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Weißenfels: Kein Geld für Heinrich Schütz?

Weißenfels - Die Stadt Weißenfels soll sich um eine Landesausstellung zum 350. Todestag des Komponisten Heinrich Schütz (1585-1672) im Jahr 2022 bewerben. Das geht aus einem Grundsatzbeschluss hervor, den der Stadtrat auf seiner jüngsten Sitzung mit klarer Mehrheit gefasst hat. Paradox: Dass sich die Stadt tatsächlich um die Durchführung einer solchen Schau von überregionaler Bedeutung bewirbt, erscheint derzeit relativ unwahrscheinlich, weil der Kommune das Personal dafür ...

Von Andreas Richter 06.07.2016, 07:21

Die Stadt Weißenfels soll sich um eine Landesausstellung zum 350. Todestag des Komponisten Heinrich Schütz (1585-1672) im Jahr 2022 bewerben. Das geht aus einem Grundsatzbeschluss hervor, den der Stadtrat auf seiner jüngsten Sitzung mit klarer Mehrheit gefasst hat. Paradox: Dass sich die Stadt tatsächlich um die Durchführung einer solchen Schau von überregionaler Bedeutung bewirbt, erscheint derzeit relativ unwahrscheinlich, weil der Kommune das Personal dafür fehlt.

Stadtrat befürwortet Bewerbung um Landesausstellung

Zunächst der Grundsatzbeschluss. An diesem Punkt herrschte im Stadtrat noch weitgehend Einigkeit. Für die Bewerbung um eine Landesausstellung unter dem Arbeitstitel „Musik für Gott und die Welt“ (siehe Beitrag „Ausstellung...“) machte sich unter anderem Uwe Brückner (SPD-Fraktion) stark. Immerhin sei Schütz ein Alleinstellungsmerkmal der Stadt Weißenfels. „Wir diskutieren fast nur noch über Beiträge und Gebühren. Hier haben wir als Stadt die Chance etwas mit Blick auf die Zukunft zu gestalten“, meinte Brückner.

Deutliche Zweifel meldete als einzige Sybille Reider (Fraktion Bürger für Weißenfels/Landgemeinden) an. „Die Mühe lohnt nicht“, sagte die Wengelsdorfer Ortsbürgermeisterin. Sicher gehöre Heinrich Schütz zu Weißenfels. Wenn sie allerdings an die teils mäßige Besucherresonanz zu den alljährlichen Schütz-Musiktagen denke, dann müsse die Frage erlaubt sein, wie tief der Komponist tatsächlich in der Weißenfelser Bevölkerung verwurzelt sei. Reider stimmte schließlich als einzige gegen den Grundsatzbeschluss, 31 Stadträte waren dafür.

Allerdings gab es eine Einschränkung. Wollte doch eine deutliche Mehrheit der Räte das Projekt Landesausstellung nicht verwässern. Deshalb wurde die letzte Passage des Beschlusses gestrichen. Diese sah vor, dass die Stadt auch für den Fall, dass das Land keine Fördermittel bereitstellt, eine „Grobkonzeption einer ähnlich angelegten Großausstellung“ erarbeitet. Die Streichung des Satzes solle jedoch nicht bedeuten, dass das Schütz-Jubiläum im Falle fehlender Fördermittel vom Land gänzlich ignoriert wird, ließ Jörg Riemer (CDU/FDP-Fraktion) Optionen für die Zukunft offen.

Heinrich Schütz gilt als der bedeutendste deutsche Komponist des Frühbarock. Er wurde am 8. Oktober 1585 in Köstritz bei Gera geboren und starb am 6. November 1672 in Dresden, wo er viele Jahrzehnte Kapellmeister am sächsischen Hof war. Seinen Lebensabend verbrachte der Komponist von 1651 bis 1672 in Weißenfels. Er erwarb 1651 ein Haus in der heutigen Nikolaistraße. Dieses Gebäude ist heute das einzige original erhaltene Wohnhaus des Komponisten. In der Komponierstube unter dem Dach schuf Schütz seine großen späten Werke, so unter anderem den Schwanengesang (1671).

Das Heinrich-Schütz-Haus, erbaut um 1552, wurde zwischen 2010 und 2012 umfassend saniert. Eine neue Dauerausstellung unter dem Titel „... mein Lied in meinem Hause“ stellt seitdem Leben und Werk des Komponisten umfassend dar. Besonderer Anziehungspunkt ist die wiederhergestellte Komponierstube, in der unter anderem zwei im Haus gefundene Notenfragmente des Komponisten gezeigt werden.

Alljährlich machen im Oktober Musiktage auf das Schaffen von Heinrich Schütz aufmerksam. In diesem Jahr steht das Musikfestival mit mehr als 30 Konzerten und Veranstaltungen in Dresden, Gera, Weißenfels, Bad Köstritz und Zeitz unter dem Motto „vom Besehn der frembden Länder“. Zu den Höhepunkten gehört der Auftritt der in Frankreich lebenden österreichischen Harfenistin Chistina Pluhar und ihres Ensembles L’Arpeggiata. Am 8. Oktober wird das Ensemble um 20 Uhr in der Weißenfelser Marienkirche auftreten.

Die Idee einer Landesausstellung zu Heinrich Schütz in Weißenfels ist von Götz Ulrich (CDU), Landrat des Burgenlandkreises, begrüßt worden. Er werde das Projekt als Landrat weiter befördern, sagte er nach dem Grundsatzbeschluss des Stadtrates. Bereits für den 25. Juli habe er ein Gespräch bei Staats- und Kulturminister Robra in Magdeburg vereinbart, in dem er ihm die Idee näherbringen wolle. Die Landesausstellung 2011 in Naumburg habe gezeigt, welch positive Auswirkungen ein solches Projekt für die Region haben kann.

OB Risch: Konzept muss mehr als Schütz beinhalten

Für das Projekt Landesausstellung hatte sich auch Oberbürgermeister Robby Risch (parteilos) ausgesprochen. Er spannte den Bogen allerdings weiter: „Schütz allein wird nicht reichen für eine Landesausstellung“. Das fundierte Konzept müsse auch andere Themen wie etwa den im selben Jahr anstehenden 250. Geburtstag des Schriftstellers und Philosophen Friedrich von Hardenberg/Novalis (1772-1801) einbeziehen. Wenngleich es schwer sein dürfte, eine fundierte Verbindung zwischen Schütz und Novalis herzustellen. „Mit dem vorhandenen Personal der Stadt wird eine Erfolg versprechende Bewerbung jedenfalls nicht zu machen sein“, sagte Risch - als ob er bereits ahnte, was wenig später folgen sollte.

Hatte sich der Hauptausschuss wenige Tage zuvor noch mehrheitlich zu einer Zustimmung für knapp elf zusätzliche Stellen in der Verwaltung durchgerungen, flammte im Stadtrat erneute eine Diskussion zu diesem Thema auf. Am Ende bestätigte der Rat nur knapp sechs zusätzliche Vollzeitstellen, die meisten zeitlich befristet. Gestrichen wurde unter anderem eine Stelle, deren Inhaber sich hauptsächlich um das Projekt Landesausstellung kümmern sollte.

Ohne Personal geht es nicht

Clemens Wanzke (Fraktion Bürger für Weißenfels/Landgemeinden) vertrat die Auffassung, dass doch das Land die Personalkosten für die Vorbereitung übernehmen solle. Worauf Uwe Brückner entgegnete: „Wenn wir jetzt kein Personal dafür zur Verfügung stellen, dann wird unser Grundsatzbeschluss zur Landesausstellung ad absurdum geführt.“ Ganz im Sinne von Risch. „Ohne Personal geht es nicht. Ich bedauere es sehr. Doch Weißenfels wird sich nun nicht um eine Landesausstellung zu Schütz bewerben können“, sagte der Oberbürgermeister einen Tag nach den widersprüchlichen Entscheidungen im Stadtrat. (mz)