12 Monate, 12 Geschichten

12 Monate, 12 Geschichten : Das Flüchtlingsboot vom Schwanenteich

Wittenberg - In einem Text für jeden Monat des vergangenen Jahres lassen wir 2019 Revue passieren, schauen auf die kleinen und die großen Neuigkeiten und Geschichten aus dem Kreis Wittenberg. Heute: April. Flüchtlingsboot am Schwanenteich wird nicht verändert.

Von Irina Steinmann 02.01.2020, 11:14

Das Flüchtlingsboot lebt. Übers Jahr hat sich seine Außenhaut verändert. Wie an anderen als herrenlos empfundenen Objekten und Gebäuden sind hie und da Graffiti aufgetaucht. Und ein unscheinbarer Schriftzug. „Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden einen gnädigen Richter finden.“ Der Bibelspruch in Deutsch und teils auf Englisch erinnert an Verantwortung im zwischenmenschlichen Miteinander. Wie auch das ganze Boot.

Im April 2019 hatten sich die Wittenberger Stadträte dafür entschieden, das Flüchtlingsboot am Schwanenteich in seinem gegenwärtigen Zustand als Mahnmal für Menschlichkeit zu belassen. Die Grundsatzentscheidung, es dort am Teich in den Wallanlagen zu behalten, war bereits im Dezember des Vorjahres gefallen. Da hatte das Boot bereits einiges hinter sich. Die Odyssee übers Mittelmeer mit 244 verzweifelten Menschen an Bord 2013, die Überführung in die Lutherstadt als Exponat der kirchlichen Weltausstellung 2017 - und den Brandanschlag vom 9./10. November 2018.

Mehrere Varianten

Als das Schiff dann im April auf die Tagesordnungen der politischen Gremien rückte, schlugen insbesondere in den so genannten sozialen Netzwerken die Wogen noch einmal hoch. Weg mit dem Ding, hieß es ungeachtet des im Dezember erklärten Willens der Volksvertreter. Mehrere Varianten, in welcher Form das Flüchtlingsboot zu erhalten wäre, hatte die Verwaltung den Stadträten zur Auswahl angeboten, darunter auch eine Wiederherstellung der verbrannten Aufbauten.

Ziemlich rasch entschied man sich dafür, das Boot so zu belassen, wie es nach dem Anschlag aussah, und es im Übrigen dem Zahn der Zeit zu überlassen.

Letzteres fand sogar AfD-Stadtrat Dirk Hoffmann nicht ganz schlecht, der lange und bereits vor dem Brand vehement die Beseitigung des von ihm als Müll bezeichneten Objekts gefordert hatte, mit seinem neuen, modifizierten Vorschlag, dem Boot einen „würdigen Abschied“ in Form einer „feierlichen “ Veranstaltung zu bereiten, am Ende im Stadtrat aber klar scheiterte.

Denk-Mal der Menschlichkeit

Nicht nur nebenbei war es auch die kostengünstigste Variante, das angebrannte Boot so zu lassen, wie es ist. Seit geraumer Zeit klärt ein Schild am Rumpf darüber auf, was es mit dem in Wittenberg gestrandeten „Flüchtlingsschiff Nr. 653“ auf sich hat. Dieses stehe „inmitten der Idylle des Schwanenteichs als ,Denk-Mal‘ der Menschlichkeit, Konsequenz und Rechtsstaatlichkeit“, schließt der in Deutsch und Englisch gehaltene Text.

Eine Information darüber, warum das Boot da steht, war ebenfalls Teil der im April beschlossenen Variante gewesen, dito eine Gestaltung des Umfelds. Das wirkt durchaus gepflegt.

Ob dies nun der endgültige Erhaltungszustand des Mahnmals ist, war so tief zwischen den Jahren im Rathaus nicht en detail in Erfahrung zu bringen. Ein Sprecher verwies auf den unverändert geltenden Beschluss; dieser werde im Zuge der laufenden Neugestaltung der Wallanlagen am Schwanenteich mit umgesetzt. Priorität habe die „Verkehrssicherung“.

Man möchte hoffen, dass sich da noch etwas tut. Späht man, direkt neben der Aufforderung zur Barmherzigkeit, durch ein Loch, sieht man nicht nur die Reste der verkohlten Aufbauten. Es findet sich auch Müll. Die Windeln deuten auf eine Familie hin. (mz)