Theatertage

Theatertage : Ben Becker begeistert in Weißenfels mit Judas-Inszenierung

Weißenfels - Der Schauspieler Ben Becker leiht Judas seine eindringliche Stimme und regt das Publikum zum Mitdenken an.

Von Julia Reinard 13.11.2016, 17:44

„Außergewöhnlich!“ „Eine Leistung, den ganzen Abend so durchzuspielen.“ „Ich werde weiter darüber nachdenken.“ Das sagen die Zuschauer am Ende eines packenden Theaterabends mit Ben Becker in seinem Ein-Personen-Stück „Ich, Judas - Einer unter euch wird mich verraten“ im Kulturhaus Weißenfels.

Sie zeigten ihre Begeisterung mit lang anhaltendem Applaus, teils stehend mit Ovationen. Dabei ist das Stück keine leichte Kost und verlangt vom Schauspieler mit der einprägsamen Donnerstimme einiges ab. Und auch die Zuschauer können sich nicht bloß berieseln lassen.

Ben Becker bringt Literatur auf die Bühne

Ben Becker spricht über Judas Ischariot, der Jesus verriet, der ihn – so Becker – „ermordet“ hat. Und er verkörpert ihn. Mit Hilfe von Bibelstellen, Auszügen aus dem Buch „Judas“ des israelischen Schriftstellers Amos Oz und „Der Fall Judas“ des deutschen Philosophen Walter Jens zeigt er Judas’ Tat aus verschiedenen Blickwinkeln.

Er ist sowohl der Verräter, der einsam den Tod durch den Strick sucht. Als auch Jesus’ Freund. „Wir gehörten zusammen, wir zwei“, sagt er und dass er ihn verriet, um ihm zu helfen.

„Judas, sollte er denken an jenem Morgen, ist noch einsamer als ich. Er hat keinen Freund, keine Frau, nicht einmal einen Henker.“ Und er ist - auch so sieht er sich - derjenige, der zeigen musste, dass wir, die wir sterblich sind, der Erlösung bedürfen.

Mit Walter Jens’ Vorlage treibt Judas das Denken aber noch weiter: Was wäre, wenn er „Nein“ gesagt -hätte? Wenn er nicht als „Sklave Gottes“ gehandelt hätte, sondern als Mensch Nein gesagt hätte?

Wenn Jesus ein alter Mann hätte werden können? Wenn es seinen Märtyrertod nicht gegeben hätte? Keine Glaubenskriege? Keinen Streit der Konfessionen? Kein Pogrom? Kein Lager? Kein Gas?

Über diese Vorlage hinaus vermag es Becker, die Verfolgung von Minderheiten auch auf heute zu beziehen. Er führt die Anklage schlicht fort: Ausgrenzung und Stigmatisierung von Juden. Von Syrern. Von Ausländern. Von Latinos.

Ben Beckers Inszenierung ist große Schauspielkunst

Das fand Carola Haueisen bemerkenswert: „Die Geschichte war aktueller als gedacht“, so die Weißenfelserin. Sylvia Böttcher sagt überschwänglich: „Ich fand es toll!“ Und dass es eine Leistung ist, den ganzen Abend so durchzuspielen.

Und Andrea Wenzel sagt, der bekannte Name habe sie ins Kulturhaus gelockt: „Wir waren voriges Mal schon da, als er Gedichte vortrug und sang - aber das war mit heute nicht zu vergleichen.“

Hatte er damals unterhalten, so hat er dieses Mal fasziniert, in Punkten vielleicht verstört und sicher einige so zum Weiterdenken angeregt wie Karin Kretzschmar aus Burgwerben. „Ich werde weiter über den Inhalt nachdenken.“

Ihr Lebensgefährte Wilfried Heß sagt über den Abend: „Es war außergewöhnlich!“ Und er bezieht sich auch auf Beckers Spiel. Dessen Judas ein Mann ist, der zweifelt und schreit, seine Tat verteidigt, Gott zürnt, der weint und betet und uns Heutigen Vorwürfe macht.

Der 50-Jährige mimt ihn in all seiner Verlorenheit und Verzweiflung. Das erträgt keine Pause mit Ausflug in Alltagsgespräche. Und so erlebten die Zuschauer 100 Minuten hindurch still und gebannt ein philosophisch-ethisches Theaterstück – und große Schauspielspielkunst. (mz)