Neue Industrie auf altem Bäckereigelände?

Neue Industrie auf altem Bäckereigelände?: „Wir fühlen uns als Menschen zweiter Klasse“

Burgwerben - Ein Teil des Weißenfelser Stadtrates will auf dem ehemaligen Gelände der Bäckerei in Burgwerben Industrie ansiedeln. Warum Bürger dagegen Sturm laufen.

Von Andreas Richter 03.10.2019, 08:00

Ärger in Burgwerben: Ein Vorstoß von Weißenfelser Stadträten zur weiteren industriellen Nutzung des ehemaligen Geländes der Großbäckerei Lieken hat frustrierte Bewohner des Ortsteils auf den Plan gerufen. Auf der jüngsten Sitzung des Ortschaftsrates haben sie ihrem Ärger Luft gemacht.

Der Hintergrund: Die Stadtratsfraktion CDU/FDP/Bürger für Gerechtigkeit hat einen Antrag gestellt, dem zufolge auf der Industriebrache unter „nachhaltigen, umweltfreundlichen und emissionsarmen Gesichtspunkten“ neue Industrie angesiedelt werden sollte. Mittlerweile hat sich auch die SPD-Fraktion im Weißenfelser Stadtrat hinter diese Forderung gestellt.

„Wir haben uns seit der Wende bemüht, aus Burgwerben einen attraktiven Wohnstandort zu machen“

„Wir haben uns seit der Wende bemüht, aus Burgwerben einen attraktiven Wohnstandort zu machen“, sagt Ortsbürgermeister Hubert Schmoranzer und plädiert dafür, dass auf dem ehemaligen Bäckereigelände ein kleines Wohngebiet entsteht. Schon heute ist der Ortsteil im Weißenfelser Nordosten offenbar eine beliebte Adresse: Wohnten im Jahr 2010, dem Jahr der Zwangseingemeindung nach Weißenfels, noch 997 Einwohner in der Ortschaft, so waren es 2018 schon 1050 Einwohner.

Geht es nach dem Ortsbürgermeister, so soll dieser Trend weiter anhalten. „Wir haben Schule und Kita, wir haben Tourismus und Weinberge. Wir sind kein Gewerbe-, sondern ein Wohnstandort“, so Schmoranzer.

„Lkw-Transporte und klappernde Lüfter“

Rückenwind erhält er von den Bewohnern seines Ortes. „Lkw-Transporte und klappernde Lüfter - Wir haben 30 Jahre mit der Bäckerei gelebt. Jetzt ist unser Leben erst richtig lebenswert“, meinte Ingrid Zinke im Ortschaftsrat - und spielte damit auf die Zeit seit der Schließung der Bäckerei im März vergangenen Jahres an. Die Burgwerbenerin wohnt am Mühlrain unmittelbar neben der Industriebrache. Dort lebt auch Volker Wahlicht, der es noch drastischer sieht.

„Wir fühlen uns als Menschen zweiter Klasse“. Ihn macht einigermaßen stutzig, dass sich nacheinander CDU- und SPD-Stadtratsfraktion sowie ausgerechnet der stadtbekannte Unternehmer Christian Künzer öffentlich für eine weitere industrielle Nutzung des Areals ausgesprochen haben.

„Wir haben für das Gelände einen rechtskräftigen Bebauungsplan“

Den Ärger der Bürger konnte auch die sachlich-nüchterne Einschätzung der Stadt kaum besänftigen. „Wir haben für das Gelände einen rechtskräftigen Bebauungsplan, der ausschließlich eine Nutzung als Bäckerei zulässt“, sagte Frank Liebold, bei der Stadt mit der Bauleitplanung befasst.

Soll heißen: Ehe überhaupt eine andere Nutzung, welcher Art auch immer, infrage kommt, müsste der Bebauungsplan in einem langwierigen Verfahren geändert werden. Genau darauf zielt jetzt der Antrag der CDU-Fraktion ab, den der Burgwerbener Ortschaftsrat nach längerer Debatte mit den Anwohnern einstimmig abgelehnt hat.

„Ortschaften dürfen eigentlich Wohngebiete nur für den Eigenbedarf ausweisen“

Dabei dürfte auch die Errichtung eines Wohngebietes an der Stelle schwierig werden. „Die Ortschaften dürfen eigentlich Wohngebiete nur für den Eigenbedarf ausweisen“, erklärte Liebold. Er erinnerte an jüngste Debatten um ein Wohngebiet in Langendorf. Erst nachdem der Ort den Eigenbedarf nachgewiesen habe, sei ein weiteres kleines Wohngebiet genehmigt worden.

„Dann bleibt dort eben eine grüne Wiese“, meinte Anwohnerin Ingrid Zinke im Ortschaftsrat. Bürgermeister Hubert Schmoranzer hofft nun, dass der Antrag der CDU-Fraktion keine Mehrheit bekommt. „Die Bürger im Ort sollen entscheiden und nicht die Politiker“, so seine Meinung. (mz)