Weißenfels

Weißenfels: Mit dem Rad nach «Alt-Weißenfels»

weissenfels/MZ. - Erwartungsvoll hatte sie sich am Sonnabendmorgen auf den Weg in die Große Burgstraße Nummer 19 gemacht. Die Weißenfelserin Helga Kesselring war gespannt auf ihr Porträtfoto an der Fassade des leerstehenden Gebäudes, an dessen Fassade "Alt-Weißenfels" zu lesen ist. Weil die 74-Jährige ihr Bild unter den vielen anderen Aufnahmen von Senioren nicht entdecken konnte, schien die Freude getrübt. Doch eine Bekannte hatte eine Porträtzeichnung mit Helga Kesselrings Konterfei an der Tür des Hauses entdeckt und ihr davon ...

Von bärbel schmuck

Erwartungsvoll hatte sie sich am Sonnabendmorgen auf den Weg in die Große Burgstraße Nummer 19 gemacht. Die Weißenfelserin Helga Kesselring war gespannt auf ihr Porträtfoto an der Fassade des leerstehenden Gebäudes, an dessen Fassade "Alt-Weißenfels" zu lesen ist. Weil die 74-Jährige ihr Bild unter den vielen anderen Aufnahmen von Senioren nicht entdecken konnte, schien die Freude getrübt. Doch eine Bekannte hatte eine Porträtzeichnung mit Helga Kesselrings Konterfei an der Tür des Hauses entdeckt und ihr davon erzählt.

"Jetzt bin ich beruhigt", sagt Frau Kesselring erleichtert. Denn mit weiteren Mitgliedern der Weißenfelser Arbeiterwohlfahrt (Awo) hat sich die Rentnerin in Vorbereitung der Museumsnacht an einer Aktion beteiligt, die Studenten der Merseburger Hochschule veranstaltet hatten. "Eine sehr schöne Idee, das alte Haus mit unseren Gesichtern neu zu beleben", urteilt Helga Kesselring. Das Interview mit Hochschuldozent Frank Venske habe ihr zudem Spaß gemacht. "Ich habe erzählt, was mich mit meiner Stadt verbindet", berichtet die frühere Geschäftsfrau.

Natürlich durften da die Schulzeit in der Bergschule und das Ausgehen an den Wochenenden nicht fehlen. "Als wir jung waren, sind wir zum Tanzen in die Stadthallen, ins Klubhaus, ins Feldschlösschen, ins Deutsche Haus und ins Kaffeehaus gegangen", gerät die Weißenfelserin ins Schwärmen. Auch von Schumanns Garten an der Promenade erzählt sie und - natürlich dem Möbelhaus Albrecht in der Altstadt, in dem sie viele Jahre bis zur Wende gearbeitet habe, während ihr vor vier Jahren gestorbener Mann den Raumausstatter in der Klosterstraße betrieb. Die Bastelrunden bei der Awo seien heute für sie ebenso wie die Sommerzeiten an der Talsperre in Saalburg ein Muss. "Morgen breche ich auf nach Thüringen, wo mein Segelverein schon auf mich wartet, ich bleibe den ganzen Sommer über im Wohnwagen am Wasser", erklärt Helga Kesselring.

Zu den Porträtierten gehört auch Hans-Joachim Vogt, der heute im Betreuten Wohnen in der Herderstraße in der Weißenfelser Neustadt zu Hauses ist. "Auch ich habe den Studenten aus meiner Jugend erzählt", blickt der 83-jährige Mann im Rollstuhl zurück. An eine Geschichte erinnert er sich besonders gerne: "Um meine spätere Frau, die aus Weißenfels stammte, öfter zu sehen, bin ich jeden Sonnabend mit dem Fahrrad von Greiz 100 Kilometer nach Weißenfels und wieder zurück geradelt. Jede Strecke hat dreieinhalb Stunden gedauert. Dann haben wir geheiratet und ich bin seit Jahrzehnten ein Weißenfelser."

Carola Herzberg und Ines Thalheim sind Seniorenbetreuerinnen beim Awo-Stadtverband. Beide haben in Zusammenarbeit mit den Studenten und Dozenten das Projekt auf den Weg gebracht. Bis zur Seniorenwoche im Juni sollen die Fotos am Haus "Alt-Weißenfels" noch zu sehen sein, wie Stadt-Kulturmanager Robert Brückner ankündigt. In Arbeit sei derzeit eine Dokumentation über die Gespräche, Fotos und Zeichnungen mit und von alten Weißenfelsern. Thomas Tiltmann, Christian Siegel und Frank Venske haben dazu im Awo-Seniorenclub interviewt, fografiert und gezeichnet. Diese Broschüre soll demnächst vorgestellt werden, um Geschichte(n) zu erhalten, woran sich betagte Einwohner ganz persönlich erinnern und was sie mit ihrer Stadt verbindet.