Latrine als Domizil

Latrine als Domizil: Das seltene Klo am Schloss Weißenfels

Weißenfels - In Weißenfels steht eines von nur noch drei preußischen Latrinengebäuden in Deutschland. Wie sich ein Verein um das historische Kleinod kümmert.

Von Andreas Richter 17.03.2018, 11:00

„Welcher Verein kann schon eine Latrine als Domizil vorweisen?“, sagt Jens Fischer vom Traditionsverein Infanterieregiment Sachsen-Weißenfels 1704-1746 mit einem Augenzwinkern. Und in der Tat: Das preußische Latrinengebäude auf dem Vorplatz von Schloss Neu-Augustusburg ist eine Seltenheit: Immerhin gibt es nur noch drei dieser Häuser in Deutschland.

Dass das Weißenfelser Exemplar heute als das am besten erhaltene gilt, daran hat der kleine Verein mit seinen zwölf Mitgliedern einen großen Anteil. Mit Sinn fürs Detail soll das Gebäude auch in diesem Jahr nach und nach weiter ausgestaltet werden. Im vergangenen Jahr bereits hatte der Naumburger Künstler Michael Patzer seine Handschrift hinterlassen. Ein altes Waschbecken und eine Rinne zur Verrichtung der Notdurft komplettieren die Zeitreise in das 19. Jahrhundert. Nun denkt der Verein unter anderem an eine historische Beleuchtung für den Ausstellungsraum, muss hier noch die nötigen Absprachen mit der Stadt treffen.

2003/04 hat sogar der teilweise Abriss des historischen Gebäudes gedroht

Heute scheint fast vergessen, dass in den Jahren 2003/04 sogar der teilweise Abriss des historischen Gebäudes gedroht hatte. Monatelang wurde damals in der Stadt darüber diskutiert, ob das Haus erhalten und wie es künftig genutzt werden soll. 15 Jahre später ist auch Vereinsmitglied Mike Sachse froh, dass der Abriss abgewendet werden konnte. „Das ist ein ganz besonderer Ort“, meint er. Die Errichtung des Gebäudes hänge eng mit der Nutzung des Schlosses als preußische Kaserne zusammen, weiß der Mitarbeiter des städtischen Museums. Bis zu 500 Soldaten seien seinerzeit dort gewesen.

„Die hygienischen Zustände waren aus heutiger Sicht untragbar. Die Fäkalien liefen einfach die Schlossgasse herunter“, weiß Sachse. 1826 sei dann das Latrinengebäude für die Soldaten errichtet worden. Nach 1945 war die Zeit als Toilette vorbei. Das Areal wurde von der Gebäudewirtschaft und später etwa bis zur Jahrtausendwende von der Weißenfelser Wohnungsverwaltung (WVW) genutzt. Während im Zuge der Neugestaltung des Schlossvorplatzes andere Gebäude abgetragen wurden, blieb die historische Latrine erhalten.

Heute gehört das Latrinenhaus in Weißenfels zum städtischen Museum

Heute gehört das Haus zum städtischen Museum. Dort können auch Führungen angemeldet werden. Und geht es nach dem Verein, könnte die Rarität am Schloss durchaus noch etwas mehr Aufmerksamkeit vertragen. Besucher können in der ersten Etage den Nachbau eines Plumpsklos mit sechs Plätzen besichtigen. Ein „richtiger“ Soldat sitzt auf dem Klo und erinnert an die Zeit der Preußen. Damals sollen sich bis zu 40 mit Holzwänden abgetrennte Toiletten dort befunden haben.

Schautafeln informieren über die Geschichte der Latrine. Im Erdgeschoss darunter standen Fuhrwerke mit Anhängern, auf denen die Fäkalien landeten, die dann mit Pferden abtransportiert wurden. Heute steht dort ein nachgebauter Wagen, mit dem der Verein beim alljährlichen Schlossfest auf die militärische Tradition der Garnisonsstadt aufmerksam macht.

››Nähere Informationen gibt es unter Telefon 03443/30 25 52. (mz)