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Blog 22. März

Blog 22. März: Nur ein Moment

Wittenberg - Manchmal macht man sich in diesem Beruf nur für ein einziges Bild in die Spur. Heute ist so ein Tag, denn heute ist Frühlingsanfang und ich kenne einen Ort von dem aus man sehen kann, wie die Sonne an diesem Tag exakt hinter der Stadtkirche ...

Von Peter Benedix 22.03.2017, 15:22

Manchmal macht man sich in diesem Beruf nur für ein einziges Bild in die Spur. Heute ist so ein Tag, denn heute ist Frühlingsanfang und ich kenne einen Ort von dem aus man sehen kann, wie die Sonne an diesem Tag exakt hinter der Stadtkirche untergeht.

Deswegen versuche ich mir so viele Termine wie möglich hinzuzupacken, denn natürlich kostet jede Fahrt nach Wittenberg auch wieder Geld und Zeit und letztere will genutzt werden.

Nachdem der letzte Blogeintrag die Notdurft zum Thema hatte, soll auch dieser Teil nicht davon verschont werden. Der neue Bahnhof hat natürlich auch zwei Toiletten - aber das diese mit einem Münzschloss versehen sind, welches den Weg zur Erleichterung nur nach Zahlung eines ganzen Euros freigibt, ist doch ziemlich störend.

Dafür jedoch hängen gleich sechs Rollen Toilettenpapier bereit – allerdings gibt es keine Seife. Naja, besser als andersrum. Meinen ersten Termin habe ich um 10:30 Uhr und jetzt ist es kurz nach neun. Also beschließe ich, mir vorher noch schnell den aktuellen Stand auf den Elbwiesen anzuschauen.

Peter Benedix ist Filmregisseur und arbeitet an einer Langzeit-Dokumentation über das Reformationsjubiläum 2017 in der Lutherstadt Wittenberg. Auf der Seite www.mz.de/herz und www.worandeinherz.de berichtet der 36-Jährige über die Fortschritte bei den Arbeiten an dem abendfüllenden Film über seine Heimatstadt. Sie erreichen Peter Benedix per Mail unter [email protected]

Wenig später renne ich dann mit Kamera und Stativ bewaffnet übers Feld dahin, wo bald die große Bühne für den Festgottesdienst stehen soll. Außer ein paar einsamen, unverlegten Hochspannungsleitungen ist noch nicht viel zu sehen.

Nachdem ich ein paar romantische Aufnahmen der Elbe gemacht habe, versuche ich ein Reh aus dem Gebüsch zu scheuchen, behänge mich dabei unfreiwillig am ganzen Körper mit Kletten und stelle schließlich fest, dass es schon wieder Zeit für den Rückzug ist. Heute bin ich übrigens mal wieder ohne Kameramann unterwegs.

Die geplanten Interviews sind vom Aufwand her eher gering und so bleibt David heute aus Kostengründen zu Hause.

Wenig später sitze ich dann im Restaurant des Lutherhotels dem Geschäftsführer Herrn Huhn gegenüber. Herr Huhn ist nur ein Jahr älter als ich und sprüht vor Tatendrang. Er erzählt mir von den weniger günstigen Jahren für das Hotelgewerbe in Wittenberg.

Die Stadt entdeckte nur langsam ihr touristisches Potential, aber vor allem jetzt im Zuge des Jubiläums sollen Strukturen geschaffen werden, die auch weit über 2017 hinaus Arbeitsplätze schaffen und Steuereinnahmen sichern sollen.

Ein gutes Beispiel dafür sind die Arbeiten im Lutherhof. Herr Huhn eröffnet dort in Kürze ein kleines Restaurant sowie auch ein kleines Café. Letzteres soll bereits in zwei Wochen eröffnen, aber als wir die Baustelle besichtigen meint auch Herr Huhn, dass dies zwar machbar, aber auf jeden Fall sportlich in der Zielsetzung sei.

In meinen Augen war eine Gastronomie am Ende der Collegienstrasse mehr als überfällig. Das Lutherhaus bildet das Drehkreuz für drei Gruppen von Menschen: Von einer langen Reise vom Bahnhof kommend, nach langem Staunen aus dem Panorama kommend oder nach einer langen Stadtführung aus der Stadt kommend. Fällt ihnen was auf?

Themawechsel. Vor ein paar Tagen spielte mir ein Freund einen Bericht des Deutschlandfunk zu. In einem Radiofeature über Wittenberg und das Jubiläum wurde unter anderem auch über die Suppenküche berichtet. Ich wusste bis dato gar nicht, dass wir eine Suppenküche haben und ehrlich gesagt, hatte es mich auch all die Jahre nicht interessiert.

Das ist vielleicht nicht gerade rühmlich, aber ich behaupte, dass ich damit nicht allein bin. Jedenfalls treffe ich nun Frau Quadduri, die Chefin der Beratungsstelle des Diakonischen Hilfswerks in Wittenberg. Sie erzählt mir unter anderem, dass die Suppenküche am Tage etwa 30 Menschen für einen sehr geringen Preis mit drei Mahlzeiten versorgt.

Wo sich die Suppenküche befindet? Wie zum Trotz direkt über der Deutschen Bank in der Juristenstraße und damit im Zentrum des Zentrums der Reformation. Die Suppenküche wird vollständig aus privaten Spenden und dem Beitrag der Menschen, die verpflegt werden, finanziert.

Als ich Frau Quadduri frage, ob es sie nicht wütend macht, dass bei den Summen, die derzeit von verschiedenen Institutionen für das Jubiläum aufgebracht werden, sie für ihre diakonische Arbeit auf unregelmäßige Spenden angewiesen ist, verneint sie dies. Wenn man sich wie sie eine solche Arbeit aussucht, dann kenne man auch die Rahmenbedingungen und Frust bringe niemanden weiter.

Hochachtung. Anschließend trinke ich noch einen Kaffee mit den Besuchern der Suppenküche und lasse mir ihre Ansichten über das Festjahr erzählen. Die Haltung ist eher kritisch. Es fehle vor allem an günstigem Wohnraum in der Stadt, sagt man mir.

Auch eine Sanierung der Radwege wäre überfällig und einen wirklichen Nutzen über dieses Jahr hinaus würde es nicht geben. Der Kontrast zwischen meinem Treffen von vor einer Stunde und diesem hier könnte nicht größer sein.

Am Ende möchte ich noch die 30 Cent für meinen Kaffee bezahlen und werde freundlich abgewiesen. Jemand hat Geburtstag und da gehen immer alle Kaffees aufs Haus.

Das Culinela hat sich ein neues Lastenfahrrad angeschafft, welches nun funkelnd vor dem Laden steht. So sollen im Festjahr Waren und Familienmitglieder durch die Touristenmassen manövriert werden. Es ist inzwischen auch schon viel lauter in der Stadt als in den Wochen zuvor.

Obwohl wir in Sachen Wetter doch noch ein Stück vom Frühlingsanfang entfernt scheinen, zähle ich bei einem Gang vom Lutherhaus bis zum Marktplatz sieben Touristengruppen – für einen Dienstag um 13 Uhr nicht schlecht.

Es beginnt zu regnen und allem Anschein nach wird es heute keinen sichtbaren Sonnenuntergang geben. Nach einem kurzen Abstecher zu meiner alten Schule und einem Kurzinterview mit Herrn Dr. Werner beschließe ich, die Kamera für heute einzupacken und nach einem Abstecher bei meinen Eltern wieder zurück zu fahren.

Am Bahnhof in Wittenberg herrscht etwas Chaos. Ich erkenne einige Leute des Refo-Vereins wieder, die wie jeden Abend zurück nach Hause wollen. Als ich auf den Bahnsteig trete, sehe ich gerade einen ICE Richtung Berlin davon fahren.

Laut der Anzeigetafel hat er 160 Minuten Verspätung. Etwa drei Stunden vorher hat sich ein Mensch zwischen Bergwitz und Wittenberg auf den Gleisen das Leben genommen. (mz)