„Wir hatten alle Angst“

„Wir hatten alle Angst“: So erlebten Weißenfelser den Wende-Herbst

Weissenfels - „Nein, ich war kein Held, eher ein stiller Mitläufer“, sagt Hans Köhler. Und doch gehört der heute 86-Jährige zu den Menschen, die genau vor 30 Jahren ein Stück Weißenfelser Wendegeschichte geschrieben haben: Am Nachmittag des 11. Oktober 1989 sind sie zum ersten Friedensgebet in die Laurentiuskirche ...

Von Andreas Richter 12.10.2019, 07:00

„Nein, ich war kein Held, eher ein stiller Mitläufer“, sagt Hans Köhler. Und doch gehört der heute 86-Jährige zu den Menschen, die genau vor 30 Jahren ein Stück Weißenfelser Wendegeschichte geschrieben haben: Am Nachmittag des 11. Oktober 1989 sind sie zum ersten Friedensgebet in die Laurentiuskirche gegangen.

Weißenfelser: „Wir hatten alle Angst.“

„Zwei Tage vorher in Leipzig war ich noch zu feige. Da habe ich mich durch Nebenstraßen zum Bahnhof verdrückt“, bekennt Hans Köhler, der damals als Kustos des Botanischen Gartens in Leipzig gearbeitet hat. Beim ersten Friedensgebet in Weißenfels aber wollte er dabei sein. Mit seinem zehn Jahre alten Enkel hat er sich auf den Weg in die Laurentiuskirche gemacht.

So wie Wolfgang Hoffmann. Zu dieser Zeit arbeitete er als Wirtschaftsleiter in der Schuhfabrik „Rakete“ im Heuweg, bis vor wenigen Tagen war der heute 65-Jährige der Wirt im „Alten Brauhaus“. Zusammen mit seiner Frau lief er vor drei Jahrzehnten über die Saalebrücke in Richtung Kirche. Die Kinder hatten sie bei den Eltern gelassen. „Oben auf der Bahnbrücke stand einer mit einer Maschinenpistole“, erinnert sich Hoffmann und gesteht: „Das war schon eine eigenartige Situation. Wir hatten alle Angst.“ Zumal in der Kirche auch jene Männer standen, von denen sie genau wussten: Die gehören nicht zu uns.

Wiedervereinigung einen Monat vor dem Fall der Mauer noch kein Thema gewesen

„Wir hatten uns vorher im evangelischen Gemeindezentrum in der Nikolaistraße getroffen“, erinnert sich die damalige Sozialarbeiterin Bettina Krause. Von dort haben sie sich in kleineren Gruppen auf den Weg gemacht zur Laurentiuskirche. Das Gotteshaus war bewusst als Ort für das erste Friedensgebet in der Stadt gewählt worden. „Die Kirche an der Merseburger Straße ist nicht so einfach abzuriegeln“, sagt Hans Köhler. Erst nach dem Gebet haben sie erfahren, dass hinter dem nahe gelegenen Kulturhaus Fahrzeuge der Bereitschaftspolizei und von Kampfgruppen stationiert waren. „Zum Glück ist damals alles friedlich geblieben“, sagt Bettina Krause heute.

„Ich kam von der Arbeit im Schuhkombinat mit meinem blauen Trabant zur Kirche“, erzählt Johannes Kunze, heute Kulturmanager beim Burgenlandkreis. Einen Parkplatz unmittelbar vor der Kirche bekam er damals ohne Probleme. Es waren wohl 80 bis 100 Leute, die sich da zwei Tage nach der großen Demonstration in Leipzig in Weißenfels versammelt hatten. „Wir wollten Presse- und Reisefreiheit, einen gesellschaftlichen Aufbruch, eine bessere DDR“, weiß Kunze. Die Wiedervereinigung sei knapp einen Monat vor dem Fall der Mauer noch kein Thema gewesen. Das kann Wolfgang Hoffmann nur bestätigen. „Wir sind damals losgezogen für einen demokratischen Sozialismus“, sagt der Weißenfelser.

So war der Wende-Herbst in Weißenfels

Eingeladen zum Friedensgebet hatte damals der Weißenfelser Pfarrer Lothar Tautz. Später war er Moderator des Runden Tisches in der Saalestadt, heute lebt er in Berlin. Die Stimmung jenes Nachmittags ist ihm als „großartig“ in Erinnerung geblieben. Mehr noch: „Dieser Nachmittag war für mich das emotional großartigste Erlebnis des ganzen Wende-Herbstes.“

Nach dem ersten Treffen der stillen Helden sprang der Funke auch in Weißenfels schnell auf viele andere über. Eine Woche später fand das Friedensgebet mit mehr als 200 Menschen schon in der großen Marienkirche am Markt statt. Die Geschichte nahm ihren Lauf. (mz)