Reichspogromnacht am 9. November 1938

Reichspogromnacht am 9. November 1938: Gedenken an Verfolgung auch in Weißenfels

Weißenfels - Weißenfels begeht den 79. Jahrestag der Reichspogromnacht. Das Simon-Rau-Zentrum will die Erinnerung an das jüdische Leben wachhalten.

Von Jan Iven 09.11.2017, 11:49

Anfang November 1938 zählte die jüdische Gemeinde in Weißenfels 165 Mitglieder. 165 Männer, Frauen und Kinder. Bis zum Ende des zweiten Weltkrieges sind fast alle von ihnen geflohen, wurden vertrieben oder deportiert.

„Mit der Reichspogromnacht am 9. November 1938 begann die systematische Judenverfolgung der Nazis auch in unserer Stadt“, sagt Enrico Kabisch vom Simon-Rau-Zentrum, das unter anderem die jüdische Geschichte in Weißenfels aufarbeitet. Heute, auf den Tag genau 79 Jahre danach, gedenkt die Stadt der damaligen Pogrome um 16.30 Uhr in der Trauerhalle auf dem Weißenfelser Friedhof.

Aufarbeitung der Verfolgung in Weißenfels

Die Aufarbeitung der Verfolgung ist Enrico Kabisch wichtig, er möchte aber auch die Erinnerungen an das jüdische Leben wachhalten, das früher in Weißenfels existierte. „Die Juden an der Saale waren angepasst und liberal. Es gab Unternehmer, die Kaufhäuser oder Schuhfabriken betrieben oder Viehhändler waren“, sagt Enrico Kabisch. Es waren Menschen aus allen Schichten, auch Arbeiter und Arme.

Simon Rau beispielsweise, der Namensgeber der Einrichtung, war Religionslehrer und Vorsänger in der Jüdischen Gemeinde und lebte in der Weißenfelser Nordstraße 14. „Als die jüdischen Männer in der Reichspogromnacht abgeholt und im Schloss eingesperrt wurde, war er nicht zu Hause“, erzählt Enrico Kabisch. Nachdem er von den Festnahmen erfahren hatte, stellt er sich freiwillig, weil er bei seinen Gemeinde sein wollte.

Zahlreichen Juden bei der Ausreise aus Deutschland unterstützt

Mehrere Wochen wurde er im Konzentrationslager Buchenwald gefangen gehalten, bevor er wieder freigelassen wurde. Da die jüdische Gemeinde in Weißenfels aufgelöst wurde, arbeitete Simon Rau noch ein Jahr in Leipzig. Nachdem er zahlreichen Juden bei der Ausreise aus Deutschland unterstützt hatte, emigrierte er mit seiner Familie selbst in die USA. Im Andenken an dieses Engagement hat sich das Simon-Zentrum-Zentrum nach dem Religionslehrer benannt.

„Eine der Thora der Weißenfelser Synagoge hat Simon Rau mit in die USA genommen“, so Enrico Kabisch. Als sie ausgedient hatte, wurde sie entgegen der Tradition nicht beerdigt, sondern verbrannt. Das sei ziemlich ungewöhnlich, sagt Kabisch.

Weißenfelser Synagoge an der Nordstraße wurde während der Pogrome geplündert

Die Weißenfelser Synagoge an der Nordstraße wurde während der Pogrome geplündert, aber nicht zerstört. Zu DDR-Zeiten wurde sie als Verwaltungsgebäude genutzt. 2011 konnte das Simon-Rau-Zentrum die ehemalige Synagoge ersteigern. Für ein geplantes Kulturzentrum in dem Gebäude fehlte bisher das Geld.

Das Gedenken an die Pogrome ist Enrico Kabisch wichtig. „Wir müssen verantwortungsvoll mit unserer Geschichte und der Erinnerung umgehen“, sagt er. Das sei umso wichtiger, weil heute nur noch wenige Zeitzeugen leben.

››Gedenkfeier zur Pogromnacht am 9. November mit Kranzniederlegung. Trauerhalle auf dem Weißenfelser Friedhof, Donnerstag 16.30 Uhr. (mz)