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Blog 16. März

Blog 16. März: Notdurft ist nicht fakultativ

Wittenberg - Was macht man, wenn man mit der Bahn von Berlin nach Wittenberg fahren möchte, aber die Flughäfen der Hauptstadt bestreikt werden und somit die Züge rappelvoll sind? Man setzt sich ins Kleinkinderabteil. Alles was man dafür braucht, ist ein ...

Von Peter Benedix 16.03.2017, 17:18

Was macht man, wenn man mit der Bahn von Berlin nach Wittenberg fahren möchte, aber die Flughäfen der Hauptstadt bestreikt werden und somit die Züge rappelvoll sind? Man setzt sich ins Kleinkinderabteil. Alles was man dafür braucht, ist ein Kleinkind.

Bloß gut, dass die Großeltern sich freinehmen können und sich ohnehin auf ihren Enkel freuen - und schon sitzen Papa und Sohn um 8:12 Uhr im kunterbunten Sonderabteil. Kleinkind, Kameratasche und Rucksack haben zwar ein erhebliches Eigengewicht, aber am Bahnhof in Wittenberg werden wir abgeholt und so hält sich das Geschleppe in Grenzen.

Nachdem der Sohnemann versorgt ist, fahre ich eine Stunde später zurück zum Bahnhof, um meinen nachgereisten Kameramann einzusammeln. Leider schaffe ich es, ihn auf dem Bahnsteig zu verlieren – an dieser Stelle übrigens einen lieben Gruß an den Herrn, der mir im Vorbeigehen sagte, dass er immer diesen Blog lese und ebenfalls öfters vom Bahnhof Gesundbrunnen nach Wittenberg fahre.

Ich war durch den Verlust meines DOP (Director of Photography) etwas verwirrt, habe mich aber trotzdem darüber gefreut. Zurück zum Tag…

Peter Benedix ist Filmregisseur und arbeitet an einer Langzeit-Dokumentation über das Reformationsjubiläum 2017 in der Lutherstadt Wittenberg. Auf der Seite www.mz.de/herz und www.worandeinherz.de berichtet der 36-Jährige über die Fortschritte bei den Arbeiten an dem abendfüllenden Film über seine Heimatstadt. Sie erreichen Peter Benedix per Mail unter [email protected]

Der erste Halt ist das Hotelschiff Junker Jörg. Ruhig sonnt es sich hinter Obi und erholt sich vom Ansturm des Wochenendes, an dem Taufe und Eröffnung die Menschen der Stadt in Scharen herbeilockten. Leider konnte ich selbst nicht vor Ort sein, aber die neue Kooperation mit Jens Fasbender Medienproduktion aus Wittenberg hat glücklicherweise gut funktioniert und so sind Aufnahmen vom Event auf jeden Fall gesichert.

Es lebe das Netzwerk! Wir treffen Jan Harnisch, den Kapitän des Schiffes – oder besser „Schiffsführer“, wie er uns erklärt. Herrn Harnisch steht der Stolz über sein neues Schiff sichtlich ins Gesicht geschrieben, und wenn ich mich so auf dem Schiff umschaue, hat er auch allen Grund dazu.

Ich habe nicht viel Ahnung vom Hotel- und Gastronomiewesen und meine nautischen Fähigkeiten sind auch begrenzt, aber dass dies hier eine Bereicherung für die Stadt werden kann, steht für mich fest. Herr Harnisch führt uns kurz herum und nimmt auch für die Kamera kurz auf dem Kommandostuhl der Brücke Platz.

Ein wenig blutet ihm das Herz, dass er die Motoren für die nächsten Monate nicht anwerfen wird (denn die Hotelgäste wären wohl ziemlich überrascht, wenn sie eines Morgens plötzlich in Prag wären) - aber für 2017 soll das Schiff nun mal für die Gäste der Stadt, aber auch für die Wittenberger selbst eine echte Alternative zur Altstadt sein.

Ich bin auf jeden Fall sehr gespannt, wie sich das Leben auf Deck in den nächsten Monaten entwickeln wird.

Jetzt ist es wieder Zeit für Türmer Klaus. Mit einer Bratwurst in der Hand begrüßt er uns am alten Eiskaffee am Schlossplatz. Und wo hat er diese Wurst her? Vom Rikscha-Uwe! Uwe fährt Touristen in seiner Rikscha durch die Stadt und wenn er das nicht tut, verkauft er Bratwurst.

Natürlich nicht irgendeine Bratwurst, sondern die gute Lutherwurst. Was eine Lutherwurst zur Lutherwurst macht? Dasselbe, was auch die Luthersocke, die Luthernudeln und den Lutherschnaps ausmacht. Uwe wohnt eher am Stadtrand und hofft ebenfalls sehr auf das Reformationsjahr.

Für ihn wäre es das Größte, wenn am 28. März entschieden werden würde, dass er wieder direkt an dem Schloss seine Wurst verkaufen darf. Dort möchte er die hungrigen Touristen begrüßen und auch wieder verabschieden. Quasi als Botschafter der Stadt, womit er sich zu einem anderen Zeitgenossen gesellt, den Klaus mir vermittelt hat – Jörg, der Herr der Schlossplatztoilette.

Seien wir mal ehrlich – wenn ich mehrere Stunden in einem Bus nach Wittenberg fahre und dann aus dem Bus steige, sind meine Prioritäten relativ klar definiert: Erst ein Klo, dann etwas zu Essen und zu Trinken und erst dann gern reichlich Geschichte und Kultur – und wenn ich wieder fahre, dann prophylaktisch alles noch einmal in umgekehrter Reihenfolge, denn Notdurft ist nicht fakultativ.

Dafür möchten Jörg und Uwe zuständig sein - wobei bei Jörg dieser Posten schon sicher ist.

Nun steuern wir auf ein Problem zu. Eigentlich hätten wir jetzt anderthalb Stunden Mittagspause, und da der Tag schon lang war, wäre dies auch angebracht. Aber Klaus bietet uns an, noch einmal mit auf den Turm der Stadtkirche zu kommen und zu ein paar schönen Bildern aus luftiger Höhe sagen mein Kameramann und ich ungern nein.

Also steigen wir hinauf, freuen uns, schlingen dann schnell eine Erbsensuppe im Arsenal herunter und kommen natürlich (wenn auch nur leicht) zu spät zum nächsten Termin, der da lautet: Fußball!

Daniel Pflug, Inhaber des „Sfilata di Moda“ in der Innenstadt gehört zu den Zugpferden des Projekts „Ein Spiel gegen den Vatikan“ und seit letztem Donnerstag steht der Termin auch verbindlich fest. Am 17. Juni werden nun definitiv die Wittenberger Auswahl und die Nationalmannschaft des Vatikans gegeneinander antreten.

Die Organisation steht und die Katholische Gemeinde Wittenbergs ist berechtigterweise aus dem Häuschen. Ein paar Überraschungsgäste wird es wohl auch geben, aber das soll hier noch nicht verkündet werden.

Daniel ist übrigens wie die meisten Wittenberger konfessionslos und liebt den sportlichen Vergleich. Die evangelische Kirche sei nicht involviert und nicht die Ökumene ist hier laut Daniel das Ziel, sondern der Sport als verbindendes Element aller Menschen, als Zeichen friedlichen Zusammenlebens.

Ich finde es schön in den thematisch aufgeladenen Monaten des Reformationsjubiläums auch solche ganz volksnahen Aktionen anzutreffen, welche vor allem von Wittenbergern initiiert und durchgeführt werden. Allerdings hoffe ich schon, dass wir gewinnen.

Der Tag neigt sich dem Ende. Mein Kameramann ist bereits in den Zug zurück nach Berlin gestiegen und mein Sohn wird gerade von den Großeltern zu Bett gebracht, als ich mich nochmal auf den Weg in die Stadt mache. Pfarrer Block hat eingeladen und verbindet seinen Geburtstag mit einem Zusammenbringen von Menschen, die in irgendeiner Form mit den Vorbereitungen zum Reformationsjubiläum zu tun haben.

Andernorts würde so etwas „Networking-Event“ heißen. Nach ein paar netten Gesprächen mit ein paar Damen der Gemeinde und einer hitzigen Diskussion mit meinem alten Lateinlehrer zum mangelnden Willen der Jugend sich politisch zu engagieren, verabschiede ich mich gegen 21 Uhr und fahre nach Hause.

Eine Erkältung hat sich eingeschlichen und ich muss mir heute das Bett mit meinem Sohnemann teilen – hoffentlich habe ich nicht die ganze Nacht Kinderfüße im Gesicht.