Unbeschwerte Kindheit bis zur Rente

Weißenfelserin lebt seit 100 Jahren in der Neustadt

Johanna Weibrecht hat ein Leben lang in der Müllnerstraße gewohnt. Ein Verwandter blickt zurück.

Von Martin Weibrecht
Johanna Weibrecht mit einem Bild von sich aus jungen Tagen (Foto: Weibrecht)

Weißenfels - Am 30.April 1921, abends um 22 Uhr, erblickte die kleine Johanna Weibrecht in einer Dachgeschosswohnung in der Weißenfelser Müllnerstraße das Licht der Welt. Genau 100 Jahre später lebt die kleine, zierliche, inzwischen gebückte Dame immer noch in der selben Wohnung mit dem Familiennamen „ Karl Weibrecht“ auf einem Emailleschild an der Eingangstür.

Hinter dem Haus konnte man in den 1920er Jahren über die Felder bis zur Neuenburg in Freyburg blicken

Hier in der Weißenfelser Neustadt wuchs Johanna mit den Eltern und Großeltern, einer Tante und ihrem sieben Jahre älteren Halbbruder Siegfried in einer unbeschwerten Kindheit auf. Die Großeltern hielten Tiere auf dem kleinem Hof zwischen den Häusern und weckten damit Johannas Liebe zu Tieren, die ein Leben lang anhielt. Bis ins hohe Alter hatte sie gerne ihre Katzen um sich und fütterte bis letztes Jahr viele andere Katzen in der Straße.

Hinter ihrem Haus konnte man in den 1920er Jahren über die Felder bis zur Neuenburg in Freyburg blicken. Auch auf der anderen Straßenseite war eine große Wiese bis zur Neustadtschule und freies Gelände bis an die Saale. Hier ging Johanna auch zur Schule und ihr liebstes Hobby wurde bald der Bühnentanz. Viele Jahre übte sie fleißig und kann sich heute noch an die Tänze „Die Spieluhr“ und den Tanz zu Beethovens 6. Sinfonie erinnern. Für ihre Soloauftritte bekam sie viel Applaus.

Weißenfelserin arbeite lange Jahre im Landratsamt

Allein in der Müllnerstraße gab es in den dreißiger Jahren drei kleine Schuhfabriken und viele ähnliche Betriebe in der sich schnell verändernden Umgebung. So erlernte Johanna nach der Konfirmation und dem Abschluss der mittleren Reife mit 16 Jahren auch den Beruf einer Bürokauffrau in einer nahegelegen Schuhfabrik in der Neustadt.

Der Umgang in so einer kleinen Fabrik mit einem oft sehr patriarchalischen Besitzer war für eine junge Frau nicht einfach und so wechselte Johanna bald nach Abschluss ihrer Lehre ins Weißenfelser Landratsamt. Hier verbrachte sie viele Arbeitsjahre und erlebte auch die Kriegszeit mit. Leider ist ihr einziger Halbbruder Siegfried Kahl noch in den letzten Kriegsmonaten gefallen. Das war ein sehr schmerzlicher Verlust, besonders für ihre Mutter, die schon ihren ersten Ehemann in den letzten Tagen des ersten Weltkrieges im November 1918 verloren hat.

Selbstständigkeit und Gesundheit ist Weißenfelserin sehr wichtig

Das Kriegsende mit amerikanischer und russischer Besatzung erlebte Johanna in Weißenfels. Auch bei der Bodenreform mit der Auflösung verschiedener Rittergüter 1946 rund um Weißenfels war Johanna als Schreibkraft und Protokollantin mit dabei. Nach vielen Jahren im Landratsamt wechselte sie in die Verwaltung des inzwischen entstandenen „Banner“-Schuhkombinats.

Nach mehr als 44 vollen Arbeitsjahren erreichte Johanna im Herbst 1981 mit 60 das Rentenalter und genoss in den 1980ern gute Jahre mit ihrem Lebensgefährten Willy aus Borau. Seit seinem Tod lebt sie nun schon mehr als 30 Jahre allein und ist immer eine große Tierfreundin geblieben. Ihre Selbstständigkeit und ihre Gesundheit sind ihr bis heute sehr wichtig.

Erst seit gut drei Jahren wird Johanna täglich liebevoll von den Schwestern der Caritas-Sozialstation umsorgt und freut sich mittags immer über das Essen auf Rädern vom Menüservice Michael Raschke. Bis jetzt ist sie auch Leserin der Mitteldeutschen Zeitung und kann sich noch an viele Jahrhundertereignisse in der Region aus ihrem eigenen Erleben erinnern. Zum Jubiläum hat sie einen Wunsch: Nach 44 vollen Jahren Arbeit würde sie gerne auch 44 Rentnerjahre genießen. (mz)