Raubkunst im Museum?

Raubkunst im Museum?: Kunsthistorikerin durchforstet Bestände im Weißenfelser Schloss

Weißenfels - Eine Kunsthistorikerin hat die Bestände im Weißenfelser Schloss nach ihrer Herkunft durchforstet. Welche Entdeckungen sie dabei gemacht hat.

Von Andreas Richter 05.01.2019, 08:00

Die eine oder andere Karteikarte war schon etwas verdächtig. Doch Sabine Breer steht mit ihren Ermittlungen noch ganz am Anfang. Dabei ist sie nicht etwa Kriminalistin. Die junge Frau, die in Halle Kunstgeschichte studiert hat, ist im Dezember im Weißenfelser Museum zwei Wochen lang einer überaus spannenden Frage nachgegangen: Befindet sich in den Magazinen des Museums Raubgut aus der Nazi-Zeit?

„Es handelt sich um einen Erst-Check“, erklärt Museumsmitarbeiterin Angela Sengewald. Wie andere Einrichtungen auch habe man sich freiwillig bereiterklärt, den Bestand auf Kulturgüter untersuchen zu lassen, die in der Nazi-Zeit widerrechtlich angeeignet wurden. Aus eigener Kraft könne das Museum diese Arbeit allerdings nicht leisten. Umso dankbarer sei man dafür, dass Weißenfels in das Forschungsprojekt „Erst-Check an 17 Museen in Sachsen-Anhalt“, unterstützt vom Museumsverband und der Stiftung Deutsches Zentrum Kulturgutverluste, aufgenommen wurde. Immerhin stammen die ältesten Unterlagen von 1910, dem Jahr der Museumsgründung. Insgesamt gehören mehr als 100.000 Objekte zum Bestand.

Das Museum Weißenfels bekundet bereits seit drei Jahren Interesse an einer Überprüfung der Altunterlagen. Dabei handelt es sich um die sogenannte Provenienzforschung. Das Wort leitet sich aus dem lateinischen „provenire“ ab, das „herkommen“ bedeutet. Man spricht von der Herkunft, zuweilen auch von der Biographie der Objekte und meint damit die historischen Besitzverhältnisse.

Zuletzt stieß vor etwa fünf Jahren Museumsmitarbeiter Mike Sachse im Rahmen einer Ausstellungsvorbereitung zufällig auf NS-Raubgut. Im Magazin fand er zwei Schächtmesser von Simon Rau. In Absprache mit den Nachfahren des ehemaligen jüdischen Predigers der Synagoge Weißenfels wurden die Schächtmesser an das Simon-Rau-Zentrum der Saalestadt übergeben. (ari)

Wie nun ist die Wissenschaftlerin vorgegangen? „Ich habe mir zunächst die Dokumentation des Museums angeschaut, Karteikarten, Rechnungen und so weiter“, berichtet sie. Darüber hinaus hat sie das Gespräch mit örtlichen Akteuren gesucht, mit Ortschronisten oder auch dem Simon-Rau-Zentrum, das sich der Erinnerung an die jüdische Gemeinde in Weißenfels verpflichtet fühlt (siehe „Schächtmesser...“).

Weißenfelser Ankäufe: Münchner Haus handelte auch mit NS-Raubgut

„In den Jahren 1933 bis 1945 gab es in Weißenfels viele Ankäufe über Antiquitäten- und Kunsthändler“, berichtet Sabine Breer. Auffällig dabei seien Ankäufe über das Auktionshaus Hugo Helbing aus München. „Es ist belegt, dass in diesem Haus auch mit NS-Raubgut gehandelt wurde. Bei den Stücken in Weißenfels muss es sich aber nicht zwangsläufig darum handeln. Das können nur tiefgründigere Nachforschungen klären“, erklärt die Kunsthistorikerin.

Klarer scheint die Lage bei fünf Objekten zu sein, die als Geschenke der ehemaligen Freimaurerloge „Zu den drei Weißen Felsen“ ausgewiesen sind. Eines davon ist ein Ölbild, das das Museum 1940 erhalten hat. „Die Logen waren seit 1935 in Deutschland verboten, deren Vermögen wurde beschlagnahmt. Deshalb ist es zumindest zweifelhaft, ob es sich bei dem Gemälde eines Logenmitglieds tatsächlich um ein Geschenk handelte“, so Breer.

NS-Raubgut: Rückgabe an Eigentümer ist letzte Konsequenz

Abschließen konnte sie ihre Recherchen im Weißenfelser Museum in diesem Jahr noch nicht. Deshalb wird sie im Januar noch einmal zurückkehren. Dann will sich die Wissenschaftlerin einige verdächtige Objekte, die nicht inventarisiert sind, direkt im Magazin anschauen. Denn das Problem: Nur etwa 40 Prozent des großen Bestandes sind in den Karteikarten erfasst. „Früher wurde sehr umfassend gesammelt - von Siegeln und Vivatbändern über Porzellan und historische Karten bis hin zu Maschinen und Ackergeräten“, erklärt Angela Sengewald. Bei der Inventarisierung habe sich das Museum nur auf Stücke konzentrieren können, die dem Museum das besondere Profil geben - wie etwa Schuhe oder Vivatbänder.

Der Erst-Check wird im nächsten halben Jahr zunächst in einen Abschlussbericht münden. Beendet sind die Recherchen dann jedoch noch lange nicht. In einem weiteren Schritt, so Angela Sengewald, könne das Museum weitere Fördermittel beantragen, um die einzelnen Fälle aufklären zu können. Bestätigt sich der Verdacht, dass es sich bei einigen Objekten der Weißenfelser Einrichtung um NS-Raubgut handelt, dann wäre schließlich eine Rückgabe an die rechtmäßigen Eigentümer die letzte Konsequenz. (mz)