Parolen im Wandel

Parolen im Wandel: So half das Weißenfelser Schuhkombinats ungewollt dem Wendeherbst

Weissenfels - Eigentlich war die Werbeabteilung des Weißenfelser Schuhkombinats dafür da, dessen Errungenschaften zu propagieren. Sie stellte in der „Straße der Besten“ beispielsweise besonders verdiente Mitarbeiter vor. Doch in den Herbsttagen des Jahres 1989 war alles anders. Da sind in der Werbeabteilung plötzlich auch kritische Transparente gefertigt worden. „Freie Wahlen ohne falsche Zahlen“, stand etwa auf einem. Der Sozialistischen Einheitspartei wurde nicht mehr gehuldigt, sondern sie wurde kritisch ...

Von Alexander Kempf 19.10.2019, 14:00

Eigentlich war die Werbeabteilung des Weißenfelser Schuhkombinats dafür da, dessen Errungenschaften zu propagieren. Sie stellte in der „Straße der Besten“ beispielsweise besonders verdiente Mitarbeiter vor. Doch in den Herbsttagen des Jahres 1989 war alles anders. Da sind in der Werbeabteilung plötzlich auch kritische Transparente gefertigt worden. „Freie Wahlen ohne falsche Zahlen“, stand etwa auf einem. Der Sozialistischen Einheitspartei wurde nicht mehr gehuldigt, sondern sie wurde kritisch hinterfragt.

„Wir sind doch alle keine Widerstandskämpfer gewesen“

Fotograf Peter Lisker hat einige dieser Transparente damals abgelichtet. Es sind Fotos, die manchen Bekannten zeigen. Denn der Fotograf ist damals selbst Mitarbeiter in der Werbeabteilung des Schuhkombinats. Entstanden sind die Transparente nach der Arbeitszeit, berichtet Peter Lisker. Auch Flugblätter habe man im Betrieb nach der Arbeitszeit angefertigt.

Dass diese einmal ein Museumsstück werden könnten, daran haben damals wohl die wenigsten gedacht. Die Gedanken haben sich damals eher darum gedreht, ob die Proteste auch friedlich ablaufen und alle wohlbehalten nach Hause kommen. „Wir sind doch alle keine Widerstandskämpfer gewesen“, so der Fotograf. Im Weißenfelser Museum ist noch bis zum 10. November eine Ausstellung über die letzten Tage der DDR in Weißenfels namens „30 Jahre Friedliche Revolution in Weißenfels“ zu sehen. Viele der Aufnahmen stammen aus dem Archiv von Peter Lisker.

Zeitzeugnisse wie Flugblätter oder Transparente sind zu Beginn der Ausstellung auf Schloss Neu-Augustusburg noch nicht gezeigt worden. „Dank einer Schenkung wurde die Schau jetzt um Original-Entwürfe von Demo-Plakaten erweitert“, berichtet Stadtsprecherin Katharina Vokoun. Die Mitarbeiter des Museums seien aber auch weiterhin auf der Suche nach Original-Transparenten der Demonstrationen in Weißenfels.

Plakate aus Weißenfelser Schuhkombinat im Museum

Bisher sind die Informationen zu den auf Schloss Neu-Augustusburg ausgestellten Bildern von Peter Lisker und anderen Zeitzeugen noch recht spärlich. Im Museum würde man sich daher freuen, mit gebliebenen und verzogenen Weißenfelsern über die Fotografien und ihre Hintergründe ins Gespräch zu kommen. „Hinweise zu abgebildeten Personen und Geschichten hinter den Fotos nimmt das Museumsteam gerne entgegen“, so Katharina Vokoun.

Im Mittelpunkt der Ausstellung stehen dabei nicht nur die Tage im Oktober und November, sondern auch die ersten Nachwendejahre. Eine Zeit voller Brüche. So können aufmerksame Besucher der Ausstellung schon an den Transparenten erkennen, wie sich die Sorgen und Wünsche der Menschen rasch veränderten. Die Schuharbeiter von Weißenfels forderten auf ihren Transparenten schon bald vergeblich den Erhalt ihrer Betriebe. (mz)