es irgendwo eine entfernte Verwandtschaftslinie geben muss, da es einfach zu viele familiäre Gemeinsamkeiten gibt. Außerdem sieht er meinem Cousin ein wenig ähnlich, aber das behalte ich für mich. Wir müssen weiter, denn gleich haben wir einen Termin im Lutherhotel.

Übernachten in Wittenberg: Warum das Luther-Hotel derzeit im Lutherhaus baut

Wieder so ein Gebäude mitten in der Stadt, über das ich eigentlich nichts weiß. Warum auch? Als Wittenberger geht man eher selten in ein Hotel der eigenen Stadt. Wir treffen den Chef Danny Huhn und die Leiterin des Marketings Selina Schlacht. Zwei Anliegen führten zu diesem Treffen: Wie sieht das Hotelgewerbe dieses Jahr und können wir das Luther-Hotel als Unterstützer gewinnen?

Um es gleich vorweg zu nehmen: am Ende des Tages bekommen wir die Zusage für eine Förderung und somit können wir voll Dankbarkeit das Logo eines weiteres Wittenberger Unternehmens auf unserer Webseite präsentieren. Aber zurück zum eigentlichen Gespräch.

Das Hotel zeigt deutlich ein altes Problem des Wittenberger Tourismus auf: Die Leute kommen, entdecken die Stadt und ihre Geschichte, fühlen sich wohl und fahren wieder – aber nur wenige übernachten auch - und damit fehlt für Hotel und Gastronomie oft die finanzielle Stabilität, die man eigentlich für eine so touristisch ausgeprägte Altstadt erwarten sollte.

Dies wurde zwar in den letzten Jahren etwas besser, aber alle Augen sind nun auf 2017 gerichtet. Dafür baut das Luther-Hotel auch gerade in großem Stil Teile des Lutherhauses aus. Eine Gastronomie soll entstehen,um den Gästen Speis und Trank zu bieten und nun ist mit Fug und Recht die Frage erlaubt – warum eigentlich erst jetzt?

Jeder Gast, der vom Bahnhof kommt, startet am Lutherhaus und möchte nach einer langen Bahnreise vielleicht erst einmal etwas essen. Jede Tour, die am Schloss startet, endet am Lutherhaus oder macht dort Station - und wonach sehnt man sich nach einer langen Reise durch die Zeit von 1517? Kaffee und Kuchen! Oder eine „Bocki mit Brot“.

Was auch immer, Hauptsache lecker. In meinen Augen macht eine Gastronomie, die im Einklang mit dem Denkmalschutz steht, im Innenhof des Lutherhauses absolut Sinn. Spannend ist wiederum, dass das Luther-Hotel ihre neuen Stätten bereits am 1. Mai eröffnen möchte - und wer mal einen vorsichtigen Blick auf die Baustelle erhascht, der wird sehen, dass dies ein ziemlich sportliches Ziel ist.

Aber ohne Mut kein Erfolg. Wir werden dieses Wittenberger Projekt auf jeden Fall auch mit der Kamera begleiten, denn nach solchen Geschichten suchen wir.

Mittagessen im Culinela. In einer Stunde treffen wir Katja Köhler, die aktuelle Katharina von Bora, zum Interview. Da es nur ein paar Tropfen regnet, bestätige ich per SMS den Markplatz als Treffpunkt. Es ist eine Stunde vor Drehbeginn. 15 Minuten vor Drehbeginn schüttet es wie aus Eimern.

Was nun? Erster Versuch: CLACK-Theater. Die Betreiber sind ziemlich cool und lassen uns bestimmt bei Ihnen das Interview durchführen. Die Tür ist zu. Die Lichter sind aus. Geöffnet wird erst in einer Stunde. Mist. Was jetzt?

Das alte Rathaus – da gibt es ein paar schicke Räume. Wir suchen den Hauswart, aber der hat zu tun und ist nicht auffindbar. Man bietet uns einen Konferenzraum an, aber Büro hatten wir heute schon und so lehnen wir dankend ab.

Ich rufe Katja an und schildere ihr die Problematik. Sie ist fast am Markt und natürlich entsprechend durchnässt. Sie schlägt die Schlosskirche vor. Ich bestätige, lege auf und stimme dann doch dem Einwand meines Kameramannes zu, dass das irgendwie nicht passt.

Wegen Regen: Interview beim Lila Bäcker

 Schließlich landen wir beim Lila Bäcker, wo uns mit den Worten „Aber natürlich unterstützen wir die Kultur!“ Einlass gewährt wird. An einem Mittwoch um 13 Uhr stören wir nur einen Gast - und auch das ist okay.

Nun erfahren wir was es heißt, Menschen unserer Stadt zu zeigen, denn Katja repräsentiert nicht nur Frau von Bora, sondern ist auch hauptamtliche Stadtführerin. Bereits jetzt hat sie über 150 fest gebuchte Führungen für die Saison.

Es ist schön zu hören, was es für viele Menschen bedeutet, einmal am Grabe Luthers stehen zu dürfen und vielleicht sogar einmal die Kanzel in der Stadtkirche zu betreten. Was für uns alltäglich ist (von der Sache mit der Kanzel mal abgesehen), ist für andere wirklich ein Lebensziel.

Katja Köhler und Bernard Naumann als Katharina von Bora und Martin Luther unterwegs

Ich denke, wir unterschätzen dies manchmal. Wenn ich an einem Freitagabend mit der U-Bahn durch Berlin fahre und vielleicht mit dem Kopf noch halb in der Arbeit stecke, sehe ich häufig Touristen, die völlig euphorisch darüber sind, endlich mal in Berlin zu sein. Dieser Vergleich mag etwas hinken, aber im Grunde ist es doch oft so, dass Gewöhnung zur Banalität führt.

Deshalb sollten wir trotzdem nicht vergessen, dass das Besondere der Vergangenheit nur durch die Gegenwart besonders bleiben kann – und die Gegenwart sind wir. Katja als Katharina von Bora hat eine Reihe von repräsentativen Aufgaben über die Stadtgrenzen hinaus – übrigens ehrenamtlich.

Zum Beispiel gerade jetzt, da ich diese Zeilen schreibe, sitze ich im Zug nach Magdeburg, wo das Lutherpaar heute zugegen sein wird, wenn ein Zug der Bahn mit dem Logo des Reformationsjahres beklebt wird – Einer von Achtzig und somit alle Züge im Mitteldeutschen S-Bahnnetz.

Kuriose Nebeninformation: Das ganze findet in einer Landeshauptstadt statt, die schon seit vielen Jahren nicht mehr an das ICE-Netz angeschlossen ist, und deshalb fahre ich natürlich mit dem Regionalexpress. Es regnet übrigens schon wieder…(mz)